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„Wann ist ein Mann ein Mann?“

Zwischen Behauptungsdruck und der Angst vor der Rache der Frauen. Dieses Stück verhandelt Männlichkeit neu.

14.09.18 >

Von Paula Perschke

In einer Welt, in der Mann mit Mensch und Frau mit Frau übersetzt wird, begibt sich das Ensemble (Elena Schmidt, Mareike Beykirch, Karim Daoud, Maryam Abu Khaled und Tahera Hashemi) nach einem Text von Lucien Haug auf die Suche nach dem Ursprung allen Übels. „Aber die Dinge waren doch schon immer so!“ Warum also was an den Verhältnissen ändern? Die Protagonist*innen in Suna Gürlers Inszenierung „Yor Are Not The Hero of This Story“  im Maxim Gorki Theater in Berlin haben panische Angst vor der Offenbarung und Zurschaustellung ihrer eigenen Mängel – und allem voran die Angst vor der Rache der Frau.

Foto: Ute Langkafel Maifoto. Mareike Beykirch, Tahera Hashemi, Elena Schmidt, Maryam Abu Khaled, Karim Daoud in „You Are Not The Hero Of This Story“ von
Lucien Haug, Suna Gürler

Im superschicken Dandy-Look und schnellen Schrittes betreten fünf Schauspieler*innen nacheinander das abgeschrägte Bühnenpodest im ausverkauften Studio Я im Maxim Gorki Theater Berlin. Ein steiles Gefälle steht ihnen bevor, dieses Bühnenbild, entworfen von Christina Mrosek, ist alles andere als einfach zu bespielen. Eine riesige Rutsche oder der beschwerliche Weg nach oben? Wir werden sehen.

Es scheint, als wären sie immer schon da gewesen. Schwäche zeigen? Fehlanzeige. Mit ihren dunkelblauen maßgeschneiderten Anzügen, den angeklebten Moustaches und ihren blütenweißen Hemden wirken die fünf Figuren zeitlos – eben so, wie wir uns die Mad Men im New York der 1950er-Jahre vorstellen würden. Und so verhalten sie sich auch. Sie kennen keine Grenze, denn sie sind schließlich gewohnt, überall Zugang zu haben.

Die selbsternannten Helden (je-)der Geschichte ziehen aufrecht ihre Kreise, während im Hintergrund eingespielt eine Stimmencollage läuft, bei der sich alles um die alles entscheidende Frage dreht: Wann ist ein Mann ein Mann? Hierzu wurden vom Ensemble schließlich „echte Männer“ befragt. Nach kurzem Gerangel unter Bros werden sich die fünf Platzhirsche einig: Eine Hauptfigur muss her. Ein Anführer. Dass der auserkorene Protagonist des Abends überhaupt nicht im Zentrum stehen will, kann nicht sein. Reiß dich zusammen, Mann!

Foto: Ute Langkafel Maifoto

Zwischen all dem Gebuhle handelt das Ensemble unter der Regie von Suna Gürler eine beachtliche Auswahl vermeintlicher Männerthemen aus: der Dauerdruck, gleichzeitig Breadwinner und Familienvater sein zu müssen, sich behaupten zu müssen, die Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, Unsicherheit im Umgang mit Frauen, Kontrollverlust und der Klassiker – die Abwesenheit der Vaterfigur. Alles unter dem kritisch glänzenden Stern der toxischen Männlichkeitsdebatte.

Die Dandy-Gang ringt stets um Aufmerksamkeit, wobei die Akteur*innen humorvoll mit Klischees spielen und diese gleichzeitig spielerisch gekonnt infrage stellen. So etwa besteht Maryam Abu Khaled auf bedeutsame Zitate: „What doesn’t kill you makes you stronger“, deren Quelle sie selbstverständlich preisgibt: „Kelly Clarkson.“  Komik liegt auch in der konsequenten Ablehnung eines längst überholten Bühnendeutsch. Englisch, Deutsch, Dialekte – alles, was die Stimmen der Darsteller*innen zu geben vermögen, ist an diesem Abend erlaubt.

Die verhandelten Themen sind dramaturgisch geschickt ineinander verwoben und erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Abend besticht durch herausragende Solomomente der Darsteller*innen. Und vermittelt so dem Publikum das Gefühl einer kollektiven Einheit auf der Bühne, in der auch die Einzelnen eine starke Stimme haben.

Foto: Ute Langkafel Maifoto

Die Dandys befinden sich in der Halbzeitkrise ihres Lebens, in der sie sich schließlich doch nach jemandem sehnen, die*der ihnen ganz einfühlsam die Spielregeln im Battlefield of Love erklärt. Vom Mansplaining zu Manbabes – so schnell kann es gehen. Im großen Moment ihrer finalen Bühnenreflexion fordern die Dandys schließlich, Namen zu nennen. Wer sind denn nun die Täter in der großen #MeToo-Debatte? In dem Moment erreicht die Inszenierung ihren Zenit und  größten politischen Moment. Die Figuren müssten sich theoretisch selbst abschaffen.

„You Are Not The Hero Of This Story“ gelingt der Spagat zwischen Witz und Ernsthaftigkeit. Dasselbe bricht dem Stück aber gleichzeitig fast die Beine. Die Theatertextcollage, ein Potpourri aus unzähligen Aspekten eines Themas, birgt die Gefahr in sich, oberflächlich zu werden. Hier wurden Fragmente eines komplexen Diskurses behandelt und  die Frage bleibt offen, „welche Männlichkeit“ hier so akribisch untersucht werden wollte.

 


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