Zeit für Revolution

In der Graphic Novel „Drei Wege“ zeichnet die Illustratorin Julia Zejn die Werdegänge drei junger Frauen.

Interview: Isabella Caldart

In deiner Graphic Novel stellst du die Lebenswege von drei Frauen in unterschiedlichen Epochen im Abstand von fünfzig Jahren nebeneinander. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Ich wollte eine Coming-of-Age-Geschichte erzählen, da mich der Punkt im Leben einer Person interessiert, an dem sie sich entscheiden muss, was für ein Mensch sie sein möchte. Es gibt ganz unterschiedliche Bedingungen, die diese Entscheidung beeinflussen, etwa die gesellschaftliche Schicht und die Zeit, in der man lebt – und das vor allem als Frau. So kam ich auf die Idee, verschiedene Generationen miteinander zu vergleichen, um diese Unterschiede herauszuarbeiten. Alle drei haben ein Vorbild, von dem sie sich im Laufe der Geschichte lösen: von der Hausherrin, dem festen Freund, der besten Freundin.

©Julia Zejn

Was hat dich an den Jahren 1918, 1968 und 2018 gereizt?
Die Zeit während des Ersten Weltkriegs gilt als frühe Welle der weiblichen Emanzipation, wobei das aber nur Schein war: Die Männer waren im Krieg und Frauen entsprechend dazu gezwungen, ihre Arbeiten zu übernehmen. Das Frauenwahlrecht beispielsweise wurde erst danach eingeführt. Inhaltlich passten die 68er als zweite Welle dazu, und unsere heutige

Zeit, weitere fünfzig Jahre später, damit zu vergleichen, lag auf der Hand. Ich habe auch Zeiten von Revolutionen gewählt: die Novemberrevolution, die Studentenbewegung … Beim Coming-­of-Age geht es um eine Art innere Revolution, bei der man sich gegen bestehende Vorbilder auflehnt und emanzipiert.

Lass uns über deine drei Frauenfiguren reden: Idas Geschichte spielt im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, sie arbeitet als Dienstmädchen bei einer Familie, deren Vater im Krieg ist. Was ich daran interessant fand: Die Hausherrin ist erstaunlich großzügig und richtet eine Suppenküche ein.
Es gab damals private Suppenküchen von reichen Familien. Das wurde aber nicht wenig kritisiert, weil man Essen nur mit Essensmarken bekam und sich das Großbürgertum illegal, z. B. bei Bauern, Vorräte besorgte. Damals existierte zudem eine konservative Frauenbewegung, der in „Drei Wege“ auch die Mutter angehört. Die Mehrh…

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