Die Kundin

Kathrin, 37, war bei einer Sexarbeiterin und erklärt hier, ­warum sie es großartig fand.

31.08.18 > Sex & Beziehung

Protokoll: Stefanie Lohaus

Ich bezeichne mich nicht als Freierin, obwohl ich den Begriff nicht werte. Ich bin Kundin, die eine Dienstleistung in Anspruch nimmt. Ähnlich wie andere zur Kosmetik gehen, gehe ich zu einer Sexarbeiterin. Wie ich darauf gekommen bin, eine Sexarbeiterin aufzusuchen? Die Idee ist über mehrere Monate gereift. Ich war in Therapie und da kam ein sexueller Missbrauch aus meiner Kindheit zur Sprache. Der psychotherapeutische Gesprächsansatz hat für mich aber nicht funktioniert: Ich bin mir und meinen Fragen zu meiner Sexualität damit kein Stück näher gekommen.

Dann habe ich letzten Sommer Carolin Emckes Buch „Wie wir begehren“ gelesen. Beim Lesen dachte ich: „Ja, verdammte Axt. Ich begehre Frauen, und ich will ausprobieren, wie

das ist.“ Und zwar ohne emotionale Verantwortung für mein Gegenüber. Einfach Sex gegen Geld.

Auf der Deutschlandfunk-Webseite bin ich zufällig auf ein Interview mit der Sexarbeiterin Kristina Marlen gestoßen: Frauen kaufen Sex. Ich habe mir den Beitrag angehört und da war klar, das ist die richtige Frau!

ZorZor

Nachdem ich mit Kristina Marlen den Termin gemacht habe, habe ich meiner Therapeutin davon erzählt. Sie war entrüstet: „Sie gehen zu einer Prostituierten in den Puff?“ Und ich so: „Nicht in den Puff. Aber ja, schon. Und sie macht auch so Massagen …“ Das hat sie beruhigt: „Ach ja. Tantra-Massagen, das soll heilsam sein.“ Ich wollte aber keine Massage nach festen Regeln, sondern dass jemand sich ganz auf mich und meine Situation einstellt, mit einem weiten sexuellen Spielraum und genug Souveränität, ihn auszufüllen. Ich hatte auch nicht den Anspruch, dass da was geheilt wird. Denn Sexarbeiter*innen sind keine Therapeut*innen. Gleichzeitig kann viel Heilsames passieren. Für mich, auch als missbrauchte Frau, war es ermächtigend, für mich selbst Partei zu ergreifen, das hat sich gut und richtig angefühlt.

Vor meinem ersten Besuch war ich aufgeregt: Ist sie nett? Wie ist der Ort? Mag ich sie überhaupt riechen? Zuerst gab es ein Gespräch, darüber, was ich möchte und wie sie arbeitet: Ich wusste z. B., ich will viel berührt werden, auch intim und stimulierend, aber nicht, ob ich auch berühren will oder darf. Und dann hat sie das Gespräch umgesetzt. Sie trug zuerst Unterwäsche und so ein durchsichtiges „Nichts“ und entkleidete sich während der Session. Ich war bisher noch ein zweites Mal dort, da ging es neben Berührung und Bewegung auch um Bondage und ausgepeitscht werden. Das war geil und hat große Lust gemacht, auch darauf, mehr davon auszuprobieren.

Was ich gelernt habe: Es geht darum, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Das hört sich erst mal seltsam an. Wir reden viel davon, dass wir lernen sollen, wo unsere eigenen Grenzen sind, und dass die nicht überschritten werden sollen. Menschen, die schlechte Erfahrungen mit Sexualität gemacht haben, ziehen aber gar nicht ihre eigenen Grenzen, diese wurden durch Handlungen von anderen gesetzt. Und dann, als Frauen, setzen wir selbst und die Gesellschaft uns sexuelle Grenzen.

Über meine Besuche bei Kristina Marlen zu sprechen, bereitet mir grundsätzlich keine Probleme, aber nicht alle wissen es. Seit Sexarbeit in meinem Leben ist, spreche ich auch anders mit meinen Freund*innen über deren Sexualität: Wenn es da problematisch wird, dann geht es oft um Kommunikation. Darum, dass man Erwartungen und Hoffnungen hat, über die man nicht spricht. Weil man sich nicht traut, oder auch, weil oft die Worte fehlen. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/18.

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