Weder Coach noch Boss

Von Kollegah lernen heißt nicht siegen lernen.

Von Hannah E. Schlüter

Ich würde wirklich gern mal mit Kollegahs Mutter reden und sie fragen, ob sie sich freut. Er hat sein Buch für sie geschrieben, sagt er. Er rappt, sie solle sich keine Sorgen machen, ihr Sohn sei ein Löwe, er ficke sie alle. Man muss keine Mutter sein, um sich vorzustellen, dass wohl kaum eine Mutter sich darüber freut. Wenn du Kollegahs Mutter bist, ruf mich gerne an und erzähl mir deine Gefühle dazu!

Kollegah will jetzt nicht mehr nur auf der Bühne, sondern auch als Lebensratgeber der Boss sein. ©pitpony.photography/CC-BY-SA-3.0

Aber ich will hier nicht von Musik reden, sondern von Erziehung, also kommen wir zum eigentlichen Grund dieses Artikels: Kollegahs neuer Berufung zum Lebensratgeber und Coach, die sich in der Sachbuchbestsellerliste bemerkbar gemacht hat.

Wenn du etwas über krisenhafte Männlichkeit erfahren möchtest, lies das Buch. Kauf es nicht, aber lies es. Felix Blume – so lautet Kollegahs bürgerlicher Name – sagt es dort eigentlich schon selber: Früher nutzte er die Schwächen anderer Männer, indem er ihnen Gras verkauft hat (Blume 142), jetzt ist seine Marktlücke eben deren unerfüllte Libido.

Kern von Blumes Programm ist dabei richtig krudes neoliberales Männlichkeitsgehabe, eine interessante Mischung aus dem Abfeiern eines archaischen Jäger-Start-up-Unternehmertums und Aufstiegs- und Allmachtsfantasien.

Seine Leser könnten sich dabei aber schon ein bisschen für dumm verkauft fühlen, wenn sie lesen, dass sie alle krasse Bosse werden können, wenn sie nur hart genug an sich arbeiten und die zehn Bossgebote einhalten, und dann aber gleichzeitig im Buch steht, dass eben nur ganz wenige zu echten Bossen werden. Manche bleiben wohl bei der Verinnerlichung des „Alpha-Mindsets“ auf der Strecke, die geistige Bosstransformation schaffen nur die ganz Disziplinierten. Was mit den Abgehängten und Betas passiert, damit befasst sich Blume nicht, damit können sich dann die nervigen Lauchs beschäftigen, die ihm ständig Antisemitismus vorwerfen. In der Beschreibung der verschiedenen Arten von Frauen differenziert Blume auch nur zwischen zwei Sorten: die geldgierigen Bitches und die Aufrichtigen, die können dann auch durchaus erfolgreich, also „alpha“ sein, klar.

Man möchte die Leser des Kollegahbuchs eigentlich liebevoll in den Arm nehmen und sagen: Die Pubertät geht vorbei, deine Gleichaltrigen werden auch erwachsener und du musst „die Frauen“ nicht mit Härte beeindrucken, sondern kannst auch mit ihnen sprechen. Aber das wäre wahrscheinlich nicht von Erfolg gekrönt, denn was Blume ihnen unterstellt, ist, dass sie mit Frauen besonders eins tun wollen: ficken. Es ist eigentlich ein Trauerspiel, dass ihnen die Lektüre des Buchs wohl nicht dazu verhelfen wird.

Weil Blume ihnen einiges verbaut: Er versaut ihnen die Möglichkeit, einen ansatzweise respektvollen Bezug zu denen aufzubauen, mit denen sie Beziehungen – und in ihrer aktuellen Lebensphase wahrscheinlich vorwiegend – Sex haben wollen. Er macht sie zu incels (involuntary celibates), die zu kalkulieren versuchen, wie sie ihr vermeintliches Recht auf Sex bei welcher Art von Frau am besten durchsetzen können. Sex durch Kalkül macht diese jungen Männer vermutlich einsamer, nicht erfolgreicher.

