„Du sprichst ja ganz schön gut deutsch!“

Mit ihrem weißen Partner unterhält sich unsere Kolumnistin über Rassismus. Teil 1 eines Gesprächs.

16.10.18 > Josephine Apraku
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Josephine Apraku ist neues Elternteil. Zusammen mit Jule Bönkost leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Von Josephine Apraku

Mein Partner, ein weißer Mann, und ich, eine Schwarze Deutsche, erwarten gemeinsam ein Kind. Wie sich herausstellt, birgt allein die Tatsache, dass wir Eltern werden, Streitpotenzial sondergleichen. Erschwert wird das durch rassistische Machtstrukturen, die in unserer und auf unsere Beziehung wirken. Um auf lange Sicht – insbesondere um den neuen Mitmenschen schützen zu können – gemeinsam an einem Strang zu ziehen, streiten wir uns, setzen uns auseinander, verhandeln und finden Wege. In diesem Gespräch reflektieren wir als Partner*innen unsere Beschäftigung mit dem Thema Rassismus.

Zur Beziehungsarbeit gehört es dazu, unterschiedliche Lebensrealitäten zu verhandeln © Tine Fetz

Ich: Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es für mich von Beginn an wichtig war anzusprechen, dass Rassismus zwischen dir und mir ein Thema werden wird. Ich habe dich damals gefragt, ob du schon mal mit einer Schwarzen Frau zusammen warst. Kannst du dich da noch dran erinnern?

Er: Mir war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass es Rassismus in unserer Gesellschaft gibt. Aber das, was ich damals wusste, war im Grunde ziemlich oberflächlich. Als ich mich damit dann beschäftigt habe, habe ich gemerkt, wie tief das geht, welche Ausmaße das hat und wie viele Menschen davon negativ betroffen sind auf so vielen gesellschaftlichen Ebenen. Inzwischen habe ich dafür ein ganz anderes Auge entwickelt und nehme das einfach ganz anders wahr.

Ich: Ich bin damals auch darauf eingegangen, dass es mit deiner Familie Situationen geben wird, von denen du dir im Moment nicht vorstellen kannst, dass sie aufkommen.

Er: Ich war mir ja sehr sicher und hab vehement reagiert: „Meine Familie – die sind alle cool!“ Ich hab einfach zu dem Zeitpunkt nicht verstanden, worum es geht. Ich habe Alltagsrassismus mit einem offenen radikalen, absichtlichen Rassismus verwechselt. Mir war alltäglicher Rassismus kaum präsent, natürlich vor allem deshalb, weil ich weiß bin und weil ich die Auswirkungen auf Betroffene einfach unterschätzt habe.

Ich: Ich frage mich, wie es für dich war, deine Familie mit mir auf dem Familienfest zu erleben?

Er: Ich weiß noch, wir saßen zusammen auf einer Treppe, als mein einer Onkel gesagt hat: „Du sprichst ja ganz schön gut deutsch!“ Ich bin in dem Moment richtig eingefroren, hab mich total hilflos gefühlt, weil ich einfach nicht einschätzen konnte, wie ich jetzt am besten reagiere, um dich zu unterstützen. Sage ich jetzt: „Warum sollte sie kein gutes Deutsch sprechen? Sie kommt aus Berlin!“ Wäre dir das unangenehm, weil du das in dem Moment gar nicht ansprechen willst?

Ich: Ich hab das in dem Moment selber nicht gecheckt, weil ich ja kurz vorher erklärt hatte, dass ich in Berlin geboren und aufgewachsen bin. Ich dachte, dass er sich wundert, warum ich nicht Berlinere. Deshalb auch meine Antwort: „Ich kenne eigentlich keine Person aus Berlin, die berlinert.“ Wie ist das für dich, deine Familie plötzlich so anders wahrzunehmen?

Er: Ich war erschüttert zu sehen, dass meine Familie, was Rassismus angeht, einfach total uninformiert ist, sich aber gleichzeitig als informiert und politisch links betrachtet und meint, dass Rassismus kein Thema für sie sei. Mir hat das noch mal ganz krass den Spiegel vorgehalten, weil ich ja selbst durch die Gegend gelaufen bin und dachte, ich sei kein Rassist und Rassismus spiele insgesamt keine große Rolle. So nach dem Motto „ob Schwarz oder weiß – alle sind gleich“ – schlimm!

Ich: Wir hatten direkt nach besagter Familienfeier viele Streits. Aus meiner Perspektive hast du dich damals sehr angegriffen gefühlt.

Er: Ja (lacht), weil du mich als Rassist und Faschist bezeichnet hast (lacht). Nee, mal im Ernst, du hast das ja dann angesprochen, als wir wieder in Berlin waren – das war eh ne schwierige Zeit für dich, weil dir wegen der Schwangerschaft durchgehend schlecht war. Ich glaube, deine Erlebnisse auf meinem Familienfest anzusprechen war da einfach besonders unangenehm für dich. Als du dann den Kommentar meiner Tante, ob du trommeln könntest, und die Frage nach deinem guten Deutsch angesprochen hast, bin ich auf Abwehr gegangen und hab deren Verhalten mit „die haben das nicht so gemeint“ zu rechtfertigen versucht.

Ich: Drei Tage nach diesem Streit hast du dann deine Tante und deinen Onkel angerufen, um mit ihnen zu sprechen. Ich hatte den Eindruck, dass das echt wichtig für dich war.

Er: Das war eine neue Situation für mich – ’ne Art Feuertaufe: Ich hab eine Schwarze Freundin, die neu in unserer Familie ist. Dann sind da meine Tante und mein Onkel, die ich sehr lieb habe und mit denen ich ein komplexes Thema ansprechen muss. Ich möchte denen nicht auf die Füße treten – ich weiß aber, dass ich ihnen auf die Füße treten muss. Wir bekommen ein Kind zusammen, ich muss Rassismus in solchen Momenten offen ansprechen können, ohne das zu beschönigen.

Ich: Zum Abschluss – welche Lesetipps hast du für andere weiße Menschen?

Er: „Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette war sehr hilfreich für mich und macht in meiner Familie gerade die Runde und die Erfahrungsberichte unter dem Hashtag #MeTwo auf Twitter!


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