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Don’t mention the Abtreibung

Frauen müssen peinlich und laut sein – bis die Paragrafen 218 und 219a abgeschafft sind.

07.03.19 > Kommentare

Von Jacinta Nandi

„In Deutschland ist Abtreibung eigentlich illegal“, sage ich zu meinem deutschen Kumpel Jens. Über meinen deutschen Kumpel Jens habe ich schon oft geschrieben, er nervt mich manchmal, aber eigentlich ist er voll okay. (Dass er denselben Namen wie der Gesundheitsminister hat, ist jedoch rein zufällig.) Jetzt aber ist Jens sehr genervt von meiner Aussage. Er macht eine genervte Grimasse. Eine Grimasse mit einem lauten, missbilligenden Geräusch dazu, er stöhnt fast. Für einen Moment sieht er ein bisschen so aus wie mein erster Freund in Deutschland, meine tote indische Oma und ein Frosch gemischt mit einem Löwen. Aber nur für ein Moment.

„Was?“, sage ich. „Was ist los mit dir? Abtreibung ist eigentlich illegal in Deutschland.“ Er macht dieses missbilligende Geräusch noch einmal. „Was?“, frage ich wieder. „Stöhne nicht so missbilligend. Ich erzähle nackte Tatsachen. Wenn du ein Problem damit hast, dann musst du dich bei Wikipedia beschweren – oder bei den deutschen Politiker*innen.“ „Du weißt ganz genau, dass es nur in der Theorie illegal ist“, antwortet er. „Niemand ist deswegen in den Knast gekommen. Du versuchst wieder, deine hysterische Identitätspolitik zu betreiben. So wie immer, oder?“

©Flickr/Marco Verch

Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich ab und zu, warum ich überhaupt noch mit Jens befreundet bin. Und dann geht irgendwas schief in meiner Wohnung oder mit meinem Leben und Jens ist da. Er repariert kaputte Klos oder übersetzt Mahnungen von der Hausverwaltung. Manchmal ruft er Leute an und klingt voll Deutsch. Jens ist kein Arschloch, müsst ihr wissen. Er denkt nur manchmal nicht gut genug nach. Er denkt nicht mit.

„Ernsthafte Probleme, eine Abtreibung zu bekommen, haben deutsche Frauen nicht“, sagt er. „Nein?“, frage ich. „Nein“, sagt er. „Im Vergleich zu Frauen in den Staaten oder in Südamerika oder sogar in Nordirland hat die deutsche Frau wirklich keine Probleme, was das betrifft.“ „Echt?“, sage ich. „Aber wo geht sie hin? Wer macht die Abtreibung für sie? Wie findet sie die Infos? Wie findet sie eine Klinik? Bis wann hat sie in Deutschland Zeit? Braucht sie eine Überweisung? Hast du eine Ahnung, wie man das machen soll? Muss man bezahlen? Übernimmt das die Krankenkasse?“ Jens schaut mich zwar verwirrt an, zu sorgen scheint er sich allerdings nicht: „Irgendwie denke ich, dass das nicht so schwer sein kann.“

Das Problem in Deutschland ist: Man weiß nicht, dass es überhaupt ein Problem gibt. Bis vor Kurzem hat Deutschland einfach nicht über Schwangerschaften, die unerwünscht sind, gesprochen. Genauso wie wir nicht über die Mamas, die die Geburt bereuen, sprechen. Man spricht nicht darüber und die deutsche Bevölkerung weiß nicht, dass oder ob es Schwangere in Deutschland gibt, die abtreiben müssen, aber es nicht können. Die Deutschen gehen davon aus, dass ein Mensch, der schwanger ist, aber nicht sein sollte, das schon „erledigen“ wird.

What’s the difference between ignorance and apathy? So beginnt ein englischer Witz. Die Antwort lautet: I don’t know and I don’t care. Die Deutschen wissen noch nicht mal, dass sie es nicht wissen. Schwangere, die nicht gebären wollen, könnten egaler nicht sein. In einem Land, wo über Abtreibung nicht gesprochen wird, darf es natürlich auch keine Werbung dafür geben. Denn um für etwas zu werben, müsste man zuerst zugeben, dass es stattfindet. Dass es überhaupt existiert.

Hier sind die nackten Tatsachen: Eine Abtreibung bleibt in Deutschland weiterhin illegal. Frauen, die abtreiben, sowie Ärzt*innen, die den Eingriff durchführen, werden aber von der Bestrafung befreit. Dazu müssen jedoch bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Z. B. muss eine Pflichtberatung stattfinden und zwischen dieser Beratung und dem Abbruch müssen drei Tage liegen. Das Werbeverbot für Abtreibungen bleibt bestehen. Aber Ärzt*innen dürfen informieren, dass sie diese medizinische Behandlung durchführen.

Hier eine weitere nackte Tatsache: Wenn eine schwangere Frau abtreiben muss, es aber nicht kann, wird sie nicht brav und gehorsam, schnell ein paar Pampers einkaufen und das Baby eben behalten. Sie wird über Selbstmord nachdenken. Und über geheime Abbruchmethoden, bei denen sie vielleicht ihr Leben riskiert. Wer gegen Abtreibung ist, ist für den Frauentod. So einfach ist es.

Abtreibung ist in Deutschland wohl deswegen so tabuisiert, weil man möchte, dass das, was bei einer Schwangerschaft passiert, drinnen bleibt. Drinnen im Körper der Frau, drinnen in der Wohnung, drinnen in den Praxen. Deswegen muss laut Konservativen auch das Werbeverbot bleiben, denn Werbung geht immer nach außen. Menschen, die gebären, werden in diesem Land keine Selbstbestimmung erfahren, bis das Werbeverbot und diese ach so theoretische Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs nicht nur gelockert, sondern total abgeschafft sind.

Bis dahin müssen wir selbst die Werbung machen. Wir müssen über das, was in uns passiert – tief in uns drin, an einem schweigenden, dunklen Ort –, schreien. So peinlich und skurril und schrill wie Werbung für teure Wohnungen müssen unsere Geschichten werden. Ich war schwanger und ich konnte es nicht sein, das, was in mir war, musste entfernt werden, weil ich sonst nicht mehr hätte leben können. Wir sollten uns nicht dafür schämen, sondern peinlich sein. Peinlich und laut.

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