Queer Labor am Frauenkampftag

Ein Sternchen reicht nicht aus, um die Arbeitsbedingungen von nicht binären und trans Menschen sichtbar zu machen.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Der Frauenkampftag am 8. März naht heran. In seinem Rahmen mobilisieren deutschlandweit feministische Bündnisse für einen Streik der Reproduktionsarbeit. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, wie nennt mensch das Ganze? Frauen-Sternchen-Streik? Feministischer Streik? Frauenstreik? Was ist was? Spielt es eine Rolle, wie die Sache heißt? Ein Großteil der feministischen Bewegung ist transfeindlich. Feminismus wird als von Frauen für Frauen begriffen und Frauen sind angeblich die Personen, die einen Uterus besitzen. 

Seit dem Transgender Tipping Point etwa 2015 und dem Erstarken einer leider meist liberalen, auf visuelle Repräsentation abzielenden trans Bewegung ist es in den feministischen Mainstream gesickert: Auch trans Frauen sind Frauen. Die einen denken, das Sternchen steht für trans Frauen, da diese ja nicht unter dem Wort Frauen mitgemeint sein können. Andere hoffen, dass das Sternchen von Frauen-Sternchen nicht binäre Menschen und trans Männer mit einbezieht. Aufgrund der widersprüchlichen Sprachpraxis lohnt es sich, einen Blick hinter den Namen der Streiks zu werfen und sich die Praxis anzusehen.

© Tine Fetz

Hier wird deutlich – die Aktionen sollen Reproduktionsarbeit sichtbar machen, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Anerkennung für diese erkämpfen und die Verteilung von Arbeit und Macht in unserer Gesellschaft feministisch neu oder anders denken. Die „Analyse & Kritik“ beispielsweise veröffentlichte eine Flowchart zum feministischen Streik. Die erste Frage lautete: Hast du das Gefühl, du arbeitest mehr als die Männer in deinem Umfeld? Mensch konnte ja, nein oder: ich bin ein Mann auswählen.  An dieser Stelle gehen Grüße raus an die „AK“, ich respektiere euch, aber das Beispiel passt gut, weshalb ich es auseinanderpflücke.

Ich bin ein Mann, der mehr Arbeit leistet als die cis Männer und die cis Frauen in seinem Umfeld. Ich bin Sexarbeiter und muss in meinem Job zusätzlich zu dem, was auch die cis weiblichen Kolleginnen leisten, noch die queer Labor erbringen: meine Identität verschleiern, bloß nicht auffallen, nicht als queer oder gar trans entdeckt werden, Alltagsgeschichten zensieren, mich verkleiden, niemals meinen Klarnamen verraten, um Diskriminierung und Verlust des Arbeitsplatzes zu entgehen. Trans Leute sind in der Sexarbeit, Pflege und im Dienstleistungssektor sowieso überrepräsentiert, weil wir auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden und Jobs suchen, in denen wir mit weniger Gender-Policing rechnen. 

Außerhalb meines Jobs leiste ich ebenfalls mehr Repro-Arbeit als die cis Männer, die mich umgeben. Das war immer schon so und es hat sich mit meinem trans Coming-out nicht geändert. Die Zwangseinordnung in die heterosexuelle Matrix, in der ich als Mädchen aufgewachsen bin und auf emotionale Arbeit getrimmt wurde, lässt sich nicht in ein paar Jahren transgender Lifestyle abstreifen. Zumal die Erwartungshaltung, dass ich diese Arbeit leiste, für immer bestehen wird, es sei denn, ich würde als maskuliner cis Mann gelesen. Dazu kommt weitere queer Labor, die niemand sieht, die niemals bezahlt wird, die keine Anerkennung erfährt: sich selbst erklären, den Discomfort, den der eigene Körper im Raum schafft, aushalten oder zerstreuen, Pronomen berichtigen, mit den Fragen und unerwünschten Statements zur eigenen Transition umgehen, sich immer wieder der Diskriminierung stellen, sich trotz der Blicke und Sprüche aufraffen und das Zimmer, die Wohnung verlassen und nach draußen gehen, wo man entweder nicht existiert oder übersichtbar in Gefahr schwebt.

Die queer Labor, die gerne konsumiert wird: Nicht umsonst gibt es das Stereotyp, dass Queers irgendwie immer so gut darin sind, anderen mit ihren Beziehungsproblemen zu helfen. Diese mystische Gabe hat einen Grund. Ich denke ständig mit, wie es meinem Umfeld geht, was um mich herum für ein Vibe herrscht, ob die Stimmung gerade kippt, und wie ich, zu meiner eigenen Sicherheit, für gute Laune, Harmonie oder wenigstens Entspannung sorgen kann. Meine Beziehungen und selbstgewählte Familie sind überlebenswichtig, ich kann nicht auf heterosexuelle Solidarität zurückfallen. Auf Social Media: Wir sind nur etwas wert, weil wir trans Leute so unglaublich mutig und inspirierend sind, dass wir auch allen anderen helfen, ein bisschen mutiger durch ihren Tag zu gehen und ihr angeblich wahres Ich auszuleben. Repro-Arbeit – beim Einatmen, beim Ausatmen, beim Schlafen und beim Wachsein.


Als trans Mann unterliege ich dazu einem Double Bind – von der Heterowelt nicht ernst genommen oder fürs Transsein bestraft, so werde ich von einigen Feministinnen pseudoernst genommen, indem sie mich aus ihrem Feminismus ausschließen. Sie argumentieren, als Mann hätte ich männliche Privilegien und automatisch toxische Männlichkeit verinnerlicht. Ich sei eine Gefahr für alle Frauen, ob cis oder trans. Doch ich muss sagen, cis Frauen sind eine genauso große Gefahr für meine Sicherheit und mein psychisches Wohlbefinden wie cis Männer. Denn wenn ich mich gegen Transfeindlichkeit durch cis Feministinnen wehre oder meine Grenzen in anderen Zusammenhängen aufzeige, sagen sie, ich übe toxische Männlichkeit aus.

Der Diskurs hat sich verschoben und bleibt doch der alte – zusätzlich zum transmisogynen Stereotyp, trans Frauen hätten ihre angeblich männliche Sozialisation nicht überwunden und würden cis Frauen bedrohen, sind trans Männer nun parasitäre Gewalttäter, die es auf cis Frauen abgesehen haben. Was ist mit nicht binären Leuten? Das frage ich mich, und darüber wird noch lange nicht ausreichend gesprochen. Denn auch sie leisten einen Großteil der queer Labor, die ich beschrieben habe. Und auch sie werden lieblos in ein Sternchen gepackt, ohne dass klar ist, was ihre Erfahrungen im Arbeitsleben sind, und das muss dann reichen. Identitätspolitik hat ihre Grenzen – vor allem, wenn mensch sich mit den Identitäten, um die es da geht, gar nicht auskennt! Der feministische Streik am 08. März handelt jedoch weniger von unseren Identitäten, sondern von unserer Arbeit. Und so werde auch ich dabei sein und für besseres Arbeiten und Leben im feministischen Sinne kämpfen. Ob ihr mich dabei haben wollt oder nicht. 


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