Europäisches Standard-Haar

Weil wc-deutsche Friseur*innen anscheinend nur einen Haartyp kennen.

09.10.18 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Ich habe Locken. Schweres Haar und viel davon. Das ist ein Problem. Nicht das Haar an sich. Es ist fabelhaft! Dick, schwer, dunkel – gelockte Fabelhaftigkeit! Finde ich zumindest. Wc-Deutsche Friseur*innen sehen das aber scheinbar anders. Ständig erlebe ich, wie Friseur*innen es glätten, ausdünnen oder umföhnen, weil es so angeblich entweder schicker oder anders „sonst einfach nicht zu verarbeiten ist“. Ich habe so viele hilflose Friseur*innenversuche hinter mit, in denen meinem Haar Schreckliches angetan wurde, dass ich, in dem Moment, als ich eine Friseurin fand, die offensichtlich wusste, was sie mit meinem Haar tut, in meiner Verzweiflung nur noch sie an meine Haare gelassen habe. Das wäre ein Happy End, wenn sie nicht außerhalb Europas leben würde und ich ein Flugticket brauche, um mir die Haare schneiden lassen zu können. Da das einfach nicht alltagstauglich und absolut nicht finanzierbar ist, ich aber das Gefühl hatte, ich brauche wieder etwas Schnitt in meiner Haarpracht, habe ich es getan: Ich habe einen Friseur*innentermin ausgemacht.

Ob ausdünnen oder die Locken schmerzvoll rauskämmen: Wertschätzung für alle Haartypen geht anders. © Tine Fetz

Ich habe gesucht und mich von einem fancy teuren Frisurensalon blenden lassen, zu dem ein Friseur gehörte, der sich selbst als Lockenexperte darstellte. Also Termin gemacht und hin in den Salon. Ich wusste auf dem Weg schon, dass es eine schlechte Idee ist. Ich wusste es, als ich die Tür aufmachte. Ich wusste es, als ich die anderen Kundinnen sah. Ich wusste es, als ich mich in den Haarschneidestuhl setzte, und ich hatte unumkehrbare Gewissheit, als ich das Geräusch hörte: ritsch rutsch ritsch … Das Geräusch, das die Klinge macht, wenn jemand deine Haare ausdünnt. Ritsch ritsch ritsch. Er hat den Plan. Er weiß, wie’s geht. So nah ans europäische Standard-Haar ranzukommen, wie es geht.

Alles in Schland ist voller Werbung für Volumen-Shampoos, Produkte, die dein Haar dicker und kräftiger machen sollen, der neueste geile Styling-Scheiß, um alles auf deinem Kopf mehr und krasser und möglichst edgy aussehen zu lassen. Das alles gilt allerdings ausschließlich (!) für das europäische Standard-Haar. Laut Frisuren-Websites sind „wilde“ Locken gerade wieder der heiße Scheiß: Für europäisches Standard-Haar mit Dauerwellen in die platten Strähnen gezaubert! Uns werden die Locken geglättet, das Volumen raus geritscht, das Haar gebändigt. Ich habe jetzt gefühlt nur noch ungefähr die Hälfte auf dem Kopf, ein trauriger Überrest dessen, was da mal war. Aber die Locken fallen angeblich nun „viel hübscher“ und alles ist „viel überschaubarer“. Ich fühle mich wie in die wc-deutsche Waschtrommel geworfen und raus kommt … na ja europäisches Standard-Haar …  Oder zumindest ein Versuch davon. Es macht mich so wütend und so hilflos! Es ist schon lachhaft, dass es in Berlin derart schwierig ist, Friseur*innen zu finden, die Locken schneiden können. Die mit dickem, kräftigem, widerspenstigem Haar klarkommen und es nicht nur als „Herausforderung“ sehen. Oder Haarattraktion. Ich saß schon so oft in diesen Haarschneidestühlen mit Friseur*innen hinter mir, die wieder und wieder in meine Haare greifen, bevor sie überhaupt anfangen, und ohne, dass es notwendig wäre, sich mit wildfremden Kund*innen über mein eindrucksvolles Haar unterhalten, als wäre ich nicht da und dann alles dafür tun, dass mein Haar am Ende so wenig wie möglich wie mein eigenes Haar aussieht. So platt und fad, wie es irgendwie geht.

Ich kann gar nicht in Worte packen, wie sehr ich mir in meiner Jugend das Europäische Standard-Haar gewünscht hätte. Und wie sehr ich mein tosendes, schwarzes, festes, störrisches, lockiges Meer aus Haaren heute feiere. Und wie krass sich das anfühlt, was wc-deutsche Europäische-Standard-Haar-Friseur*innen daraus machen …

Mit platten, dünnen, angepassten Grüßen,
Ich


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