Es sind zwei Dinge, die an „Das ist Alpha“ besonders falsch sind: Erstens ist das Buch ein Aufruf dazu, die eigenen Grenzen so lange zu übergehen, bis man sie nicht mehr achten muss. Sich abzuhärten, bis nicht der Arzt kommt. Denn zum Arzt gehen würden nur Schwachis, zum Therapeuten erst recht. Über Liebeskummer jammern geht für Blume übrigens auch nicht. Wenn du sagst, du kannst ohne eine Person nicht leben, dann bist du ein Jammerlappen und kannst dich auch gleich umbringen. (196)

Seine Grenzen zu übergehen hat Kollegah übrigens gelernt, als er beim Trainieren so lange gerannt ist, dass er auf Zuggleisen zusammenbrach, auf denen sich kurze Zeit später ein Zug näherte, sodass er sich schleunigst in Sicherheit begeben musste und seine Beine sich doch noch mal bewegen konnten. Upsi, ein quasi-suizidales Schlüsselerlebnis als die Erfahrung, die Erfolg ermöglichen soll? Er konnte danach auf jeden Fall endlich der Schnellste im Wettrennen sein, wie er es sich gewünscht hatte. (85/86)

Eier ganz hart kochen, festschrauben und los
Der Brite Jack Urwin hat es in seinem Buch „Boys don‘t cry“ gut auf den Punkt gebracht: Eines der Kernprobleme in der ganzen Debatte um Männlichkeit und ihre oft toxischen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Männern ist „emotionale Verdrängung“ (Urwin 57).

Das Alphabuch liest sich leider viel zu oft als eine Aufforderung genau dazu. Dieses Sich-Hart-machen-Wollen ist ja nachvollziehbar, Kapitalismus ist für alle anstrengend. Aber es ist auf jeden Fall nicht der Weg zu coolen Beziehungen mit deinen Mitmenschen und auch nicht zu der Aufrichtigkeit, für die sich Blume dann doch in manchen Passagen starkmacht.

Eigene Grenzen und Schwächen anerkennen ist eine nicht zu unterschätzende Kompetenz und trägt immens zur eigenen psychischen Gesundheit bei – und zur Prävention von Boss- und Herrenmenschfantasien. Und es ist wichtig, das sogenannte „Rumheulen“ auch mal mit Vertrauenspersonen zu teilen. Manchmal haben Männer und Jungen sogar eine Depression, ich weiß, richtig unbosshaft, aber es ist total schön, wenn denen nicht erzählt wird, dass sie sich einfach nur härter machen müssen.

Und da sind wir beim zweiten problematischen Punkt: „Das ist Alpha“ vereinzelt statt zu vergemeinschaften. Die Leser sollen als starke Individuen in die Kampfarena treten. Die Schuld liegt immer bei der Einzelperson, eine Gesellschaft mit besseren und schlechteren Aufstiegschancen gibt es nicht, nur gutes oder schlechtes „Schicksal“.

Klar, es gibt da irgendwie andere, auch bei Blume, aber am Ende ist es so wie im Promovideo für das Buch, in dem Blume alleine, oberkörperfrei mit einem Fell auf den Schultern und Bogen in der Hand den Berg hochrennt: Mit seinen Haltungen in deinem Kopf stehst du am Ende alleine auf dem Berg und keine*r wird Kaiserschmarren mit dir essen wollen. „There’s no such thing as society“, hat Margret Thatcher 1987 gesagt; 2018 führt Kollegah ihr Erbe weiter.

Kollegahs Programm beruht wohl auf dem Lebensgefühl seiner Schulzeit, der Zeit des Drogendealens und des „Kopfficks“, die ihn zwei Dinge lehrte: „Zum einen, ein ausgeprägtes Grundmisstrauen gegenüber Menschen zu entwickeln. Zum anderen eignete ich mir die Fähigkeit an, mich durchzusetzen. Ich verstand, dass man geopfert und ausgenutzt wird, wenn man Schwäche zeigt.“ (Blume 143)

Kollegahs jugendliches Ich reagierte auf die Härte seiner Umgebung mit „Eier festschrauben“ (ebd.). Ich möchte in seiner festgeschraubten Eierwelt nicht leben und ich möchte nicht, dass Jugendliche denken, Kollegahs Rezept mache sie zu psychisch gesunden und angenehmen Zeitgenossen.

Mir sind alle scheißegal, ich will alle besiegen
Im „Backspin“-Interview stilisiert sich Blume zum freien Querdenker, der ohnehin immer unbeliebt war, weshalb Kritik ihm natürlich völlig egal ist. Diese Gleichgültigkeit gegenüber allen anderen – ob nun echt oder nicht – ist wohl auch der Grund, warum für ihn durchgeht, Frauen an ihren dominanzbedürftigen, natürlichen Platz zu verweisen, denn jede, „egal wie Alpha“ sie ist, teile den „Instinkt“, schwach und führungsbedürftig zu sein: „Der natürliche Instinkt der Frau ist nun mal der, dass sie das schwächere Geschlecht ist und eine stärkere Führungsperson an ihrer Seite haben möchte, um auch eine Sicherheit im Leben zu haben. Das ist in der menschlichen Natur meines Erachtens nach verankert.“ („Backspin“-YouTube-Interview Minute 53)

Seine Mutter erwähnt Blume ja tatsächlich immer öfter. Hat sie ihm das über sich erzählt? Dann soll sie mich einmal mehr anrufen.

