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Die weiße Frau als Ausnahme

Die Theaterregisseurin Laila Soliman im Gespräch über Krankheit als Widerstandsform.

15.11.18 > Theater

Die Theaterregisseurin Laila Soliman thematisiert in ihrer jüngsten Inszenierung Kolonialismus und das südafrikanische Gesundheitssystem. „Museum of Lungs“ führte sie beim Tashweesh Festival in ihrer Heimatstadt Kairo auf und sprach mit dem Missy Magazine über Krankheit als Widerstandsform im Kapitalismus, Repräsentation auf der Bühne und panafrikanische Parallelen im Gesundheitssystem.

Von Caren Miesenberger

Laila Soliman, Foto: Goethe Institut/Sabry Khaled

Ihre jüngste Arbeit „Museum of Lungs“ thematisiert u.a. Krankheit als Form des Widerstands im Kapitalismus. Weshalb ist Krankheit eine Form des Widerstands? Der Kapitalismus hat unsere jetzige Vorstellung von Gesundheit geformt. Er legt fest, was ein gesunder Körper ist und was nicht. Wie sieht ein gesunder Körper aus? Was macht er? Viele Leute machen sich jetzt über die Vorstellung von Gesundheit zur Nazizeit lustig. Worüber wir uns in dem Stück aus der Distanz lustig machen, ist nicht nur das „Arische“ und das Blondsein, sondern auch die Frage: Was ist ein gesunder Körper? Wie viele Muskeln soll er haben? Wie groß soll er sein? Was soll er leisten können?

Aber ist ein kranker Körper nicht viel mehr ein Gewinn für den Kapitalismus – die ultimative Zerstörung des Menschen?
Nein, er ist Ballast für die kapitalistische Gesellschaft. Der Trieb hinter dem Kapitalismus ist ja monetärer Gewinn. Jeder, der nicht dazu beiträgt, ist eine Last.

Für „Museum of Lungs“ haben Sie mit der südafrikanischen Autorin Stacy Hardy kooperiert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ich war von der panafrikanischen Zeitschrift „Chimurenga“ für einen Workshop in Dakar eingeladen. Dabei ging es darum, persönliches Material künstlerisch aufzuarbeiten und mit historischem Wissen zu verbinden. Stacy hat an meinem Workshop teilgenommen. Ich habe ihre Geschichte gehört und war sehr inspiriert, mit ihr ein Performanceprojekt zu machen.

Stacy Hardy erkrankte an Tuberkulose und erzählt in „Museum of Lungs“ anhand ihrer Erfahrung, wie das südafrikanische Gesundheitssystem weiße Menschen bevorzugt. Sehen Sie Parallelen zu Ägypten?
Nicht nur zu Ägypten. Die Parallelen gibt es weltweit. Südafrika ist einer der letzten sehr außergewöhnlichen Fälle von klarem Kolonialismus. Aber die sind nicht auf ein Land beschränkt, sondern es sind globale Fragen: Existieren Rassismus und Kolonialismus fort? Sklaverei ist abgeschafft, aber was sind moderne Arbeitsbedingungen von Menschen in unterschiedlichen Teilen der Welt? Wer profitiert von Sweatshops?

Tashweesh Festival, Laila Soliman, Portrait and performance during the Tashweesh Festival, Foto: Goethe Institut/Sabry Khaled

Wie steht das im Verhältnis zu Ägypten?
Für mich ist Rassismus keine Frage von Farbe, sondern eine von Privilegien und Hierarchien. Man kann genauso über Sexismus nachdenken. Meine gesamte Arbeit dreht sich um die Themen, die mich interessieren. Dabei frage ich mich immer: Wie darf man über andere sprechen?

Wie darf man das?
Politisch soll man nicht für andere, die weniger privilegiert sind, reden und sie präsentieren. Das ist eine heikle Angelegenheit, deshalb mache ich Arbeit über mich. Für mich war es eine umso interessantere Herausforderung: Es ist eine weiße Autorin, die Tuberkulose bekommen hat. Das ist eine epidemische Krankheit, die hauptsächlich Schwarze Männer kriegen. Sie kann sich über sie äußern, aber gleichzeitig nicht für diese Personen sprechen.

War es leicht, das zu inszenieren?
Was mich am Anfang gereizt hat, war nicht das Politische. Das kam erst durch unsere Zusammenarbeit. Der Text war über eine Frau in ihrem Umfeld, da war sehr viel mehr Theoretisches und Imaginäres. Aber ich glaube, es ist der Ton, wie sie es schafft, als Frau über sich und ihren Körper zu schreiben. Wo wir uns treffen, ist der Gedanke an Vulnerabilität als Quelle für Kraft. Sie hätte es allein nicht gewagt, gar nicht, über die Schwarze Arbeiter*innenmehrheit zu reden, die dieselbe Krankheit hat wie sie. Da kommt meine Co-Autorinnenschaft hervor. Für sie war es eher heikel: Wie kann ich als privilegierte Ausnahme über diese Krankheit reden?

Warum finden Sie es wichtig, dass sie als weiße Frau das tut?
Das hat damit zu tun, wie ich Feminismus und Rassismus sehe. Kein Künstler kann behaupten, dass er nicht in irgendeiner Weise privilegiert ist – und oft mehr als die Mehrheit der Gesellschaft. Speziell, wenn man über das Marginale redet. Die Frage ist: Wie macht man das? Ich finde, man kann sich nicht von dem Umfeld trennen, in dem man lebt. Von dem Kontext der Gesellschaft. Deswegen war es für mich wichtig, das zu thematisieren. Stacys Geschichte hat mich interessiert. Sie ist eine Ausnahme. Es ist komisch, sie auf der Bühne zu haben. Aber diese Ausnahmesituation muss thematisiert und ein Weg gefunden werden, darüber zu reden, dass sie als weiße Frau eine Ausnahme ist.

Tashweesh Festival, Laila Soliman, Foto: Goethe Institut/Sabry Khaled

Überlagert das nicht die Stimme derjenigen Leute, die häufiger und stärker von dieser Epidemie betroffen sind?
Wenn du als Zuschauerin das so siehst, kann ich das respektieren. Aber mich interessiert Marginalität in meiner Arbeit sehr. Was ist das Zentrum der Gesellschaft und wer wird an den Rand gedrängt? Das ist der jetzige Weg, wie wir damit umgehen. Wenn jemand das trotzdem so sieht, dann ist das so. Vielleicht sehe ich das dann in einem oder zehn Jahren auch so und denke, ach, das war eine Scheiß-Arbeit, natürlich hat es das überlagert.

Das Stück ist in Co-Produktion mit dem Berliner Theater Hebbel am Ufer entstanden. Wird es dort aufgeführt?
Ja. Wir haben noch kein Datum, es war für Juni geplant, jetzt kann es jedoch sein, dass es sich bis November verschiebt. Es wird aber definitiv nächstes Jahr in Berlin gezeigt.

Vielen Dank für das Interview!

Laila Soliman studierte bis 2004 Theaterwissenschaften und Literatur an der Amerikanischen Universität Kairo und der DasArts in Amsterdam. Die gebürtige Kairoerin ist als Theaterautorin, Regisseurin und Dramaturgin tätig. Sie war 2011 an den Protesten auf dem Tahrir-Platz während der Revolution beteiligt und thematisierte in ihrem Stück „No Time for Art“, das auch in Berlin aufgeführt wurde, die dort ausgeübte Polizeigewalt. Ihre Arbeiten wurden u.a. in Ägypten, Syrien, Libanon und Deutschland gezeigt. Sie lebt in Kairo.

 

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