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Fetisch Kurdistan

Nicht erst seit den Kämpfen der Kurd*innen gegen den IS werden diese von manchen zum Lieblingsvolk verklärt.

27.09.18 > Welt

Von Rûken Hunermend

Eine Filmvorführung in einem ehemals linken Café in Berlin-Kreuzberg, vor ungefähr vier Jahren. Gezeigt wird ein Dokumentarfilm, der den Kampf der kurdischen Frauenguerilla in Nordsyrien, Rojava protokolliert. Im Publikum sitzen vor allem weiße, linke cis Männer. „Werden jetzt nur die schönsten Frauen aus der kurdischen Frauenmiliz YPJ (Yekîneyên Parastina Jin, Anm.) gezeigt?“, fragt mich eine kurdische Freundin. Auch sie merkt, dass hier mit der medialen Repräsentation des weiblichen Körpers und ihrer Wahrnehmung etwas nicht stimmt.

Als der sogenannte IS mit der systematischen Vertreibung und Auslöschung der Kurd*innen begonnen hat, haben sich sofort Kampfeinheiten gebildet, um die Zivilbevölkerung zu schützen und die Terroristen zu vertreiben. Die Kämpferinnen der YPJ haben international mediale Aufmerksamkeit erfahren, weil sich die zumeist jungen

Frauen, idealisiert als „wilde Amazon*innen“, völlig furchtlos dem Kampf gegen die Dschihadisten gewidmet haben.

Einem Kampf, der auch in der hiesigen Diaspora, wenn auch in einem komplett anderen Kontext und mit anderen Waffen, weitergeht. Nicht alle Kurd*innen sind Muslime und müssen sich auch in Westeuropa gegen dieselbe Diskriminierung wehren – was die weiße Linke wiederum gerne nutzt, um ihre antimuslimischen Ressentiments loszuwerden. Mal davon abgesehen, dass panarabistische Romantisierungen Kurd*innen außen vor bzw. sie schlicht nicht existieren lassen. Will sagen: Solidarische Bündnisse zwischen Communitys of Color – insbesondere zwischen Kurd*innen, Araber*innen, Iraner*innen und Türk*innen – zu schaffen, ist kaum möglich. Genug Gründe also, den eigenen White-Saviour-Komplex auszuleben und die „armen Kurd*innen“ schnell vor den Besatzer*innenmächten (den bösen Iraker*innen, Iraner*innen, Syrer*innen und Türk*innen) zu retten.  Die Blicke der Besucher*innen richteten sich nämlich nicht nur auf die Leinwand, sondern auch auf mich. Die weißen cis Typen, deren Flirtverhalten ich selten entschlüsseln kann, lächeln mich an – in diesem Fall ist es doch sehr auffällig und verwundert mich gleichermaßen, weil ich mich schon seit Längerem in linksalternativen Räumen aufhalte und Exotismus in dieser Form zugegebenermaßen noch nicht erlebt habe. „Jetzt bin ich plötzlich sichtbar für weiße linke Männer“, ein weiterer Kommentar meiner kurdischen Freundin, als wir uns über unsere Erfahrungen unterhalten.

©Lisa Tegtmeier

Frauen an der Waffe, die für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung stehen und gegen Terrorist*innen kämpfen – dieses Bild verkauft sich gut und macht Kurd*innen zur Projektionsfläche.

