Weiße Soli, (un-)kritische Soli

Wann ist Rassismuskritik zu „Identitätspolitik“ geworden?

31.07.18 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson
Tove Tovesson (*1986) studierte Pädagogik und Angewandte Ethik, lebt und arbeitet als freie*r Übersetzer*in und Autor*in in Berlin und twittert als @nichtschubsen über linke Themen.

Von Tove Tovesson

Seit einiger Zeit geistert der Begriff „kritische Solidarität“ durch Twitter. Gemeint ist wohl, Solidarität an Bedingungen zu knüpfen. Derzeit nehmen sich das offenbar besonders Leute, die nicht von Rassismus betroffen sind, zu Herzen, wenn sie sich Rassismusbetroffene vorknöpfen.

Illustration: Tine Fetz

Es kann ja nicht sein, dass man unschuldig von einer WoC, die in einem rassistischen Shitstorm versinkt, geblockt wird, da muss man schon mal ihren Arbeitgeber kontaktieren oder die eigenen Follower*innen auf sie hetzen. Es kann auch nicht sein, als Alman bezeichnet zu werden, wenn man doch Österreicher*in ist, denn das ist geschichtsvergessen und völkisch zugleich. Wer einer gestandenen (weißen) Antifa-Aktivistin dann noch selbst Rassismus unterstellt, überspannt wirklich den Bogen, denn man kann doch gar nicht rassistisch sein, wenn man Antifa-Aktivistin ist. Vielmehr haben wir es hier mit Identitätspolitik zu tun — aufseiten der Rassismusbetroffenen, die damit Weiße mundtot machen! (Ja, es ist schlimm auf Twitter.) Gut, dass die Solidarität in der weißen Antifa unkritisch ist, also zumindest untereinander. Manchmal hilft eben nur, WoC solidarisch wegzublocken, damit man wieder in Ruhe Antifa-Arbeit machen kann.

Denn man hat ja keine Chance als weiße Person im Gespräch über Rassismus mit Rassismusbetroffenen. — An solchen Aussagen von selbsterklärten Linken zeigt sich, wie tief Rassismus einfach auch bei uns noch sitzt. Wie viele von uns kommen nicht auf die Idee, dass Rassismus vielleicht schlicht kein Diskussionsgegenstand zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen sein muss, sondern man Betroffenen einfach glauben kann, sogar wenn man selbst die kritisierte Person ist. Es geht einfach in diesem Moment viel weniger um eine*n selbst, als man denkt. Aber auch diese Täuschung scheint weitverbreitet, schaut man sich die Vorwürfe gegen Mesut Özil an und wie plötzlich alle Meister*innen der Dialektik sind. Er erlebt zwar Rassismus und das ist schlecht, aber … Oder: Warum schreibt er denn nicht auf Deutsch? Da sieht man mal, wie schlecht er integriert ist!

Im Handumdrehen wird hier aus einer Benennung von Rassismus, die etliche BPoC bestätigen, ohne dazu irgendwie weiß-deutsche Erlaubnis oder Kritik zu brauchen, eine deutsche Integrationsdebatte. Denn die kann man immer gegen BPoC führen und gewinnen. Der einfache Grundsatz, „Wo kein Können, da kein Sollen“, ist beim Thema Integration nämlich außer Kraft gesetzt. BPoC sollen das Unmögliche leisten, wenn die weiße Mehrheitsgesellschaft Integration verlangt, ohne ihren Rassismus aufzuarbeiten. BPoC sollen nicht stören, aber sind doch von Anfang an als Störer*innen im Volkskörper markiert. Selbst in redundanten Diskussionen mit der weißen Antifa stehen sie am Ende als Aggressor*innen da, während Weiße sich gegenseitig Credit dafür geben, doch zu den Guten zu gehören.

Diese Selbstüberschätzung als Maß aller Dinge eint bürgerlich-konservatives Integrationsgejaule und die weiße Antifa. Weder Integration noch weiße Antifa sind Speerspitzen von irgendwas außer sich selbst. Sorry. Es gibt einige Dinge, die Weiße im antirassistischen Kampf übernehmen müssen, weil sie für BPoC qua Rassismus unverhältnismäßig viel gefährlicher oder nicht möglich sind, aber dazu gehört nicht zu bestimmen, was Rassismus ist und was nicht.

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