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„Das Prostituiertenschutzgesetz ist Stigma pur“

Ein Gespräch mit Josefa Nereus, Sexarbeiterin und Pressesprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

05.03.19 > Arbeit

Von Laura-Solmaz Litschel

Seit vorletztem Jahr ist das Prostituiertenschutzgesetz in Deutschland in Kraft. Welchen „Schutz“ bietet das Gesetz deiner Meinung nach? Keinen. Es verschlechtert die Situation vieler Sexarbeiter*innen eher.

Das Gesetz sieht vor, dass Sexarbeiterinnen sich bei der Behörde anmelden und eine „Anmeldebescheinigung“ ausstellen lassen. Wenn Sie sich nicht anmelden, gibt es ein Bußgeld. Diese Bescheinigung ist eine Art Ausweis für Sexarbeiterinnen, den sie bei der Arbeit mit sich führen müssen mit (Künstler-)Namen und Foto. Was bedeutet der Ausweis für dich als Sexarbeiterin? Er ist eine Brandmarkung. Wir in der Szene nennen diesen Ausweis deshalb „Hurenausweis“. Andere Leute haben keinen extra Ausweis, in dem steht, wer sie sind und in welcher Branche sie arbeiten. Der Ausweis ist für mich ein Sinnbild für die Stigmatisierung der Sexarbeit und die Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Dafür ein hochoffizielles Dokument zu haben, ist krass. Zusätzlich zu dem Hurenausweis müssen Sexarbeiterinnen bei der Arbeit ihren echten Personalausweis mitführen. Das erleichtert ein Outing, selbst wenn ich bei der Anmeldung einen Künstlerinnennamen angegeben habe, da ja in beiden Ausweisen ein Foto ist.
Was ist, wenn ich meine Tasche verliere oder mein Portemonnaie geklaut wird? Schon sind meine Aliasbescheinigung und mein echter Personalausweis zusammen in falschen Händen, inklusive meiner Adresse. Da Sexarbeiterinnen immer noch so stigmatisiert sind, haben viele große Angst vor dem Outing, das macht erpressbar und gefährdet Sexarbeiterinnen.

©Luka Wahl

Der Berufsverband für Sexuelle Dienstleistungen hat auch gegen die verpflichtende Gesundheitsberatung für Sexarbeiter*innen protestiert, die das Gesetz eingeführt hat. Was stört euch an der Beratung? Menschen zu einer Beratung zu zwingen, ist niemals zielführend. Dass weiß jeder Ärztin und jeder Sozialarbeiterin. Wie soll da Vertrauen entstehen? Außerdem müssen Sexarbeiterinnen für die Pflichtberatung in manchen Bundesländern auch noch zahlen und sie jedes Jahr wiederholen. Unter 21-Jährige sogar zweimal im Jahr. Wer kein Deutsch spricht, zahlt mancherorts zusätzlich für die Übersetzung. Ich finde es zynisch, dass man vorgibt, ein neues Gesetz zu entwickeln, um besonders vulnerable Gruppen innerhalb der Sexarbeit, wie Migrantinnen, Transfrauen und drogengebrauchenden Frauen, „schützen“ zu wollen, und ihnen dann durch das „Schutzgesetz“ ihr weniges Geld abnimmt. Wirkliche Schutzfunktion hätte ein freiwilliges Beratungs- und Aufklärungsangebot, auch für Einstiegsinteressierte. Im Traumfall eine Mischung aus Sozialarbeiterin, Sexworkerin und Steuerberaterin.