Das Interesse, das seit dem Beschuss der Stadt Kobanî 2014 in den Fokus rückte, hat aber auch einen anderen Hintergrund. Kurd*innen kämpfen nicht nur für Gleichberechtigung, autonome Selbstverwaltung und Ökologie, sondern auch dafür, ihren selbstverwalteten, demokratischen Konföderalismus aufzubauen. Was die weiße Linke besonders gut findet, denn Rojava ist nicht als Nationalstaat organisiert, sondern basiert auf kommunaler Selbstorganisation und einem basisdemokratischen Rätesystem. Dabei liegt der Fokus vor allem darauf, keinen Staat zu gründen, der verwaltet, sondern demokratische Prozesse zu etablieren, die auf Entscheidungen beruhen, die das Kollektiv im Konsens getroffen hat. Also Beteiligung statt Repräsentation. Mit dieser Struktur soll die Kultur der Überwachung und Strafe, die vornehmlich in staatlichen Strukturen vorherrscht, überwunden werden. Außerdem sollen alle Minderheiten einbezogen werden, denn in Rojava leben nicht nur Kurd*innen, sondern auch Aramäer*innen, Araber*innen, Ezid*innen und Christ*innen. Jede Gruppe soll sich innerhalb des demokratischen Konföderalismus mit ihrer Sprache und ihrer Kultur frei organisieren können. Der demokratische Konföderalismus ist also ein antinationales Modell. Und weil die Linke ja bekanntlich gegen den Nationalstaat ist, ist der Identifikationsfaktor mit der kurdischen Bewegung besonders hoch.

Es reicht aber natürlich nicht, sich politisch-theoretisch mit dem Freiheitskampf der Kurd*innen zu befassen – auch „Authentizität“ spielt eine wichtige Rolle. Deshalb fangen viele Linke an, kurzerhand kurdische Tänze und auch die Sprache zu erlernen. Dann sitzen Rojava-Romantiker*innen gemeinsam in Kursen mit Menschen, die von ihrem kurdischen kulturellen Erbe geprägt sind, die Familienmitglieder verloren haben, einfach weil sie Kurd*innen sind. Sie sitzen neben Menschen, die ihre Sprache nicht sprechen durften, weil sie sonst im Gefängnis gelandet wären oder Schlimmeres erfahren hätten.

Das soll nicht heißen, dass Sprachen und Tänze (wie z. B. Govend), die nicht die eigenen sind, nicht gelernt werden sollen. Aber es erfordert ein gewisses Maß an Sensibilität und Reflexionsvermögen, um zu verstehen, dass es sich für viele Menschen um ihre Existenz und nicht bloß um einen lustigen Tanz handelt – oder „kurdische Ringelreihen“, wie mir ein weißer, „solidarischer“ Linker mal erklärte. Leider ist auch in der weißen Linken Oberlehrerhaftigkeit ein weitverbreitetes kulturelles Phänomen. Inmitten eines kurdischen Sprachkurses dem Lehrer vorzuwerfen, die kurdische Grammatik sei unlogisch, bloß weil man(n) es nicht versteht, ist bspw. so ein Move, auf den man gerne verzichten kann. Genauso wie weiße Linke anderen Kurd*innen erklären müssen, wie die Govend-Schritte richtig zu tanzen sind. Serviceinfo: Sie unterscheiden sich teilweise von Dorf zu Dorf. Aber das nur nebenbei.

Es gibt auch einige, die gerne an vorderster Front mitmischen möchten. Eine weiße Frau, die Kurdisch lernt und auf jeder pro-kurdischen Demo ganz vorne steht, hat mir mal erklärt, dass die kurdische Frauenbewegung ihr „sehr viel“ gegeben hätte. Schön, wenn eine politische Bewegung andere Menschen erreicht, die es sich auf ihrer westeuropäischen Couch bequem machen können – aber es ist genau diese Selbstbedienungsmentalität, mit der viele der kurdischen Befreiungsbewegung gegenüberstehen. Wie im Supermarktregal, wo man sich nur die liebsten Produkte aussucht. Trauma und Schmerz lässt man im Regal stehen, aber Tanz und Sprache lassen sich einfach(er) kaufen. Ich würde behaupten, dass ich von Nicht-Kurd*innen schon einiges gesehen und erlebt habe, was mich persönlich geschockt hat. Der Gipfel war aber erreicht, als ich in einer Filmvorführung saß, die auch unter der Solidaritätsfahne lief. Die Organisatorin identifizierte sich sehr stark mit den kurdischen Frauen, auf ihrem Social-Media-Account zeigte sie das mit von sich selbst auf prokurdischen Demos geschossenen Bildern, auf denen sie ikonenhaftig und kämpferisch  posierte. Für den Tag der Veranstaltung wollte sie ihrer Identifikation noch mal stärker Ausdruck verleihen, indem sie die Kufiyah zu einem dreieckigen, bauchfreien Top umfunktioniert hat. Das Tragen dieses Tuchs entscheidet in anderen Kontexten über Leben und Tod: In der Türkei ist dieses Tuch eine klare Markierung für Kurd*innen, sie gelten als Terrorist*innen. Und Terrorist*innen kann man – so rechtfertigt es die türkische Regierung – aus nationalstaatlichen Interessen umbringen bzw. grundlos inhaftieren oder sie Polizeigewalt aussetzen. Wer das Tuch trägt, der*die wird mindestens als Kurd*in identifiziert oder aber direkt der PKK zugerechnet und steht damit auf der Abschussliste.

