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Deutschland: Vereint gegen Feminismus

Auf Antifeminismus können sich reaktionäre Kräfte von extrem rechts bis konservativ einigen.

09.10.18 > Europa, Inland

Interview: Vina Yun

Juliane, du bist Mitherausgeberin des Sammelbands „Antifeminismus in Bewegung“, der sich mit dem organisierten Antifeminismus im deutschsprachigen Raum beschäftigt. Wodurch ist dieser aktuell gekennzeichnet?
Das Phänomen Antifeminismus ist ja kein neues und in den letzten Jahren sind eine ganze Menge guter Expertisen zum Thema erschienen. Allerdings beziehen sich diese in der Regel nur auf einzelne Gruppen. Die Idee des Buchs ist es, diese unterschiedlichen Gruppen zusammenzubringen: Wo liegen Parallelen und Schnittstellen der jeweiligen Akteur*innen, aber auch der Öffentlichkeiten, in denen diese unterwegs sind? Den aktuellen Antifeminismus kennzeichnet, dass er gut vernetzt und daher als Netzwerkprojekt zu sehen ist. Damit meine ich nicht zwangsläufig personelle, sondern vor allem diskursive Netzwerke. Viele prominente Akteur*innen des Antifeminismus würden sich nicht unbedingt gemeinsam an einen Tisch setzen – aber sie beziehen sich auf gemeinsame Feindbilder, sie nutzen eine gemeinsame Sprache und kommen so in den Angriffen zusammen auf das, was sie als „den Feminismus“ brandmarken oder, in neuerer Form, als „den Genderismus“.

© Johanna Benz

Woher kommt dieser diffamierende Begriff?
„Genderismus“ haben Protagonist*innen des organisierten Antifeminismus in ihren Angriffen gegen „Gender“ und „den“ Feminismus seit dem Sommer 2006 benutzt. Später ergänzten sie ihn um das Phantasma der „Frühsexualisierung“, als zweitem Schlagwort in ihrer Mobilisierung.

Was bedeutet „Frühsexualisierung“ in diesem Zusammenhang?
Unter diesem Begriff werden vor allem pädagogische Angebote kritisiert, die von vielfältigen geschlechtlichen und sexuellen Lebensweisen ausgehen. In dem Moment, wo sexuelle Vielfalt, wo eine Anerkennung nicht-heterosexueller Lebensweisen angesprochen wird, wird das von extrem Rechten oder auch bürgerlich rechten Akteur*innen sofort als „Sexualisierung“ aufgegriffen. Und da sich die pädagogischen Angebote an Kinder richten, sei es eine „Frühsexualisierung“. Doch es geht darüber hinaus: Indem gesagt wird, sexuelle Vielfalt sei gleichzusetzen mit Sexualität und Sexualität habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen, wird die Heteronorm verteidigt.

„Reihe gegen rechts“
Quer durch Europa bestimmen heute rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien die Politik mit. Nicht nur ihre Wahlerfolge, auch die fehlende Abgrenzung anderer Parteien haben vielerorts die politische Landschaft weit nach rechts rücken lassen. Trotz ihrer Unterschiede einen die Rechten gemeinsame, neue wie traditionell existierende Feindbilder, die sich u. a. in antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus sowie Antifeminismus äußern und die öffentliche Debatte prägen.
In der „Reihe gegen rechts“ werfen wir Schlaglichter auf den Status quo in verschiedenen europäischen Ländern und fragen nach, welche Gegenbewegungen es gibt und unter welchen Voraussetzungen diese agieren. Die Beiträge kommen aus Österreich, Schweden, Ungarn, Deutschland, Großbritannien und Griechenland. Illustrationen: Johanna Benz.

