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„Ich betrachte mich als Überlebende der Lesbophobie“

Die Aktivistin Isabel Fernanda de Freitas zur aktuellen Situation der LGBT-Community in Brasilien.

06.03.19 > Welt

Von Caroline Kraft

Ende Januar wurde bekannt, dass der brasilianische Abgeordnete und LGBT-Aktivist Jean Wyllys nach massiven Todesdrohungen das Land verlassen hat. Du lebst seit Anfang dieses Jahres in Berlin. Warum hast du dich entschieden, Rio de Janeiro zu verlassen? Ich fühle mich im Moment nicht sicher in Brasilien. Jair Bolsonaro ist seit gut zwei Monaten als Präsident im Amt, als eine seiner ersten Handlungen hat er die Förderung von LGBT-Rechten aus dem Aufgabenbereich des Ministeriums für Frauen, Familie und Menschenrechte gestrichen. Seine berühmte Äußerung „Lieber ein toter als ein schwuler Sohn“ steht exemplarisch dafür, wie er öffentlich zur Verfolgung aufruft – der Verfolgung aller Menschen, die nicht seiner Norm entsprechen. Für mich heißt das: Mein Körper – der einer lesbischen schwarzen Frau – ist in diesem Land unerwünscht. Ich nehme das als Bedrohung für mein Leben wahr.

„Lasst uns das Schweigen brechen“ – Isabel Fernanda de Freitas bei einer Demo 2016 ©privat

Wie genau sieht diese Bedrohung aus?
Das politische Klima wirkt sich extrem auf das alltägliche Leben aus. Ich fühle mich auf der Straße nicht mehr sicher. Es gab bereits vorher Morde, Gewalt und Übergriffe, doch die Fälle von Hate Crimes gegen LGBT und People of Color haben massiv zugenommen. In Brasilien wird grausam gegen lesbische Frauen vorgegangen, 2018 wurden 28 Morde verzeichnet, die an Lesben verübt wurden. Zwischen 2014 und 2017 ist die Rate von Morden an lesbischen Frauen um 237 Prozent* gestiegen, diese Zahl steht in direktem Zusammenhang mit dem Aufstieg der fundamentalistischen Kräfte im Parlament. Es gibt dafür mittlerweile sogar einen Begriff: Wir nennen es Lesbozid. Ich betrachte mich als Überlebende der grassierenden Lesbophobie in Brasilien.

Gab es in den Jahren zuvor aus deiner Sicht auch Fortschritte?
Die Situation war immer schon bedrohlich, doch es gab Errungenschaften wie beispielsweise den Lesbian Visibility Day am 29. August oder die National LGBT Conference. Ich habe große Sorgen, dass alles, was sich in diese Richtung bewegt hat, unter der neuen Regierung zunichtegemacht wird. Bolsonaro hat gerade versucht, das Gesetz aufzuheben, nach dem Gewalt gegen LGBT als Straftat gilt. Er hat es glücklicherweise nicht geschafft – noch nicht, jedenfalls.

Vor einem Jahr wurde die Stadträtin und Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco in Rio de Janeiro in ihrem Auto erschossen. Welche Bedeutung hatte ihr Tod für die LGBT-Community?
Marielle Franco war eine Inspiration, eine Hoffnungsträgerin speziell für Women of Color. Ihr Einfluss war außerordentlich. Als junge Frau, die es aus den Favelas in die Politik geschafft hatte, war sie eine Symbolfigur dafür, dass ein Wandel und politischer Einfluss möglich ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ihre Ermordung politisch motiviert war und als Zeichen gegen sie als politische Person und öffentlich lesbische Frau zu verstehen ist. Für mich wurde meine Arbeit als Aktivistin seitdem fast unmöglich, weil sie zu gefährlich geworden ist. Es gibt im Moment keine politischen Gruppen in Brasilien, denen ich vertrauen kann; die meisten linken Gruppierungen funktionieren extrem klassistisch und werden von Weißen organisiert.

