Jenseits der Nostalgie

Er gilt als Ikone und Vorbild vieler Schwarzer Intellektueller: James Baldwin. Wie lässt sich sein Werk heute weiterdenken?

Von Dominique Haensell

32 Schwarze Autoren, ausschließlich Männer, versammelte das „New York Times Style Magazine“ vor Kurzem, um sie in einer Bibliothek in gut sitzenden Anzügen zu porträtieren. Trotz oder gerade wegen eines von rassistischer Gewalt geprägten Gesellschaftsklimas, so das Magazin, seien die Werke dieser Männer sichtbarer denn je zuvor.

©ullstein bild – Rogert-Viollet/Jean-Pierre Couderc

Der Artikel bezog sich auch auf einen Mann, den viele Schwarze Intellektuelle als ihren geistigen Ziehvater verstehen: James Baldwin (1924– 1987). Vor allem seine Essays liefern scharfe Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft, in der Rassismus eine grausame Konstante

darstellt. Heute werden sie für ihre geradezu prophetische Aussagekraft gefeiert. Auch Barry Jenkins’ („Moonlight“) aktuelle Filmadaption von Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ verweist auf die Kontinuität rassistischer Justiz und Polizeigewalt. Bald erscheint zudem eine deutschsprachige Übersetzung des Essaybands „The Fire Next Time“, der im Original 1963 veröffentlicht wurde.

Auf diesen bezieht sich auch Ta-Nehisi Coates, der oft als Baldwins geistiger Nachfolger gepriesen wird, in seinem Bestseller „Between The World And Me“. Wie in Baldwins Essay richtet sich Coates in Briefform an seinen männlichen Nachkommen. Dabei stellt sich „race consciousness“ als etwas dar, das von Männern an Männer weitergegeben wird.

Genau das ist der Wermutstropfen, der der ansonsten erfreulichen Baldwin-Rezeption dieser Tage anhaftet. So schwingt in ihr eine unver- hohlene Nostalgie, ähnlich wie in der eingangs erwähnten Fotostrecke, für den männlichen Intellektuellen des 20. Jahrhunder…

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