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Das Scheitern der Normalität

FDP und Väterverbände wollen das Wechselmodell etablieren – doch wie realistisch ist das und wem kommt das zugute?

25.02.19 > Inland

Von Viola Nordsieck

Normal Familie, das ist Mama, Papa und so etwa ein bis drei Kinder. Leben diese zusammen, idealerweise in einem Haus mit Garten und einem Zaun darum, so spricht man in Deutschland von einer „intakten“ Familie. Aber dieses „intakt“ bezieht sich nicht auf die Qualität der Beziehungen oder die Entwicklung der Kinder. Es meint eine geschlossene Form: eine exklusive Einheit im privaten Raum. Wenn die auseinander- und zusammenbricht und die Eltern feststellen, dass eine gelingende romantische Liebesbeziehung nicht dasselbe ist wie Familie, hält das Familienrecht ein Leitmodell bereit: eine Kompensationsform für die als gescheitert angesehene Normalität. 

Bisher ist dieses Leitmodell das sogenannte Residenzmodell: Ein Elternteil betreut die Kinder, der andere Elternteil zahlt entsprechenden Unterhalt. Da in cisgeschlechtlichen Heterobeziehungen überwiegend die Frauen* mit den Kindern zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten, sind es in diesem Modell meist die Väter, die den Unterhalt zahlen. Darum sind es auch vielfach Väter, die sich dafür einsetzen, das Leitmodell zu ändern in das sogenannte Wechselmodell: eine gemeinsame Betreuung der Kinder in den getrennten Wohnsitzen der Eltern. Im März 2018 hat die FDP einen Gesetzesentwurf zur Einführung des Wechselmodells als Regelfall in den Bundestag eingebracht, im Februar 2019 fand die Anhörung dazu statt. Es geht dabei nicht um das Sorgerecht, sondern um die Betreuung und den Unterhalt. Ist die Aufteilung gleichberechtigt, gibt es keinen Anspruch mehr auf Unterhalt. 

©Markus Spiske

Es ist kompliziert. Das Wechselmodell kann großartig funktionieren. Aber es ist anspruchsvoll und aufwendig, und zwar nicht nur, weil man zwei Kinderzimmer braucht. Es ist anspruchsvoll, weil mindestens ebenso gut kommuniziert werden muss wie bei zusammenlebenden Paaren – eher besser. Wechselmodell bedeutet, dass gemeinsam erzogen wird, dass in beiden Zuhause-Orten Schulaufgaben gemacht werden, Spielzeug und Kleider vorhanden sein müssen. Die Kommunikation zum anderen Elternteil muss immer offen sein. Ständig muss sich abgesprochen werden: Wer bringt zur Musikschule, wer geht zum Elternabend, wer zum Sportplatz? Ich kann heute nicht, ich muss länger arbeiten – machst du den Schwimmkurs, und ich nehme sie dann Freitag früher? Habt ihr am Wochenende die Hausaufgaben gemacht? Welches Buch lest ihr gerade vor, hat sie wieder Albträume gehabt, und wo ist eigentlich das T-Shirt mit dem Drachen drauf?

Ich lebe mit meinen Kindern und ihrem Vater ein Wechselmodell. Wir wohnen nur zehn Minuten voneinander entfernt, wir sind befreundet und telefonieren fast täglich, wir unterstützen uns, wenn wir ausgehen wollen oder übers Wochenende arbeitsmäßig unterwegs sind. Wir erkennen unsere jeweiligen Bedürfnisse an, wir haben ein Vertrauensverhältnis. Wir haben gemeinsame Kalender und gemeinsame Freund*innen. Wir sind für das Wechselmodell absolut ideal aufgestellt.

Wie soll aber ein solches Modell für Kinder förderlich sein, wenn es als Regelfall gerichtlich verordnet werden kann, auch für kleine Kinder, auch für Kinder, deren Eltern kaum noch miteinander sprechen und sich gegenseitig denunzieren? Für Kinder, deren Vater sich monatelang nicht gemeldet und keinen Unterhalt gezahlt hat und der nun eine paritätische Betreuung des Zweijährigen fordert? Für manipulative und übergriffige Elternteile, die keine Grenzen anerkennen wollen und sich nicht um transparente und liebevolle Kommunikation bemühen? 