Jair Bolsonaro ist ein ultrarechter Politiker, der keinen Hehl aus seiner menschenverachtenden Politik gegenüber Minderheiten macht. Wie kam es dazu, dass er ins Amt des Präsidenten gewählt wurde?
Brasilien steckt in einer tiefen Krise, die geprägt ist von extremer Armut, von Arbeitslosigkeit und Korruption. Ich komme selbst aus dem Nordosten des Landes, einer der ärmsten Regionen Brasiliens, wo Arbeitskräfte massiv ausgebeutet werden. In einer solchen politischen Situation sind Menschen extrem verletzlich und leicht zu manipulieren. Bolsonaro hat das getan, durch einfache Botschaften und Fake News. Er hat den Leuten eine bessere Zukunft versprochen und dass er aufräumen würde.
Bolsonaro polarisiert allerdings auch in Brasilien extrem, seine Wahl zum Präsidenten hat ganze Familien tief gespalten. In meiner Familie hat glücklicherweise niemand Bolsonaro gewählt, aber ich habe viele Freund*innen, bei denen das anders ist. Die öffentliche Diskreditierung queerer Lebensweisen verstärkt den Druck massiv auch innerhalb der Familien – bei einer meiner Freundinnen wollte die Familie einen Exorzismus durchführen. Sie sollte davon „geheilt“ werden, lesbisch zu sein.

Welche Möglichkeiten des Widerstands gibt es zurzeit in Brasilien?
Für die Aktivist*innen, die noch in Brasilien sind, gibt es im Moment nur eine Möglichkeit: Entweder bewegst du dich mit halber Kraft vorwärts oder du wirst getötet. Die Gruppen sind momentan nicht wirklich organisiert, sie sind von Furcht gelähmt. Der innere Widerstand ist groß, jetzt muss ein Weg gefunden werden, diesen langsam in der richtigen Form nach außen zu tragen. Es ist ein gefährlicher Prozess, in dem wir gerade stecken. Ich habe mich entschieden, Brasilien zu verlassen, weil ich glaube, dass es wichtig ist, dass einige von uns in Sicherheit sind, um weiterhin laut sein zu können, damit die Welt erfährt, was in unserem Land passiert.

Welche Zukunft siehst du für die politische Situation in Brasilien?
Ich glaube, wir müssen uns daran erinnern, was es heißt, Menschen zu sein. Wenn jemand repressive Ideen vertritt, schadet das nicht nur der Gruppe, die unterdrückt werden soll, es schadet jedem Einzelnen. Gesellschaftlich wird sich in Brasilien nur etwas verändern, wenn wir anfangen, die Bedeutung von Kunst und Bildung anzuerkennen und diese zu stärken. Außerdem müssen Minderheiten politisch und gesellschaftlich repräsentiert werden und offizielle Positionen besetzen. Im Moment leben wir in einem zutiefst klassistischen System, in dem ausschließlich priviligierte Menschen Zugang zu diesen Positionen haben. Vor einem Gericht wurde kürzlich der Fall eines Mannes verhandelt, der im öffentlichen Raum auf Frauen ejakuliert hat – der Richter entschied, dass es kein Fall von sexueller Belästigung sei. Das ist unglaublich. Doch auch wenn es im Moment düster aussieht, gebe ich die Hoffnung auf einen politischen Wandel nicht auf.

Isabel Fernanda de Freitas ist Aktivistin, Mitglied des Netzwerks Madalenas Internacional und Mitgründerin des Coletivo Madalenas Anastácia PE, einer Theatergruppe von Women of Color, die die Techniken des Teatro do Oprimido (Theater der Unterdrückten) anwenden. Sie macht Bildungsarbeit zu den Themen Race, Gender und Sexualität. Seit Anfang dieses Jahres lebt sie in Berlin.



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