Selfie-Love

Wie heilsam Selbstporträts sein können, erklärt die ­US-amerikanische Aktivistin Ev’Yan Whitney.

01.02.19 > Sex & Beziehung

Protokoll: Valeria-Siba Rousparast
Illustration: Zar Zar

Ich bin Sexlehrerin, Aktivistin und Sexualbegleiterin und unterstütze Frauen und nicht-binäre Femmes auf ihrem Weg zu sexueller Befreiung und Ermächtigung. Ich mache das in Form meines Podcasts und Blogs sowie in privaten Sitzungen und Kursen, wo wir üben, wieder in Kontakt mit dem eigenen sinnlichen Körper zu kommen, sexuelle Traumata zu heilen und zu einem eigenen erotischen Ausdruck zu finden.

Meine Familie war anfangs nicht begeistert von meiner Arbeit. Meine Eltern sind beide religiös und waren ziemlich entsetzt, dass ich so offen über Sex, Masturbation und Pornografie spreche. Ich verstehe das, lasse mich davon aber nicht abhalten. Und so habe ich es sogar schon geschafft, dass meine Mutter zu Gast bei meinem Podcast war und wir über ihr Sexleben gesprochen haben.

Auf meiner eigenen Reise der sexuellen Befreiung fiel mir auf, dass mein sexuelles Selbstbild auf der Bestätigung von Männern aufgebaut war. Mein Verständnis davon, wer ich sexuell bin und was es bedeutet, sexy zu sein, war geprägt von männlicher Lust. Das war total entmachtend. Also fing ich an, meine Ausdruckskraft mit meinen sinnlichen Selbstporträts zu erkunden. Kurz nachdem ich damit begonnen hatte, merkte ich, dass mein Selbstbewusstsein stieg, wenn ich Nacktbilder und Selfies machte und ich mich schon viel sicherer in meiner sexuellen Identität fühlte. Später kreierte ich den Workshop „Sexting Myself“ und die „Sensual Selfie Challenge“, um die Lust daran, das eigene sexuelle Selbstbild zurückzuerobern, mit anderen zu teilen. Bei „Sexting Myself“ versorge ich die Teilnehmer*innen mit Tipps für Spiegel-Selfies, Posen, Fotobearbeitung und biete ihnen die Möglichkeit, sich selbst neu zu entdecken.

©ZorZor

Sinnliche Selbstporträts und Nacktbilder zu machen, macht es einfach, Schamgefühl und Unsicherheiten in Bezug auf den eigenen Körper zu erkennen und an ihnen zu arbeiten. Viele von uns machen Selfies. Mit dieser Praxis lade ich Personen dazu ein, das unter einem neuen Gesichtspunkt zu tun – Raum einzunehmen mit ihrer Sexualität. Es ist ein guter Weg, um sich von den Wünschen und Vorstellungen anderer Leute davon, was es heißt, eine anziehende Frau oder Femme zu sein, zu befreien.

Auch als Schwarze queere Person hilft es, Raum einzunehmen mit deinem Körper: Erzähle deine Geschichten. Mach dich und deine Selbstfürsorge zur Priorität. Setze dich für deine Wünsche und Bedürfnisse ein. Und erlaube dir, Pausen zu machen, wenn es mal zu viel wird. Es ist wichtig, dass du auf dich aufpasst.

Orte wie Instagram können natürlich auch die Tendenz zum Vergleichen wecken, weshalb ich meinen Social-Media-Konsum überwache und mir auch dort Pausen gönne. So versuche ich, mehr bei mir zu bleiben. Das macht viel aus für meine mentale Gesundheit.

Selbstliebe bedeutet für mich die totale Akzeptanz meines Selbst. Auch an Tagen, an denen ich mich nicht mag oder daran zweifle, ob ich es wert bin, geliebt zu werden. Es bedeutet, dass ich mein Glück und mein emotionales Wohlbefinden priorisiere. Und meinen dunklen Seiten Raum gebe – meiner Wut, meiner Traurigkeit, meinen Ängsten. Mit Selbstliebe gebe ich mir die Erlaubnis, meinen eigenen Becher zu füllen, bevor ich die anderer fülle. Mich zu akzeptieren ist eine tägliche Übung, etwas, das ich immer wieder tun muss. Ich glaube, es ist kein Ziel, sondern eine lebenslange Reise dahin, dass man immer mehr wird, wer man eigentlich ist. Und wer ich bin, das verändert sich ständig.

Auf ihrem Blog sexloveliberation.com und
in ihrem Podcast „The Sexually Liberated Woman
schreibt und spricht  Ev’Yan Whitney für Frauen und Femmes über Sexualität.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/18.

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