Männer: Mischt euch ein!

Was bleibt nach einem Jahr #metoo?

02.10.18 > Sibel Schick
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Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Sie ist freie Autorin (taz), Social-Media-Managerin, arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation und ist Mitgründerin einer proaktiven, antisexistischen Online-Plattform. Sie provoziert gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter schreibt sie unter @sibelschick.

Von Sibel Schick

Lena, die Schwester meiner Mitbewohnerin, hat sich auf einen Stuhl in unserer Küche gesetzt und eine Packung Kekse aus ihrer Tasche geholt. Als sie die Packung auf den Küchentisch legte, haben meine Mitbewohnerin und ich Laute von Begeisterung von uns gegeben. Kekse. Lecker. „Als ich in den Späti lief, hat mich ein Typ blöd angemacht. Ich musste mich ganz schnell entscheiden, welche Kekse ich kaufen möchte, und schnell weg gehen.“ Als ich ihre Erfahrung auf Twitter schrieb, hat sich ein Freund bei mir gemeldet: „Männer, die auf der Straße belästigen, sind nur eine laute Minderheit.“

Brett Kavanaugh kommt nach Vergewaltigungsvorwürfen ins Schitzen – seine Boys stehen aber hinter ihm © Tine Fetz

Das Problem ist jedoch, dass dem Rest, also dieser angeblich schweigenden Mehrheit der Männer, sexuelle Belästigung einfach egal ist.

Vor dem Späti bei mir um die Ecke sitzen inzwischen viele Hipster. Fast jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, werde ich von irgendwelchen Männern belästigt, die da rumstehen. Die Hipster, die das Ganze mitbekommen, ignorieren das konsequent, genauso wie der Späti-Besitzer. Lena läuft inzwischen einen Umweg zum Späti, um eine bestimmte Straße zu vermeiden, wo sie ständig belästigt wird. Umwege zu laufen oder die Straßenseite zu wechseln, um nicht belästigt zu werden, ist Normalität unter Frauen.

Am 26. August twitterte Şeyda Kurt, eine „ze.tt“-Redakteurin, dass auch sie immer einen Umweg läuft, um eine Männertruppe zu vermeiden. Sie berichtet von Belästigung per Körpersprache wie verstörende Blicke, aber auch, dass ihr schon mal Sachen hinterhergerufen wurden. Jetzt hält sie sich fern von dieser Straße, wenn sie keine männliche Begleitung hat.

Circa eine Woche nach Şeydas Tweet bin ich nach Leipzig gefahren, um dort einen cis Mann zu besuchen. Eine knappe Woche war ich da, und die Zeit durfte ich ganz ohne sexuelle Belästigung verbringen, denn das passiert nicht, wenn cis Männer dabei sind. Sobald du als Frau gelesen wirst, wirst du von Männern als Kapital der Männerwelt eingeordnet, das unter Männern geteilt werden soll. Hast du einen cis Mann dabei, gehörst du ihm und von anderen wirst du in Ruhe gelassen. Solange Frieden herrscht. Bricht ein Krieg aus, dann bist du everybody’s capital.

Allerdings bin ich nach dieser einen Woche wieder nach Berlin gefahren und auf dem Weg zwischen der S-Bahn-Haltestelle und meiner Wohnung ganze drei Mal sexuell belästigt worden: zwei Mal verbal und ein Mal körperlich. Ein junger Mann, der mit seinem Fahrrad an mir vorbeifuhr, hat meinen Hintern angefasst. Ich war am Telefon, habe schrille Schreie von mir gegeben: „Verpiss dich, du Arschloch!“

Gleich zu Hause habe ich darüber getwittert, und schon kam ein Mann um die Ecke und hat mir die Erfahrung abgesprochen: „Und wir sollen das einfach glauben?“ und schrieb, dass ich mir das ausdenke, „um Artikel zu verkaufen“. Bis ich Männer unter meinen Follower*innen dazu aufgerufen habe, etwas dagegen zu unternehmen, standen seine Vorwürfe da unter meiner Belästigungserfahrung zunächst unwidersprochen.