Äußert eine solche Bedenken, was die Bedingungen von Beziehungen und ökonomische Realitäten betrifft, wird sie rasch von erbosten Vätern als „ewiggestrig“ bezeichnet – von den gleichen Leuten, die Unterhaltszahlungen „Geschäftsmodell“ nennen. Die FDP, die gemeinsam mit Väterverbänden sich dafür einsetzt, das Wechselmodell als Leitmodell zu etablieren, gibt ihm ein progressives, emanzipatorisches Framing: ein „modernes Verständnis von Familie“, sagt Daniel Föst im ZDF Morgenmagazin. Tatsächlich ist es ein extrem neoliberales, individualistisches Verständnis von Familie, eines, das von der Einkommensstärke und Flexibilität der Eltern als Einzelpersonen abhängt und das vor allem der gut verdienenden Klientel der Liberalen entgegenkommt. 

In diesem Sinne habe ich versucht, mit den zornschäumenden Väterrechtlern im Internet zu argumentieren. „In einer Zeit“, so antworteten sie mir völlig ironiefrei, „in der die Menschen immer mobiler werden – aller grünen Verhinderungsversuche zum Trotz – werden auch die Kinder mobiler sein.“ Die Zukunft dieser „modernen Familie“ baut auf Ausbeutung und Ressourcenverschwendung und zeigt sich darüber noch enthusiastisch.

Der Gedanke drängt sich auf, dass das Wechselmodell zwar nur unter optimalen Umständen für die Kinder gut ist, aber den Wünschen mancher Eltern ganz hervorragend entspricht – vor allem denen der gut verdienenden, mobilen Elternteile, die sich aber nicht gerne reinreden lassen, oft bekannt als heteronormative Väter. Ihr eigener Anspruch auf das Kind, ihr Wunsch nach kompromisslosem Zugang wird in einem erzwungenen Wechselmodell nicht länger durch lästige Kommunikation und Kompromisse gehemmt – und zahlen müssen sie dann auch nicht mehr.

Richter*innen fordern ein genormtes Modell, ein Leitmodell, nach dem sie in Streitfällen entscheiden können. Und im Ringen um dieses Leitmodell werden Gleichstellungsfragen ausgetragen. Doch das Umgangsrecht ist nicht der richtige Ort, um das hetero- und cisnormative Elend zu therapieren, das aus dem Scheitern der sogenannten Normalität entsteht.

Wirklich progressiv wäre es, eine Vielfalt von Familienmodellen von vornherein anzuerkennen. Denn die gelebte Wirklichkeit weicht so oft von der angeblichen Normalität ab, dass sogar das Argument, die Mehrheit lebe aber nun mal so, nicht wirklich zieht. Mit und ohne Kindern und Kinderwunsch gibt es Familien, die nicht zusammenleben, und auch Familien, in denen gar keine romantische Liebesbeziehung vorkommt. Oder keine Heteroliebesbeziehung, obwohl es z. B. einen Vater und eine Mutter gibt, oder zwei Mütter und keinen Vater. Die Realität ist vielfältig. 

Familie ist die sichere Beziehung zu Personen, die Liebe und Geborgenheit geben: Freund*innen und Liebhaber*innen, Verwandte und Vertraute. Das kann im eigenen Häuschen mit Zaun drum herum gelebt werden, muss es aber nicht. Die sichere, liebevolle Bindung zu Menschen ist für Kinder entscheidend, und das müssen nicht die biologischen Eltern sein. Für jede Konstellation, auch im posttraumatischen Zustand der zusammengebrochenen Normidylle, muss ein eigener Weg gefunden werden, der den Bedürfnissen der Individuen entspricht. Diese Bedürfnisse schließen Stabilität und finanzielle Sicherheit ein, Schutz vor Gewalt und vor Manipulation. Auf dieser Basis kann eine glückliche Familie entstehen.

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