Du sprichst von Mobilisierungswellen antifeministischer Angriffe. Unterscheiden sich diese in ihren Argumenten?
Zu Beginn der organisierten antifeministischen Angriffe standen Argumente aus der maskulistischen Bewegung im Vordergrund. Die Maskulisten haben Antifeminismus zu einer eigenen Agenda gemacht und lassen sich als Antifeministen im klassischen Sinne charakterisieren. Sie sagen, dass der Feminismus machtvoll sei, er die Jungen unterdrücke. In den Angriffen gegen „Gender“ wurde zudem der Vorwurf einer „politischen Geschlechtsumwandlung“ erhoben, wie es Volker Zastrow in der „FAZ“ nannte. Gender und der Feminismus würden Menschen verbieten, Geschlecht und Sexualität so zu leben, wie sie es von Natur aus schon immer getan hätten. Diese Argumentationen wurden später angereichert mit dem Motiv des unschuldigen Kindes. Es geht jetzt nicht mehr nur darum, sich gegen die Feministinnen zu wehren, sondern auch darum, „unsere Kinder“ zu schützen.

Du hast den organisierten Antifeminismus als Netzwerkprojekt bezeichnet. Beziehen sich die Akteur*innen innerhalb des antifeministischen Feldes also explizit aufeinander?
Die einzelnen Akteur*innen sind sehr darauf bedacht, mit wem sie sich öffentlich an einen Tisch setzen. Ein Beispiel ist die „Demo für Alle“ in Stuttgart. Während die „Demo für Alle“ dort eine ganze Reihe an Demonstrationen organisiert hat, ist sie in Bayern direkt zum Kultusminister gegangen. Hier kommen dann Akteur*innen wie Birgit Kelle und Hedwig von Beverfoerde zusammen – beide aus dem religiösen Spektrum –, die sich im Amtszimmer des Kultusministers Ludwig Staengle über die gefährliche „Genderisierung“ und „Frühsexualisierung“ der Kinder unterhalten. Das war so ein Moment, wo sie sich gemeinsam haben fotografieren lassen und damit auch öffentlich demonstriert haben: Seht her, diese Verbindung gibt es. Der vorgesehene Bildungsplan wurde auf diese Weise aufgehalten, wenn auch nicht verhindert.

Im Becken des Antifeminismus tummeln sich unterschiedliche Protagonist*innen: rechtsextreme, konservativ-bürgerliche aber auch nicht-rechte Stimmen. Inwieweit ist es sinnvoll, hier zwischen den Gruppen zu differenzieren?
Ich glaube, gerade für die Gegenstrategien braucht es diese Differenzierung. Wenn ein CSU-Abgeordneter mir etwas von der „Genderisierung“ erzählt oder einen Antrag stellt auf „Wir brauchen mehr Geld für unsere Polizisten statt für Transgendertoiletten“, lässt sich das nicht gleichsetzen mit der Propaganda von Neonazis. Ebenso wenig bei evangelikalen Gruppen, die sich in ganz anderen Öffentlichkeitsfeldern bewegen. Die jeweiligen Motivationen und Begründungsmomente für ihren Antifeminismus unterscheiden sich: Die extreme Rechte kann mit einer religiös begründeten, gottgegebenen Ordnung relativ wenig anfangen, dort ist es der Glaube an eine volksgemeinschaftliche Ordnung, aus dem heraus sie agieren. Bei der bürgerlichen oder konservativen Rechten ist es eher ein Traditionalismus, mit dem argumentiert wird, also dass es nur Mann und Frau, in steter Zweisamkeit und miteinander wirkend, geben kann. Und wenn wir uns Teile der Naturwissenschaften anschauen – auch wenn die Kritik an Gender nicht nur von dort kommt, sondern auch aus den Sozialwissenschaften –, argumentieren diese sehr stark biologistisch. Antifeminismus ist also ein Einstellungselement, das sich in unterschiedlichen Weltbildern wiederfindet. Dort ist er nicht alleinige Agenda wie beim Maskulismus, sondern Teil von mehr.