Am 17. September twitterte Sara Hassan, eine Organisatorin und Menschenrechtsaktivistin, die Erfahrung mit einem übergriffigen Mann, der sie einfach nicht in Ruhe lassen wollte, obwohl sie ihm mehrfach gesagt hat, dass sie kein Interesse für eine Unterhaltung hat. Der Mann sagte darauf, dass sie ihre Haare anders tragen soll, wenn sie nicht angesprochen werden möchte. Und was passiert? Twitter-Nutzer*innen fangen an, sie zu fragen, wie sie ihre Haare trug. Anstatt übers Verhalten des übergriffigen Mannes zu sprechen, fragen sie lieber, wie sich die Betroffene verhalten hat. Das ist victim blaming, und sorgt dafür, dass die sexuelle Belästigung unter den Teppich gekehrt wird.

Am 16. September wagte Christine Blasey Ford, eine US-amerikanische Psychologieprofessorin, eine versuchte Vergewaltigung aus 1982 zu enthüllen. Es geht um den Richterkandidaten von Trump, Brett Kavanaugh, der sie auf einer Party versucht hat zu vergewaltigen. Ein paar Tage später twitterte Donald Trump, dass Ford oder ihre Eltern den Fall schon damals gleich gemeldet hätten, wenn es so schlimm gewesen wäre. Als Reaktion auf Trumps Relativierung entstand das Hashtag #WhyIDidntReport, und Tausende haben ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt geteilt, die sie nicht angezeigt haben. Ganz viele berichten von der Angst, dass ihnen niemand glaubt.

Das ist eine berechtigte Angst. Ganz egal, ob es um verbale Belästigung geht, Begrapschen oder eine Vergewaltigung, lauten die übliche Reaktionen: ignorieren, widersprechen, relativieren, victim blaming. Umso bewundernswert ist es, wie mutig Christine Blasey Ford ist, einen starken Mann zu enthüllen, hinter dem der US-Präsident steht. Nicht nur für sich, sondern für alle. Das ist die Bestandsaufnahme der #MeToo-Bewegung nach einem Jahr.

Nach der Senatsanhörung von Blasey und Kavanaugh schrieben mir einige Männer auf Twitter, dass ich erklären soll, wieso die Frau von Kavanaugh an seiner Seite steht und seine Taten zu verdecken hilft. Ein Mann soll versucht haben zu vergewaltigen. Was tun andere Männer? Sie sprechen über alles andere als das Verhalten des Mannes. Der Mann, der versucht haben soll zu vergewaltigen, bleibt geschont und geschützt. Von anderen Männern. Das geht so nicht weiter.

In ihrem Essay „Men Explain Things To Me“ zieht die Publizistin Rebecca Solnit Parallelen zwischen Ländern, in denen Frauen keine Zeugenaussagen liefern dürfen, und westlichen Ländern, in denen Frauen nicht geglaubt wird, wenn sie von sexualisierter Gewalt berichten, und fügt hinzu: „Glaubwürdigkeit ist ein grundlegendes Überlebenswerkzeug.“

Solange Männer instinktiv und kategorisch ausschließen, dass Frauen die Wahrheit erzählen, bleibt der Kampf gegen sexualisierte Gewalt ein Kampf ums Überleben. Solange Männer nicht von den entsetzlichen Erfahrungen von Frauen beleidigt werden, sondern von Hashtags wie #MenAreTrash, weil sie verallgemeinert würden, bleiben Männer trash. Die Männer und die Männlichkeit sind das Problem, und wer von sich glaubt, nicht Teil dieses Problems zu sein, muss sich einmischen. Laut werden und darüber reden, was andere Männer getan haben, und nicht darüber, inwiefern die Betroffenen verantwortlich sein könnten: Nur so werden Männer zum Teil der Lösung.


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