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„Kapitalismus speist sich aus Blut“

Sayak Valencia analysiert in „Gore Capitalism“ Gewalt und Kapitalismus am Beispiel der mexikanischen Grenzstadt Tijuana.

26.02.19 > Arbeit

Von Caren Miesenberger

Sayak Valencia, Sie haben die Theorie des Gore-Kapitalismus entwickelt. Wie kann Gore-Kapitalismus zusammengefasst werden?Im Gore-Kapitalismus gibt es vier grundlegende Achsen, die sich überschneiden, so dass blutiger Neoliberalismus nicht nur eine „goreske“ Art der Arbeitsorganisation ist, sondern auch ein System kultureller Symboliken. Dieses System formt und bestätigt koloniale Narrative und hegemoniale politische Funktionen, die mit Konsum, Gender, Grenzen und Migrationen verbunden sind.

© Claudia Castelán

Die vier Achsen sehen folgendermaßen aus: Erstens geht es um die Spuren von Kolonialismus, Klassismus und Rassismus, die unsere ehemals kolonialisierten Staaten regieren. Unsere Staaten werden durch Grenzen und verdeckte Plünderungen rekolonialisiert. Die zweite Achse sind Sexismus und gewaltvolle Maskulinität, die mit dem nationalstaatlichen Projekt zusammenhängen. Unter der dritten Achse verstehe ich die ökonomische und existenzielle Prekarität von Bevölkerungen, die arme Schichten abwertet. Vor allem die Bevölkerungen, in denen Maskulinitäten als Ernährer gelten. Durch die Herabsetzung ärmerer Schichten, die sogenannte Aporophobie, und die Abwertung des Konzepts von Arbeit und als Konsequenz der erzwungenen Migrationen, vor allem von Männern (aber nicht nur). Die vierte Achse ist die verzweifelte Akzeptanz neoliberaler Ideen im Streben nach Entwicklung und sozialer Mobilität. Dies geschieht durch Hyperkonsum als Ort der Rückgabe und individueller Validierung von Subjektivität. 

Welche Rolle spielt Männlichkeit im Gore-Kapitalismus? Gewaltvolle und mörderische Männlichkeit ist zentral für die Diskussion um Gore-Kapitalismus. Ich halte diese Männlichkeit für eine politische Kartografie, die das koloniale Projekt aufrechterhält und die Bevölkerung mithilfe von Angst und Tod verwaltet. In diesem Sinne soll der Gore-Kapitalismus nicht nur neoliberalen Raub beschreiben. Sondern auch, wie dieser mit kolonialen Logiken von Entmenschlichung bestimmter Bevölkerungsgruppen verschmilzt. Dies kristallisiert sich in einem männlichen Subjekt, das innerhalb dieser Logiken agieren muss, um ein moderner, zivilisierter Ernährer zu werden. Mit seinen gewaltvollen Handlungen trägt es zum Skript der kämpferischen Maskulinität bei, die herausfordernd und machtvoll ist.

Ist Gewalt bezahlte Arbeit? Definitiv. Gewalt wird zu einem Produktionssystem, das Kapital schafft: politisches, symbolisches, ökonomisches, kulturelles und vergeschlechtlichtes. In diesem Sinne hat Gore-Kapitalismus in seinem Kern die Möglichkeit, Gewalt effektiv auszuüben. Diese Gewaltausübung ist ein Teil der Märkte der Todeswirtschaften, die im globalen Süden auf spektakuläre Art umbringen. Sie sind eine Art der Arbeit. Gleichzeitig wird das Material, mit dem die Gebiete geplündert werden, von Firmen und legalen Wirtschaften versteckt. 

Kann es Kapitalismus ohne Nekromacht geben, also die Verwendung von Gewalt, um Status und Macht zu erlangen? Nekromacht ist ein Teil der Grundlagen des kolonialen Systems, das später zu dem wurde, was wir als kapitalistisches System kennen. Daher ist sie eine Maschine, die Mehrwert durch die Enteignung weiblicher Körper und die tägliche und koloniale Ausbeutung rassifizierter Körper generiert. Um Marx zu paraphrasieren: Nicht alles „Ständische und Stehende verdampft“, sondern alles Feste, für den kolonialisierenden Westen, ist auf Blut gebaut. Auf dem Blut und den Körpern von minorisierten Subjekten, die aus der kolonialen Logik ausbeutbar und austauschbar geworden sind und geschlachtet wurden. Das heißt: Kapitalismus in seinen Grundzügen erscheint durch und speist sich aus Blut.

In Ihrem Buch verwenden Sie die Begriffe erste und dritte Welt, deshalb übernehme ich sie. Wie profitiert die erste Welt von Gewalt in der dritten Welt?Die Gewalt, die spektakulär entsteht und sichtbar wird, nützt der ersten Welt auf mindestens zwei Arten. Erstens verifiziert sie den kolonialen Diskurs, dass Bevölkerungen des globalen Südens, genauer: rassifizierte, monströs sind und nicht imstande, sich selbst zu regieren. Dies ermöglicht dem „zivilisierten“ Westen, in unseren Länder zu intervenieren, um die „Demokratien“ zu konservieren. Das soll bestätigen, dass die gute Ausübung der Demokratie legitim nur in den Ländern des Nordens stattfindet – bei Weißen. Zweitens profitiert die erste Welt durch die Deregulierung und das Wachstum ultraprekärer Arbeit, die an der Basis des kapitalistischen Wachstums der ersten Welt ist. Im Großen und Ganzen schafft die politische und soziale Verwirrung, die Gewalt produziert, notwendige Bedingungen der Desorientierung, so dass die legalen Firmen, die Gebiete ausbeuten, weiterhin profitieren können. Ohne dass sie Verantwortung für die aktive Rolle übernehmen müssen, die sie in diesem Ökosystem der Gewalt innehaben.

Die mexikanische Trans-Feministin Sayak Valencia ist am 02.03. beim Symposium „On Violence“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu Gast. 


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