„Als Vater muss ich entschieden gegen Rassismus vorgehen“

Mit ihrem weißen Partner unterhält sich unsere Kolumnistin über Rassismus und Elternschaft. Teil 2 eines Gesprächs.

Von Josephine Apraku

Als mein Partner, ein weißer Mann, und ich, eine Schwarze Deutsche, unser erstes gemeinsames Kind erwarten, birgt allein die Tatsache, dass wir Eltern werden, Streitpotential sondergleichen. Erschwert wird das durch rassistische Machtstrukturen, die in unserer und auf unsere Beziehung wirken. Um auf lange Sicht – insbesondere um den neuen Mitmenschen schützen zu können – gemeinsam an einem Strang zu ziehen, streiten wir uns, setzen uns auseinander, verhandeln und finden Wege. In diesem Gespräch reflektieren wir als Partner*innen unsere Beschäftigung mit dem Thema Rassismus und dem ersten Teil unserer Gespräche.

© Tine Fetz

*Personen möchten nicht genannt werden

Ich: Unsere Streitphase war aus heutiger Perspektive betrachtet kurz und intensiv. Währenddessen hatte ich dennoch durchaus Momente, in denen ich mir dachte, dass ich mit einer Person, die Rassismus nicht auf dem Schirm hat, kein Kind großziehen kann. Meine Befürchtung war, dass ich neben all den Auseinandersetzungen, die mich als Schwarze Mutter erwarten, ich zudem ständig gegen dich ankämpfen muss. Du hast dann innerhalb weniger Wochen verstanden, dass du Elternteil eines Kindes wirst, das Rassismuserfahrungen machen wird. Was ist da in dir passiert?

Er: Einerseits ist da ein Kind unterwegs, andererseits geht es mir natürlich auch um dich. Ich möchte meine Zeit jetzt nutzen und nicht erst, wenn das Kind da ist, um über Rassismus zu lernen. Ich möchte dafür gewappnet sein, auf Rassismus zu reagieren. Diese Zeit war sehr angespannt und ich glaube, dass du, weil wir ein Kind erwarten, besonders besorgt warst und nicht so viel Geduld mit mir hattest. 

Ich: Das war auf jeden Fall so. Ich habe gemerkt, wie sich in mir von Beginn der Schwangerschaft an, ein Schalter umgelegt hat und ich mir dachte, „nee, das mache ich nicht mit, der muss das jetzt checken, sonst klappt es nicht mit uns“.

Er: Ja, das habe ich auch so wahrgenommen. Du musstest das halt schnell wissen und nicht noch Wochen und Monate lang mit ’nem süffisant grinsenden Typ über jeden Quatsch diskutieren. Ich glaube, du wolltest einfach sicher sein, dass ich beginne, mich eigenständig mit dem Thema zu beschäftigen, und du nicht die ganze Zeit nachsteuern musst. Gerade ja auch, weil dich die Schwangerschaft so viel Kraft gekostet hat, die du nicht für meinen Lernprozess aufbringen wolltest. 

Ich: Hast du dich während dieser Zeit mit anderen dazu austauschen können? 

Er: Ich habe mich mit meinem Onkel unterhalten, der als einer der wenigen in meiner Familie seit Jahren politisch aktiv ist. Ich glaube, uns beiden tat es gut, dass wir uns zu Rassismus austauschen konnten, weil das innerhalb meiner Familie ja bisher nicht als relevantes Thema begriffen wurde. Am Ende meinte er dann, dass es irgendwie auch traurig sei, dass ich das erst jetzt wichtig finde, weil ich mit dir zusammen bin und wir ein Kind bekommen. Die 36 Jahre vorher nicht. Da er hat recht.

Ich: Was ich sehr spannend fand, ist, dass wir uns zu Beginn der Schwangerschaft stritten, weil du fandest, dass ich mir wegen des Kindes und der Erfahrungen, die es wohl machen wird, zu viele Sorgen machen würde. Ich war so krass wütend auf dich, als du das gesagt hast. Wenige Wochen später saßen wir dann im Auto, nachdem du ein solches Gespräch mit […]* hattest. Ich weiß noch, wie dich das aufgeregt hat und du meintest, dass wenn […]* Rassismus nicht verstehen und ernst nehmen, eine klare Grenze gezogen werden wird.“

Er: Je mehr ich mich mit Diskriminierung beschäftige und je bewusster mir rassistische Machtverhältnisse werden, desto mehr Sorgen mache ich mir. Ich habe an mich den Anspruch, die Mechanismen zu erkennen, damit ich unser Kind schützen kann. Das erwarte ich auch von […]*. 

Ich: Gibt es im Nachhinein etwas, das du in Bezug auf unsere Streitigkeiten heute anders machen würdest?

Er: Ich hätte im Nachhinein gern mehr Verständnis gehabt für deine Sorge, dass das Kind Rassismuserfahrungen machen wird. Als Vater sollte ich in solchen Momenten zur Seite stehen. Wenn das Kind weinend vom Spielplatz kommt, dann kann ich es nicht einfach beschwichtigen und behaupten, dass sei nicht so gemeint, sondern ich muss da entschieden vorgehen und z. B. mit den anderen Eltern über das Verhalten derer Kinder sprechen.

Ich: Was wünschst du dir von dir selbst für das Kind und eure Beziehung?

Er: Ich wünsche mir, dass ich für das Kind eine Konstante sein kann – dass es weiß, dass es, wenn es Diskriminierungserfahrungen macht, ich uneingeschränkt da bin und es immer mit mir reden kann. Ich wünsche mir, dass unsere Beziehung sich so entwickelt, dass es sich bei mir sicher fühlt und es diesen Raum in Anspruch nehmen will. Ich wünsche mir von mir selbst, dass mein Lernprozess entlang gesellschaftlicher Veränderung mitwächst und auf dem aktuellen Stand ist und ich nicht mit Konzepten aus den Achtzigern daherkomme. Ich wünsche mir, dass ich die Courage habe, mich konsequent gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung einzusetzen.

Ich: Was hast du von der Auseinandersetzung mit dem Thema Diskriminierung im Allgemeinen und Rassismus im Besonderen über dich selbst gelernt?

Er: Vor allem, dass ich ganz schön bequem war. Ich habe an mir gemerkt, dass ich zwar grundsätzlich über den Tellerrand schaue und mich trotzdem aus Faulheit nicht tiefer mit Machtverhältnissen beschäftigt habe. So habe ich einiges reproduziert, ohne es zu merken, eben weil ich mich damit nicht beschäftigt habe. Ich habe gelernt, ehrlicher zu mir selbst zu sein und mir einzugestehen, dass ich in Wahrheit gar nicht so ein politischer, weltoffener, liberaler Typ bin, wie ich mich gern selbst gesehen habe. Ich bin lieber feiern gegangen, als tatsächlich aktiv zu werden.