Angriffe auf eine „Gender-Ideologie“ und Verschwörungstheorien über eine „feministische Weltherrschaft“ finden heute nicht mehr nur auf obskuren maskulistischen Seiten im Netz statt, sondern sind auch regelmäßig in sogenannten Qualitätsmedien zu lesen. Wie lässt sich diese erfolgreiche Anschlussfähigkeit an den Mainstream erklären?
Die Angriffe gegen „Gender“ als angebliche „politische Geschlechtsumwandlung“ kommen auch aus den sogenannten Qualitätsmedien, das ist kein neues Phänomen. Lediglich die Quantität hat zugenommen. Und das hat u. a. damit zu tun, dass die Qualitätsmedien stärker als zuvor versuchen, kontroversere Positionen abzubilden. Nach den Debatten über „Lügenpresse“ und „linksversiffte“ Medienlandschaft habe ich den Eindruck, dass nun Diskussionsbeiträge abgedruckt werden, die in dieser Form vor zehn Jahren noch nicht durchgegangen wären. Seit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist sehr viel mehr sagbar geworden, gerade auch in Bezug auf antimuslimischen Rassismus, aber auch auf Sexismus. Deswegen glaube ich weniger, dass Antifeminismus jetzt anschlussfähiger geworden ist, sondern die Debatte wird lautstärker geführt. Das ist ein Stück weit auch ein Ausdruck feministischer Erfolge und einer Liberalisierung von Geschlechterverhältnissen in den letzten Jahrzehnten. In dem Moment, in dem Geschlecht am stärksten infrage gestellt wird, gibt es gleichzeitig eine Verunsicherung. Antifeministische Akteur*innen versuchen, mit einer klar binären Geschlechterordnung darauf eine Antwort zu geben.

Juliane Lang arbeitet wissenschaftlich, journalistisch und in der politischen Bildungsarbeit zu Themen rund um die extreme Rechte, Geschlechterverhältnisse und Antifeminismus.

Juliane Lang und Ulrich Peters (Hg.): „Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt“, Marta Press, 336 S., 20 Euro

Auffällig ist, dass sich die Attacken auf feministische Forscher*innen und auf die Gender Studies häufen, die als „ideologisch“ und „pseudowissenschaftlich“ lächerlich gemacht werden. Warum schießen sich die medialen Debatten derzeit so sehr auf die Gender Studies ein?
Weil sie ein Stück weit institutionalisiert sind. Die massiven Angriffe geschehen in einer vehement personalisierenden Art, in der vor allem auf Wissenschaftler*innen eingedroschen wird. Das hat natürlich etwas mit Machtverhältnissen zu tun: Warum sitzen die denn da, wo ich als Mann früher den Anspruch gehabt hätte, dort zu sitzen?

Bleibt die Frage: Wie sehen mögliche Gegenstrategien aus?
Es braucht zunächst Bündnisse. Und das ist aktuell ein positiver Effekt: Umso lauter die Antifeminist*innen schreien, umso mehr wächst das Interesse an feministischen Inhalten. Es ist einiges passiert rund um antifeministische Events: Dass Antifa, Antira, LGBTIQ-Gruppen, Frauengruppen, Parteijugenden und andere an einem Tisch sitzen und sich Strategien gegen die „Demo für Alle“ überlegen, hat es in der Form lange Zeit nicht gegeben. Das Zusammendenken von Antifaschismus und Feminismus war lange ressentimentbeladen – von allen Seiten.
Ein weiterer Punkt ist, in die Debatten reinzugehen, zu vermitteln, dass die Idee von „Gender“ und geschlechtlicher, sexueller Vielfalt Leute nicht in ihrem Leben einschränken möchte, sondern es allen Menschen ermöglicht, ihr Leben zu führen. Eine Strategie, die in Bezug auf die extrem Rechte lange Zeit funktioniert hat, war die einer Isolierung. Ich denke, das ist bei antifeministischen Akteur*innen, die nicht explizit am extrem rechten Rand schwimmen, nicht zielführend. Gerade weil diese Vorstellung – die Gesellschaft bestehe ausschließlich aus Mann und Frau, diese bilden eine heterosexuelle Familie und haben Kinder – so manifest ist und ständig betont wird, können antifeministische Akteur*innen mit ihrer Rhetorik immer wieder an gesellschaftliche Debatten anknüpfen.

Das Interview ist zuerst in Missy Magazine 05/2017 unter dem Titel „An einem Tisch“ erschienen. 

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