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Die Wiener Burschenschaft Hysteria fordert rechtsextreme Männerbünde heraus

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Judith Goetz erklärt im Interview, wie das funktioniert.

29.08.18 > Welt

Interview: Marielle Sterra

Der Autor und Journalist Hans-Henning Scharsach behauptete zuletzt, dass Österreichs „rechtsextremer, demokratie- und verfassungsfeindlich agierender Akademikerklüngel“ in Form der Burschenschaften nach der Macht greife. Wie siehst du das?
Judith Goetz: Ich würde vom Skandalismus etwas zurücktreten und sagen: Die Burschenschaften waren immer da und hatten immer Macht. Vor allem hatten sie schon immer überproportional viel Macht dafür, dass sie gesellschaftlich eigentlich eine sehr kleine Gruppe darstellen. Burschenschafter haben nach 1945 – sie waren zwischen 1938 und 1945 nicht verboten, wie sie selbst behaupten, sondern haben sich aufgelöst, weil sie sich selbst in den NS-Apparat eingegliedert haben – zumindest in Österreich eine wichtige Rolle bei der Bildung des sogenannten „Dritten Lagers“ gespielt: Sie waren sowohl in der Geschichte der Vorläuferpartei der FPÖ als auch später in der FPÖ selbst von großer Bedeutung. Und seit Heinz-Christian Strache an der Spitze der FPÖ steht, sitzen die Burschenschafter ganz fest im Sattel.

Ehre, Freiheit, Vatermord. ©Burschenschaft Hysteria

Heinz-Christian Strache ist Mitglied der schlagenden und deutschnationalen Burschenschaft Vandalia.
Das Lebensbund-Prinzip von Burschenschaften bedeutet, dass man der Verbindung immer treu bleibt, die Verbindungsbrüder unterstützt und ihnen im Leben weiterhilft. Deshalb funktionieren diese Verbindungen auch als Männerseilschaften: Wenn es Posten zu vergeben gibt, vergeben Burschenschafter diese in der Regel an andere Burschenschafter.

Aktuell ist es so, dass fast die Hälfte der Nationalratsabgeordneten für die FPÖ auch in deutschnationalen Burschenschaften aktiv ist. Was sich nun geändert hat, ist, dass sie nicht mehr nur im Parlament sitzen, sondern auch in der Regierung sind. Die FPÖ schickt außerdem Burschenschafter in viele Gremien, die über die Regierung hinausgehen, z. B. in Aufsichtsräte. Damit weitet sich die Macht und der Einfluss der Burschenschafter aus.

Deutschnationale Burschenschafter in Österreich sind außerderdem ein Verbindungsglied zwischen dem parteiförmigen Rechtsextremismus in Form der FPÖ und dem außerparlamentarischen Neonazismus der Straße. Das bedeutet, dass es in Österreich eigentlich keine wichtige neonazistische Aktivität nach 1945 gegeben hat, an der nicht in irgendeiner Form auch deutschnationale Burschenschafter beteiligt waren. Und diese Brückenfunktion, also unterschiedliche rechtsextreme Spektren zusammenzubringen, ist eine sehr wichtige Funktion der Burschenschaften. Das ist auch einer ihrer hauptsächlichen Machtpunkte in Österreich. Dass sie jetzt durch die FPÖ in der Regierung auch noch eine gestalterische Funktion haben, ist eine zusätzliche Komponente.

Inwieweit sind die Burschenschaften im öffentlichen (Universitäts-)Leben sichtbar?
Ich denke, dass das sehr kontextabhängig ist. An der Wiener Universität ist es tatsächlich so, dass sich die Burschenschafter aus Tradition jeden Mittwoch um Punkt 12 Uhr auf der Unirampe treffen und dort zwanzig Minuten lang Präsenz zeigen. Dagegen gibt es in regelmäßigen Abständen Proteste durch Antifaschist*innen, die versuchen, sich den Burschenschaftern in den Weg zu stellen. Das ist mit dem neuen Versammlungsgesetz nochmals schwieriger geworden, weil man nun fünfzig Meter Abstand halten muss.

Die Burschenschaft Hysteria wurde 2016 in Wien von einer Gruppe Frauen um die österreichische Autorin und Künstlerin Stefanie Sargnagel gegründet. Sie bezeichnet sich selbst als älteste Burschenschaft der Welt und proklamiert in ihren öffentlichen Aktionen u. a. die Errichtung eines „goldenen Matriarchats“, die Abschaffung des Männerwahlrechts sowie eine Frauen- und Transgender-Quote von achtzig Prozent in öffentlichen Ämtern. Wie bewertest du dieses Projekt im aktuellen politischen Kontext? Und was ist die Hysteria überhaupt – Kunstaktion oder politische Interventionsstrategie?
Es gibt unter den Mitgliedern der Hysteria einige Künstlerinnen, aber das führt nicht notwendigerweise zu dem Schluss, dass es sich hier um ein Kunstprojekt handelt. Es verbindet vielmehr unterschiedliche Momente miteinander, auch radikalen politischen Aktivismus. Ich finde, dass deutschnationale Burschenschaften in Österreich bis heute in Bezug auf ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung oftmals unterschätzt und als marginalisierte Gruppe Ewiggestriger abgetan werden. Die Hysteria schafft es, jene Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, die ihnen eigentlich zukommen sollte. Deshalb liegt die Bedeutung der Hysteria für mich vor allem darin, Aspekte deutlich zu machen, die in der Kritik an Burschenschaften lange Zeit ausgespart worden sind: so z. B. der burschenschaftliche Sexismus, der Antifeminismus, aber auch die Homo- und Transfeindlichkeit dieser Verbindungen. Gerade weil diese Ideologien auch in der gesellschaftlichen Mitte so tief verankert sind, wird oftmals übersehen, dass sie eben auch einen fixen Bestandteil extrem rechter Denkmuster ausmachen. Die Hysteria trägt durch die Aufmerksamkeit, die sie durch Übertreibungen, Zuspitzungen und parodistische Performances hervorruft, maßgeblich dazu bei, dass genau diese Aspekte des burschenschaftlichen Gedankenguts stärker in den Fokus rücken. Darüber hinaus treibt sie eine Entmystifizierung dieser Burschenschaften in Form einer radikalen Kritik voran. Natürlich hat sie auch einen interventionistischen Charakter, weil sozusagen in dieses Verbindungswesen hineininterveniert wird. Aber sie bringt eben noch eine zusätzliche Ebene der Kritik ein und zeigt durch Persiflage, Überspitzung oder Umkehrung die Konsequenzen des Gedankenguts der männerbündischen Vereine auf. Insofern hat sie sehr deutlich einen kritischen, politischen Charakter.