Sexarbeiterinnen und ihre Kundinnen werden durch das ProstSchG verpflichtet, stets Kondome zu nutzen. Klingt doch erst mal nicht schlecht, oder? Aus der Sicht der Branche fragt man sich im Hinblick auf die Kondompflicht einfach nur: „Was ist das nur für ein stigmatisierendes Bild: Sexarbeiterinnen als Virenschleudern?“ Wie soll man kontrollieren, ob bei Sex ein Kondom getragen wird, ohne die Persönlichkeitsrechte zu verletzen? Einfach rein ins Zimmer und die Leute auseinanderreißen, um deren Genitalien zu betrachten? Hätte man sich mit der Wirklichkeit beschäftigt, wäre man auf andere Dinge gekommen, die wir tatsächlich brauchen, um ohne Angst arbeiten zu können. Z. B. eine gesetzliche Handhabe gegen Diskriminierung, die sicherstellt, dass man nicht gekündigt werden darf, weil man mal Sexarbeiterin war.
Oder ein Gesetz, dass man Sexarbeiterinnen nicht gegen ihren Willen outen darf, eben weil es viel Stigmatisierung und Diskriminierung gibt. Toll wäre auch, Sexarbeit endlich zu einem Freiberuf zu machen, das würde tatsächlich „Schutz“ und Empowerment liefern. Man erkennt die Struktur hinter Ausweis, Kondomplicht und Zwangsberatung: Es geht nicht darum, uns zu unterstützen und ein sicheres und professionelles Arbeiten zu ermöglichen, sondern man will uns kleinhalten, als „Opfer“. Dann kann man uns schön beraten und uns erklären: „Nein, du kannst nichts und du weißt es nicht besser“ und dann kann für uns entschieden werden. Das zeigt sich auch daran, dass uns die Anmeldung als Sexabeiterin verweigert werden kann. Das kommt einem Berufsverbot gleich. Ich finde das unglaublich. Wo gibt es das denn sonst? Selbst Ärzt*innen dürften Kunstfehler machen und erst danach wird ihnen die Approbation entzogen und nicht vorher.

Du empfindest das Prostituiertenschutzgesetz als stigmatisierend?  Ja, das ist ja Stigma pur! Dort, wo Sexarbeiterinnen Unterstützung fordern, bekommen sie nichts. Ein Schutz vor Stigmatisierung ist nicht vorhanden. Stattdessen sind alle Sexarbeiterinnen angeblich eine homogene Gruppe und jede der aufgezählten Maßnahmen zielt doch viel eher auf den Schutz der Gesellschaft vor dem Trugbild der Sexarbeit ab als auf wirkliches Arbeitsschutz- und Diskriminierungsschutz einer ganzen Berufsgruppe. Man hat uns nicht nachgefragt, was für uns sinnvoll ist, und lieber das Gegenteil von sinnvoll umgesetzt. Besonders prekäre Gruppen innerhalb der Sexarbeit trifft das besonders hart.

Wir haben darüber geredet, was alles schiefläuft. Das liegt ja nicht nur am neuen Gesetz. „Hure“ und „Nutte“ sind immer noch gängige Schimpfwörter, Sexarbeiter*innen werden immer noch als Abgrenzungsfolie benutzt. Wenn du eine Utopie entwerfen könntest, wie würdest du am liebsten arbeiten und leben? Ich würde mir wünschen, dass sich das Stigma verändert und dass Sexarbeit als normaler Beruf anerkannt wird, so wie beispielsweise Bäckerin oder Metzgerin. Es muss kein glorifizierter Job werden, einen etwas realitätsfernen Mythos haben ja viele Berufe. In einem gewissen Rahmen können auch Sexarbeiterinnen mit einem Mythos leben, aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt. Von der Gesetzgeberin würde ich mir wünschen, dass unser Beruf endlich im Arbeitsrecht verankert und geschützt wird, statt über Sondergesetze reguliert zu werden. Ich wünsche mir die Anerkennung von Sexarbeit als Freiberuf – mit all den üblichen Vorzügen wie z. B. offizielle Praxen. Außerdem würde ich mir auch einen einheitlichen Jargon wünschen: dass man „Sexarbeiterin“ sagt und von „Kundinnen“ oder „Gästen“ spricht und nicht immer so abwertend „Ja, die Prostituierte und ihr Freier.“ Ganz viele Gäste oder auch andere Bekannte wissen ja nicht mal, wie sie mich betiteln sollen. Die sind mir wohlgesonnen, aber sie wissen nicht, was für ein Wort sie benutzen können. Und ich würde mir wünschen, dass Sex überhaupt einen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Dass das was ist, was man lernen und wo man sich weiterentwickeln kann. Dass es etwas Schönes ist, was einen Wert hat. Und dass Menschen Sex unterschiedlich bewerten. Es gibt da eine tolle Analogie: Keiner sagt, ich mag keinen Brokkoli, deswegen darf es keinen anderen Menschen geben, der Brokkoli mag. Jeder hat Verständnis dafür, wenn jemand von Brokkoliauflauf schwärmt. Warum kann es nicht mit Sex genauso sein? Warum kann es für eine Frau nicht okay sein, Sex zu lieben und in der Sexarbeit zu arbeiten? Schließlich existieren wir nur dank Sex. Ich wünsche mir, dass es nicht mehr so etwas Verbotenes ist. Sondern für diejenigen, die es mögen, ein Thema sein kann. Wie Mode, Sport oder das Internet.


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