Und es scheint da ein Missverständnis hinsichtlich feministischer Bestrebungen zu geben, wenn Blume schreibt: „Von allen Seiten hört man schließlich, wie wichtig Frauen sind, viel wichtiger als Männer. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob es in der Praxis tatsächlich so aussieht, aber wenn man nach dem geht, was die Medien einem so erzählen, sind Frauen das Maß aller Dinge.“ (Blume 194)

Nein, genau darum geht es im Feminismus nämlich nicht, auch wenn viele Frauen so beschissene Erfahrungen machen, dass sie sich vielleicht manchmal wünschen, es würde darum gehen, dass Frauen wichtiger werden als Männer. Es geht dabei nur darum, dass Frauen und das ganze Spektrum nicht cis männlicher Geschlechter (für Blume gibt es natürlich nur zwei) nicht permanent abgewertet, belästigt und in ihrem Raum und Dasein eingeschränkt werden, weil irgendwelche Typen gerade Bock haben, den allmächtigen Boss raushängen zu lassen.

In blumigstem Blume-Sprech gesagt: Diese Erkenntnis wäre „Bewusstseinsstufe“ 5.

Und ich bin zuversichtlich, dass auch Blume sie erreichen kann! Das ist die Stufe, auf der man selbst stark sein kann, ohne andere als Lauchs oder die eigene soziale Herkunft als Pennerleben (98) abzuwerten.

Also, lieber Felix Blume: Pädagogisch wertvoll wäre, wenn die Männer, denen du dein Buch verkaufst, ihre eigenen Grenzen und die der anderen wirklich erkennen und respektieren lernen, dann läuft ihr Leben bestimmt ganz gut, ohne dass sie den Drang haben, sich bosshaft über andere zu erheben. Es tut mir leid, dass du in Armut aufgewachsen bist und dass dein Freund Robbi gelacht hat, als du gesagt hast, dass du Rapper wirst. (111) Aber du sagst ja selbst: Eine schwere Kindheit betrauern, das machen nur Lappen, an der Vergangenheit wollen wir uns nicht aufhalten. (107) Jetzt kann ich dich daran messen, ob du in deinem Buch eine Philosophie der Härte und Gleichgültigkeit gegenüber anderen propagierst, oder eben nicht.

Rapper, bleib bei deinen Punchlines
Du rappst in „Dear Lord“, dass du den Job machen willst, den in Deutschland die Eltern nicht machen. Bitte nicht. Also sehr progressiv von dir, dass du als stahlharter Mann Erziehungsaufgaben übernehmen willst, aber ich glaube, dir fehlt doch einiges an emotionaler Tiefe, um anderen Menschen beizubringen, mit sich selbst und dem Leben klarzukommen. Aber vielleicht liegt hier auch der Hund begraben: Für das, was die Männer suchen, die dein Buch lesen, sind wenige gute Vorbilder da. Also coole und nette Männer, die nicht super akademisch (Lauchs) sind, keine Komplexe mit ihrem Selbstwert haben und die mit ihren Schwestern, Freund*innen und sogar männlichen Freunden über ihre Probleme reden, wenn sie welche haben. Ich meine hier nicht den „kalkulierenden Player David Beckham“, mit dem du dich im selben Song vergleichst, oder Christian Lindner oder Horst Seehofer. Da gibt es einen Mangel, der bisher scheinbar nur von Typen geschlossen wird, die nicht gerade durch Einfühlungsvermögen oder Weitblick glänzen. Mit deinem Buch beweist du allerdings nur, dass der Quereinstieg von Rap zu Pädagogik auch nicht die Lösung dieses Problems ist.

Und es kann auch sein, dass ich hier gegen einen Typ von Männlichkeit anschreibe, der eh nur noch Spaß- oder Battlerap ist – das wäre total geil. Aber auch dann hat es vielleicht irgendwas genützt, denn nach allem, was ich über Erziehung weiß, bedeutet sie auch und gerade, Menschen zu begründen, warum manche Arten zu sein und sich zu verhalten scheiße sind und andere nicht.

Was du den Kids da vermitteln willst, ist jedenfalls so scheiße und dazu noch verwirrend, dass es den Bestsellerlistenplatz über Sarrazin wirklich verdient hatte. Man kann da weit oben stehen und trotzdem das Letzte sein, das gilt auch für Bosse. Und ob du jetzt ganz allein schuld bist oder ob das auch was mit dem System oder dem Schicksal zu tun hat, habe ich immer noch nicht verstanden.

Das ist Alpha! Die 10 Boss-Gebote
Kollegah
Riva, 256 Seiten

 

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