Bringt die Hysteria mit ihren Aktionen rechte Burschenschafter in Bedrängnis?
Im burschenschaftlichen Spektrum gelten Frauen, ebenso wie Jüdinnen_Juden, als nicht satisfaktionsfähig, das heißt, Frauen wird abgesprochen, dass sie Ehre in sich tragen und diese Ehre nach außen hin verteidigen können. Deswegen sind sie auch beim Ritual der Mensur nicht zugelassen, sie können also bei dieser Herstellung von Männlichkeit und Ehre nicht partizipieren. Und dementsprechend ist es im burschenschaftlichen Gedankengut so, dass Frauen sowieso nie ehrbare Gegnerinnen sein können. Daher reagieren Burschenschafter auf die Hysteria und insbesondere auf ihr bekanntestes Mitglied, Stefanie Sargnagel, ganz oft eben nicht mit Argumenten oder Kritik, sondern mit Beleidigungen, Stigmatisierung, Lächerlichmachung usw. Die Politik der Hysteria zeigt also Wirkung, weil sie bei den Burschenschaftern einen Nerv trifft, der ihnen wehtut. Das ist eine Form der Kritik, die sie sonst nicht gewohnt sind. Die Hysteria schafft es, durch ihre Aktionen hegemoniale Männlichkeiten sowie die Vorstellung von männlicher Herrschaft infrage zu stellen. Da zeigt sich, dass Burschenschafter zur Sicherung ihrer eigenen Privilegien ständig der gegenseitigen Versicherung des Fortbestehens der Geschlechterdifferenz im Männerbund bedürfen und dass der Angriff auf den Männerbund sie deswegen trifft. Das ist ein Unterschied zu den sogenannten Damenverbindungen, die für Burschenschafter bislang keine Bedrohung dargestellt haben, weil sie im Rahmen von strengen Geschlechterhierarchien und Aufgabenverteilungen bestehen und nicht dazu geführt haben, dass es irgendeine Aufweichung dieser männerbündischen Strukturen gegeben hat – beispielsweise dadurch, dass sich die Burschenschaften für Frauen geöffnet hätten. Die Hysteria sucht sich nicht die Form einer Damenverbindung aus, sondern beansprucht ganz klar die burschenschaftliche Organisationsform für sich. Dadurch wird das „Privileg“, dass sich ausschließlich Männer in einer solchen Organisationsform zusammenfinden dürfen, fundamental auf den Kopf gestellt. So kommt es zu einer Bedrohung sowohl des Fortbestands der antiquierten Geschlechterbeziehungen im Burschenschaftsmilieu als auch der burschenschaftlichen Privilegien.

Wie schätzt du den Umgang der Hysteria mit der Presse und ihre Verweigerung, als „feministisches Satireprojekt“ eingeordnet zu werden, ein? Erhält die Hysteria ihre Wirkmächtigkeit vielleicht erst dadurch, dass man sie nicht einfach als Kunstprojekt abtun kann?
Es stimmt, dass die Hysteria sehr viele Stellungnahmen abgegeben hat, in denen sie sich von Kunst und Satire distanziert. Dabei ist ihre Außenwirkung sowieso eine andere: Wenn Menschen, die die Hysteria nicht kennen, sie in der Uni oder bei einer anderen Aktion sehen, herrscht erst einmal eine sehr große Irritation. Und das ist ja nicht nur ein künstlerisches Moment, sondern vor allem auch ein politisches. Im Grunde genommen ist es eine Selbstermächtigung, dieser Zusammenschluss von Frauen, der in gewisser Hinsicht ebenfalls eine Seilschaft mit einem bestimmten politischen Interesse aufbauen will. Dieser Aspekt wird in der Berichterstattung oftmals unterbeleuchtet, indem man sehr stark darauf fokussiert, dass die Hysteria „Kunst“ oder „Satire“ sei.

Was sagst du zu „Ablegern“ der Hysteria, z. B. in München oder Berlin?
Es gibt inzwischen ganz viele solcher Burschenschaften, beispielsweise in Österreich neben der Hysteria die Infamia zu Linz, die Furia zu Innsbruck und die Paracelsia zu Klagenfurt, dann die Molestia in München, die Lethargia in Jena und die Furia in Berlin. Es wird sich an der Praxis der einzelnen Verbindungen zeigen, wie gut es ihnen gelingt, den politischen Anspruch der Urburschenschaft Hysteria weiterzuverfolgen. Aber ich denke, dass es nicht genug von diesen Burschenschaften geben kann, um eben auf das frauenfeindliche, antifeministische Gedankengut der männlichen Burschenschaften hinzuweisen und diese antiquierten Organisationsformen durch Überspitzung und Persiflage zu kritisieren.

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