Das Ende der Safari

Reiseliteratur steht in einer kolonialen Tradition. Wie kann man reflektiert damit umgehen?

Von Elisabeth Wellershaus

In den Reiseregalen großer Buchhandlungen geht es derzeit ziemlich turbulent zu. Bücher von couchsurfenden, meist weißen Schriftsteller*innen erzählen von Welterkundungen per Fahrrad, Motorrad, Esel oder Segelboot und prägen ein Reiseverständnis, das von der Jagd nach dem perfekten Moment lebt. Ihre Texte rufen auf, dem eigenen Fernweh nachzugeben, das ganz große Abenteuer zu erleben und sich dabei selbst zu entdecken. Doch so mitreißend das alles auch erzählt wird: Meist klingt das gehetzte Mantra eines „Been there, done that“-Tourismus durch.

Es ist kaum noch vorstellbar, dass Schwarze Schriftstellerinnen wie Zora Neale Hurston oder Maya Angelou das Genre vor Jahrzehnten mit poetischen und unkonventionellen Erzählungen aufmischten. Dass die Ikonen der Harlem Renaissance und die Bürgerrechtsaktivistinnen in aller Ruhe den eigenen Motivationen für den Besuch in der

„Fremde“ nachspürten. Dass sie sich uneingeschränkt einließen auf das Leben im Reiseland und ihren Blick auf das Unbekannte immer wieder überprüften. Hurstons Erkundungen des Voodoo auf Jamaika fallen in ihrer analytischen Genauigkeit heute schlicht aus dem Rahmen. Und auch Angelous afroamerikanische Perspektive auf Ghana wirkt im Vergleich zu manch aktuellem Reisebuch geradezu kompliziert.

Migrationsbewegungen, religiöse Radikalisierung und die Sehnsucht nach kultureller Eindeutigkeit verstärken gerade weltweite Abschottungsreflexe. Bei Autor*innen des 19. Jahrhunderts liest sich der imperiale Überlegenheitsduktus mittlerweile als Rechtfertigung einer ausbeuterischen westlichen Moderne. Selbst Reiseschriftstellerinnen wie die vielerorts bewunderte Annemarie Schwarzenbach war in den 1930er-Jahren nicht frei von den kolonialen Perspektiven ihrer Zeit. Auch die aktuelle Reiseliteratur scheint von einer gewissen Rückwärtsgewan…

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