Faulheit My Ass!

Die einen empowert Arbeit, andere zelebrieren ihre Faulheit. Doch die muss man sich erstmal leisten können.

25.09.18 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson
Tove Tovesson (*1986) studierte Pädagogik und Angewandte Ethik, lebt und arbeitet als freie*r Übersetzer*in und Autor*in in Berlin und twittert als @nichtschubsen über linke Themen.

Von Tove Tovesson

CN: Ableism.

Als ich in der fünften Klasse aufs Gymnasium kam, ging es bergab. Meine Mutter sagte irgendwann, ich müsse nur noch bis zur mittleren Reife durchhalten und könne dann eine Ausbildung machen, „etwas Praktisches“. Ich sei eher praktisch begabt. Ich verstand es damals zum Glück nicht, aber das ist eine Chiffre für „dumm“, so wie im Zeugnis, wo nichts Schlechtes stehen darf und es deshalb heißt, ich war „stets bemüht“.

„Faul“ sein aus politischen Gründen? Das muss man sich leisten können. © Tine Fetz

Es war in meiner Familie klar, dass eine Ausbildung eine Art Versagen ist, es sei denn, man ist ein Mann und wird Meister in einem alten Handwerksberuf, das ist dann wieder okay. Mein Opa (Dipl. Ing.) adressierte sämtliche Briefe immer einschließlich des akademischen Grades oder der Berufsbezeichnung, sofern sie ihm gut genug erschien. Tischlermeister Soundso, Oberstudienrätin Soundso. Ich war Schülerin oder sogar Gymnasiastin Tove T. Als ich mich dann trotz Depression und Angststörung und nach einem Schulwechsel tatsächlich durchs Abitur geschleift hatte: Abiturientin Tove T. Die Umstellung auf Bachelor und Master an deutschen Unis hat mein Opa nicht mehr verstanden, also dachte er sich dann lateinische akademische Grade aus. Im Studium bin ich zum Glück irgendwann auf Max Weber gestoßen, der mir protestantische Arbeitsmoral und damit auch meine Familie erklärt hat. Die Hoffnung meiner Mutter, dass ich irgendeinen vernünftigen Beruf ergreife, in dem ich verbeamtet werden kann, damit meine latente Lebensuntauglichkeit meine Existenz nicht mehr bedroht, ist die Hoffnung auf Erlösung, ein guter Beruf das Heilsversprechen.

Ich denke, jemand mit einem anderen Background als ich wäre auf weniger Verständnis gestoßen und allein wegen absurder Fehlzeiten früher aussortiert worden, was mir während der Schulzeit zwar ständig drohte, aber das Damoklesschwert fiel nie. In der Schule fehlten mir noch die Worte, um mein „Verhalten“ zu erklären, aber während des Studiums wurde es dann unangenehme Routine, Lehrenden zu gestehen, warum ich so oft nicht anwesend bin oder eine Prüfung nicht ablegen kann.

Ich hatte das Glück, während des Studiums nicht arbeiten zu müssen, hätte es aber auch wegen Depression, Angst und Migräne nicht gekonnt. Nach dem Master war ich ein völliges Wrack, und das seit meiner Jugend. Ich konnte mir keinen Beruf vorstellen, der mit der mittlerweile chronischen Migräne und meinen vielen Ängsten vereinbar wäre. Die Angst, niemals für mich selbst sorgen zu können, war erdrückend. Ich hatte aber auch Angst, das Thema Behinderungsgrad anzurühren und von diesem System noch mehr behindert zu werden.

Ohne „offizielle Anerkennung“ kam ich mir allerdings wiederum fake vor, selbst in der tiefsten Depression. Eine Personalerin in meiner Familie sagte: „Wenn du einen Behinderungsgrad hast, müssen die dich zum Vorstellungsgespräch einladen!“ Ob das stimmt, sei dahingestellt, aber die Vorstellung, eine Bürde zu sein, war ohnehin nicht verlockend. (Ja, mittlerweile kenne ich den Begriff ableism.)

Ich laborierte an meiner Gesundheit herum und betreute meine Großeltern, um nicht völlig unnütz zu sein (ableism!). Durch einen Glücksfall begann ich in dieser Zeit freiberuflich zu übersetzen. Also von zu Hause aus, ohne soziale Interaktion, zu selbstbestimmten Zeiten. Diese eigentlich prekäre Arbeit, bei der man neben schlechter Bezahlung auch immer um den nächsten Auftrag/Lohn bangen muss, stellte sich als perfekt für mich heraus, weil ich zufälligerweise auch noch gut darin bin. Bis ich davon leben konnte, durfte ich aber auch noch Bekanntschaft mit Hartz IV machen, ein Thema für sich.

Ironischerweise ist es tatsächlich eine Erlösung, diese Arbeit machen zu können, da ich seither deutlich seltener in der Situation bin, jemandem über meine Gesundheit Rechenschaft ablegen zu müssen. Meine Gesundheit bedroht meine Existenz nicht mehr. Ich kann für mich sorgen, obwohl ich nicht gesund bin, und das fühlt sich unglaublich an. Ich bin weniger behindert.

Als Hannah vor Längerem etwas Ähnliches bei der Mädchenmannschaft schrieben, reagierten Linke darauf mit Häme. Dieser positive Bezug auf Arbeit sei nicht links. Sie haben daraufhin noch einen ausführlicheren Text zu Behinderung und Arbeit geschrieben, der sehr lesenswert ist. Leider muss man es sich leisten können, eine bestimmte Art kritischer Distanz zu Lohnarbeit einzunehmen und z. B. politisch motiviert „faul“ zu sein. Als chronisch kranke oder behinderte Person wird man über „Erwerbsunfähigkeit“ bzw. nicht normalisierte Bedarfe ggf. in einem paternalistischen System kleingehalten oder damit bedroht. Sich darüber zu freuen, hier nicht unterzugehen, heißt nicht, dass wir die anderen vergessen haben, oder sich ganz in Sicherheit zu wähnen.

Wir schreiben ohne Rücksicht auf Verluste und das machen wir mit Absicht! Das bedeutet aber, dass wir kein fettes Anzeigengeschäft machen, denn leider gibt es nicht viele Firmen, die heute schon fortschrittlich genug sind, um auf ein queer-feministisches Heft zu setzen. Kein Wunder, dass kein anderer Verlag ein Heft wie Missy herausgibt. Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.

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