Der Mut zum Neubeginn

Im Kino: „Die Erbinnen“ nimmt patriarchale (Beziehungs-)Strukturen kritisch in den Blick.

29.11.18 > Film & Serien

Von Sophie Charlotte Rieger

Weil ihre Lebensgefährtin Chiquita (Margarita Irún) ins Gefängnis muss, ist Chela (Ana Brun) größtenteils auf sich allein gestellt. Die einst wohlhabende Tochter aus gutem Hause muss ihr Leben plötzlich ohne die üblichen Bequemlichkeiten und vor allem weitgehend allein bestreiten.

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Unfreiwillig und nervös chauffiert sie schließlich sogar die Nachbarin (Nilda Gonzalez) zu ihrer Nachmittagsverabredung und erhält dafür zum Dank einen kleinen Obulus. Vermutlich zum ersten Mal im Leben verdient Chela durch Arbeit ihr eigenes Geld und entdeckt die damit verbundene Unabhängigkeit und Selbstermächtigung. Schnell spricht sich das „Frauentaxi“ herum – und es beginnt ein neues Leben mit neuen Herausforderungen.

„Las herederas“ ist in erster Linie eine Geschichte über jene Emanzipation, die erst durch einen neuen – in diesem Falle unliebsamen – Aktionsraum entstehen kann: Ohne die dominante Partnerin kann sich Chela endlich ihrer eigenen Stärke bewusst werden. Hauptdarstellerin Ana Brun spielt dabei die Entwicklung der Figur mit dem ganzen Körper und zieht ihr Publikum vollständig in den Bann.

„Las herederas/Die Erbinnen“ (PY/UY/BR/DE/FR 2018)
Regie: Marcelo Martinessi. Mit: Ana Brun, Margarita Irún, Nilda González, u. a., 95 Min., Start: 29.11.

Indem Regisseur Marcelo Martinessi eine lesbische Beziehung erzählt, vermeidet er geschickt traditionelle, sexistische Zuschreibungen. Chela ist keine abhängige Persönlichkeit, weil sie eine Frau ist, und Chiquita fällt nicht aufgrund ihres Geschlechts übergriffige Entscheidungen für die Freundin. Somit kann „Las herederas“ patriarchale (Beziehungs-)Strukturen kritisch in den Blick nehmen, ohne sich vereinfachten Geschlechterstereotypen zu bedienen. Das Ergebnis ist eine ebenso glaubwürdige wie berührende queere Ermächtigungsgeschichte über den Mut zum Neuanfang.

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