Seitennavigation Katze Inland
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Solidarität ist kein Kettenbrief

Welche Strukturen braucht es, um Betroffene rechter ­Gewalt nachhaltig zu unterstützen? Eine Gesprächsrunde.

16.01.19 > Inland

Von Alma Laurer und Hengameh Yaghoobifarah

Onur, du bist Nebenkläger bei einem der schrecklichsten Fälle rechter Gewalt in der jüngeren deutschen Geschichte, dem des NSU. Viele weiße Deutsche erklären sich den NSU damit, dass er ein Einzelfall sei, als eine Serie von extremer Gewalt, die so nicht mehr auftreten wird. Denkst du, dass eine Struktur wie der NSU heute in Deutschland noch Platz findet?
Onur Özata: Erst vor einigen Tagen gab es in den Nachrichten eine Meldung über die rechtsextreme Chatgruppe „Revolution Chemnitz“, in der sich Rechtsextreme treffen, um Mordanschläge zu planen. Das beantwortet eigentlich schon deine Frage. Es ist nicht nur dieser Fall, sondern z. B. auch die Oldschool Society, ein Zusammenschluss von mehreren Leuten, die sich über Soziale Netzwerke für Gewalttaten verabredet haben. Oder die Gruppe Freital, die auch verurteilt wurden. Der NSU ist nach offizieller Lesart beschränkt auf Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe und wenige angeklagte Unterstützer, aber die inoffizielle Lesart ist, dass es noch weitere Unterstützer*innen in Deutschland geben muss. Das heißt: Es stellt sich die Frage, ob der NSU überhaupt erledigt ist mit der Selbstenttarnung und dem Selbstmord einiger Akteure. Das Verharmlosen und Verkennen von rechtsextremistischen Strukturen und rassistischen Gewalttaten begünstigt diese. Ich vertrete auch die Familie einer Person, die beim rassistischen Amoklauf am 22. Juli 2016 in München getötet wurde. Am fünften Jahrestag des Anschlags in Oslo und Utøya, wo Anders Behring Breivik aus rechtsextremistischen Motiven 77 Menschen ermordete, zog David S. los, wählte seine Opfer nach äußerlichen Kriterien aus und erschoss zehn Menschen. Der Täter war stolz darauf, am gleichen Tag wie Adolf Hitler Geburtstag zu haben, und identifizierte sich mit der AfD. Er nahm „Ausländer und Türken“ als Virus wahr und wollte diese beseitigen. Vieles deutet auf eine rassistische Gewalttat hin. Genau dieser Verdacht wurde auch von drei Gutachtern bestätigt. Dennoch hält die bayerische Staatsregierung und das bayerische LKA daran fest, dass die Tat unpolitisch motiviert gewesen sei. Hier sehen wir wieder ein Verkennen der eigentlichen Realitäten auf Kosten der Opfer. Denn die Betroffenen wissen ganz genau, wer ihnen ans Leder will. Der Staat handelt zugunsten der Täter. Es war im Interesse des NSU, dass Polizeibehörden in ganz Deutschland die Opfer verdächtigt haben, dass von „Dönermorden“ gesprochen wurde, dass Migranten in Verdacht geraten sind. So wird eine zusätzliche Ebene des Terrors und der Viktimisierung bei den Opfern geschaffen. Indem wir Rechtsextremismus nicht als solchen erkennen und benennen, wappnen wir uns nicht für die zukünftigen Gefahren – weder personell noch inhaltlich. Der Rechtsextremismus ist leider eine Kontinuität in unserer Gesellschaft.  

Sibel, du hast Erfahrung mit Nazigewalt, jedoch findet diese bei dir online statt.
Sibel Schick: Online werden Menschen systematisch angegriffen. Die Rechten und Neonazis sind in den Sozialen Medien organisierter unterwegs als die Linken. Sie veröffentlichen Handbücher füreinander, rekrutieren Leute für ihre Netzwerke und haben etliche Gruppen und Foren. Sie wissen, wie sie gewisse Hürden überwinden können. Beispielsweise kann sich ein*e User*in in mehrere Accounts gleichzeitig einloggen und jemanden von bis zu 99 unterschiedlichen Accounts angreifen. Es gibt Phasen, in denen ich ein paar feministische oder antirassistische Tweets schreibe und dann wochenlang intensive Angriffe erfahre. So lange schalte ich dann meine Benachrichtigungen aus. Es ist, als ob man von Tausenden Menschen auf einmal attackiert werden würde. In Wirklichkeit

sind es nur ein paar Leute, die aber sehr wirksam das Internet nutzen. Teilweise können sie sogar die Wohnadressen von Menschen herausfinden. Bei mir war das so, dass ich auf der Arbeit Anrufe bekam. Dann hatte ich Angst, dass irgendwer in mein Büro kommt, es gibt keine Security am Eingang. Wenn ich mit Menschen darüber spreche, denken sie: „Mach eben Twitter aus, dann ist die Sache erledigt!“ So einfach ist das aber nicht. Diese Gedanken beeinflussen meinen Alltag. Guckt mich in der U-Bahn ein junger Mann an, denke ich: „Ist er ein Troll? Erkennt er mich gerade? Will er mir jetzt hinterherlaufen, oder was?“ Oder wenn ich jemanden kennenlerne, denke ich: „Kennen wir uns vielleicht doch?“, oder solche Sachen. Das hat ganz klare Auswirkungen. Ich habe meinen Job gekündigt, was u. a. daran lag, dass ich verängstigt war und da nicht mehr arbeiten wollte. Die rechte Gewalt online ist gleichzeitig auch offline präsent. Die Lebensqualität sinkt. Die Arbeit, die man liefert, wird schlechter.…

Du kannst nicht genug bekommen? Unser Print-Abo versorgt Dich mit dem Neuesten in Sachen Politik, Pop, Debatten und Veranstaltungen! 6 Hefte für 30 Euro direkt zu Dir nach Hause. Hier geht´s zum Missy-Abo.

Beitragsnavigation