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Call Me By My Jewish Name

Meist ist das Tragen einer Kette eine Modefrage. Baumelt an dieser ein Davidstern wird es eine politische.

12.10.18 > Kommentare

Von Ina Holev

Einer meiner Lieblingsfilme war dieses Jahr „Call Me By Your Name“. Der Film wird für seine sommerlich inszenierte, schwule Coming-of-Age-Geschichte gefeiert. Mich hat ein ganz anderer Aspekt berührt: Ich erinnere mich an die Einstellung, in der dieses ganz besondere Schmuckstück, in der Sonne glänzt. Jüdische Personen, die in einem kleinen, katholisch geprägten Dorf in Italien sichtbar ihren Davidstern tragen!

© Shutterstock/Roman Yanushevsky

Ich bin nicht religös, aber ich würde manchmal gerne einen Davidstern tragen. Ich möchte einen Teil meiner Kultur und Geschichte offenbaren. Ich möchte zeigen: Wir sind noch und wir sind wieder hier.

Es soll in Deutschland mehr geben als nur Erinnerung an ermordete Jüdinnen*Juden. Ich will sichtbar werden, wie auch Missy-Kolumnistin Debora Antmann es bei einem ihrer Vorträge beschreibt. Das Tragen eines Davidsterns ist eine widerständige Strategie in einem Land, wo provokativ Kreuze aufgehängt werden – und somit das „Jüdisch“ einer behaupteten jüdisch-christlichen Kultur einfach ausgelöscht wird.

Doch das „Sichtbar-Werden“ erfordert Mut. Es bedeutet, angreifbar zu sein. Ganz egal, aus welchem Lager der Hass stammt. Unsichtbarkeit schützt dagegen. Wie positioniere ich mich aber als weiß gelesene jüdische Person in Zeiten, wo viele People of Color angegriffen und gejagt werden? Ich kann mich im Gegensatz zu vielen hypersichtbaren Personen of Color an den meisten Orten der Welt ohne Probleme in der Öffentlichkeit bewegen. Auch wenn wir die Geschichten und Perspektiven von Jüdinnen*Juden of Color nicht vernachlässigen dürfen, bei einer Mehrheit von Jüdinnen*Juden in Deutschland handelt es sich heute um Aschkenas*innen aus der ehemaligen Sowjetunion. Vielleicht spricht jemand meinen Namen falsch aus oder stört sich an den russischen Wortfetzen, die ich einwerfe. Doch nach außen hin bleibe ich für die meisten weiß.

Dennoch teile ich die Ängste und Sorgen vieler Minderheiten in Deutschland. Unbefangen mit der deutschen Geschichte und den Kontinuitäten bis heute zu leben ist nicht möglich. So gut wie alle Jüdinnen*Juden haben brüchige Familiengeschichten. Wir zucken zusammen, wenn Synagogen und jüdische Restaurants brennen und unter angeblicher Israelkritik antisemitische Parolen gebrüllt werden. Wenn ich mich sichtbar machen möchte, dann werde ich Fragen aufwerfen und damit unbequem, da ist es fast egal, wo ich bin. Ich frage meine Freundin A., die seit drei Jahren wieder ihren Davidstern trägt – manchmal versteckt, manchmal offen. Trotzdem wird sie immer wieder gefragt, was ihre Familie so zu Ostern macht. „Ich habe das Gefühl, dass jüdische Menschen einfach unsichtbar bleiben für die meisten. Als würden wir hier nicht existieren“, sagt sie.

Ich möchte nicht mehr länger unsichtbar sein. In der Unsichtbarkeit kann ich keine solidarischen Bündnisse schließen. Weder mit Jüdinnen*Juden noch mit anderen Personen, die von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen werden. In der Unsichtbarkeit empfinde ich keine Zugehörigkeit zu einer wc-deutschen Mehrheitsgesellschaft, stattdessen einen Ausschluss in weiten Teilen des feministischen Diskurses, welcher durch US-amerikanische Kategorien geprägt ist. Natürlich habe ich bei dieser Form des „Sichtbar-Werdens“ das Privileg, wählen zu können, was anderen unmöglich ist. Meinen Davidstern könnte ich schnell verstecken, was für Menschen mit einem Hijab nicht ganz so einfach ist. Einige jüdische Menschen, die eine Kippa tragen, verstecken diese unter Mützen und Kapuzen. Aber will man das, im Jahr 2018 in Deutschland? Ich habe die Wahl: Entweder zeige ich mich oder bleibe irgendwie noch unsichtbar und registriere weiterhin Antisemitismus aus dieser Position.

Nach langem Überlegen verwerfe ich die Idee, einen Davidstern zu tragen. Ich trage sowieso ungerne Ketten, das rede ich mir zumindest ein. Aber vielleicht brauche ich noch ein paar mehr empowernde Filmmomente mit funkelnden Davidsternen, noch mehr Vorbilder und ein bisschen Mut.

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