Diesen Unterschied, also den Kampf ums Überleben und die Romantisierung eines Kampfes als Hobby, den hatte auch ein weißer linksradikaler Mann nicht ganz begriffen, der mir lange von Rojava vorschwärmte, aber seinen Monolog frühzeitig beenden musste, weil er noch mit seiner Freundin verabredet war. Das ist schön für ihn, aber die meisten Menschen in den YPG/YPJ-Streitkräften haben keine Partner*innen. Ihr Freiheitskampf entspricht der politischen Realität, in der sie leben. Sie ist eine andere als die in Deutschland. Sie lässt sich nicht einfach adaptieren, ein Rojava wäre in Deutschland niemals möglich. Wer abends zur seiner Freundin muss, hat wahrscheinlich nicht denselben Beweggrund, aktiv zu werden, wie eine Person, die abends gar nicht zur Freundin kann, weil diese vom IS umgebracht wurde.

Natürlich kann niemand etwas dafür, wo er*sie steht. Aber sich den Expert*innenstatus umzuhängen, weil man ein paar Tage in Nordsyrien oder im Südosten der Türkei war, Vorträge darüber zu halten und dann noch zu beurteilen, wie der kurdische Befreiungskampf am besten auszusehen hat, ist das Gegenteil von Solidarität. Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht.

Auch als Schwarzer Block die Front eines Demonstrationszugs zu zieren, ist keine sonderlich gute Idee. Wer eine kurdische Demo besucht, wird feststellen, dass die Kurd*innen selbst sich nicht vermummen, sondern kesk û sor û zer (grün, rot und gelb) tragen, die kurdischen Nationalfarben. Diese sind bunt und lassen eine Kurdendemo oft eher wie eine Reggaeparty als einen links-autonomen Szenetreff aussehen. Sich in Sturmhaube und North-Face-Jacke als Repräsentant*in eines Freiheitskampfes zu fühlen, bringt vielleicht dem eigenen Ego etwas, den Kurd*innen hingegen, die seit Jahren friedlich in Europa protestieren, nicht viel. Im Gegenteil, sie macht die vehement zunehmende Kriminalisierung von Kurd*innen nur schlimmer.

Die kurdische Identität und damit auch der kurdische Befreiungskampf ist keine Kufiyah, die man mal so eben ablegen kann. Es ist keine aktive Entscheidung, die sich einfach widerrufen lässt. Solidarität ist wichtig, aber die Art und Weise, wie die weiße Linke sie ausführt, driftet oft in eine postkoloniale Romantisierung ab, in der der kurdische Freiheitskampf lediglich als Projektionsfläche der eigenen utopischen Fantasien dient. Das ist gefährlich, vor allem wenn es darum geht, dass Kurd*innen in Deutschland oftmals nicht mit weißen, linksradikalen Linken in einen Topf geworfen werden wollen, weil es ihren jahrelangen Kampf um Anerkennung in einer Welt, die in einem staatlichen System operiert, noch schwieriger macht.

Die YPJ würde ihre Fahne wahrscheinlich auch lieber im Deutschen Bundestag hängen sehen als auf der prominenten Fassade der besetzten linken Häuser in der Hamburger Hafenstraße. Auch wenn sie gegen Nationalstaaten sind, sind sie für politische Anerkennung – und das nicht nur von der weißen Linken.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/18.

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