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„Zeigen, dass es anders geht“

Eine Tattoomesse ohne Diskriminierung und toxische Maskulinität? Die Tätowiererin Hanadi hat sie realisiert.

07.03.19 > Aktivismus

Von Katja Musafiri

Hanadi, du hattest die Idee zur ersten feministisch-antirassistischen Tattoo Convention in Hamburg. Wie kam es dazu? Tattoo Conventions sind wichtig für die Zusammenarbeit. Man trifft auf andere Künstler*innen, tauscht sich aus. Mir und anderen Tätowiererinnen fiel nur irgendwann auf, dass wir keine große Lust mehr darauf hatten. Und ohne allzu negativ sein zu wollen: Aber es lag daran, dass die Conventions leider oft zu männerdominiert sind. Man muss dort so viel Respektlosigkeit ertragen. Nackte Frauen, die als Tattoomodels herumlaufen und so was. Wir sind für die Kunst und den Austausch da, deswegen dachte ich mir: Warum machen wir nicht unsere eigene?

Hattest du Vorbilder für deine Idee? Bei mir hat eine Tattoo Circus-Veranstaltung in Berlin Eindruck hinterlassen. Die war voll mit tollen Künstler*innen und toller Kunst. Zwar ohne feministischen Ansatz, aber dafür antifaschistisch.

Ihr habt ja auch einen antirassistischen Fokus dabei, ist denn Rassismus besonders verbreitet in der Tattooszene? Das würde ich jetzt nicht allein auf die Szene begrenzen. Das ist einfach generell ein Thema. Ich als Syrerin lebe seit etwa 13 Jahren hier und anfangs war davon weniger zu spüren. Aber seit einigen Jahren bemerke ich einen Unterschied – allein schon auf der Straße. Ich denke, da sollte jede*r Bürger*in etwas tun, Verantwortung übernehmen und zeigen, dass es auch anders geht.

©Hanadis Garage

Ihr seid sieben Tätowiererinnen auf dieser Convention, wie habt ihr euch gefunden? Wir haben uns auf verschiedenen Conventions getroffen oder schon zusammengearbeitet. Ich hab quasi einfach meine Mädels angerufen und gesagt, lasst uns mal so was machen. Wir fangen damit jetzt im Kleinen an, übernachten einfach alle beieinander, keine braucht ein Hotel, das funktioniert ganz gut. Aber wenn wir das nächstes Jahr noch einmal machen, wird das größer.

Gibt es in der Szene generell viel gegenseitigen Support unter Frauen? Total! Absolut. Also wenn ich z. B. einen Gast-Spot in anderen Ländern buche, suche ich meistens nach einer Frau, deren Arbeiten ich toll finde, und versuche sie kennenzulernen.

Wie ist es denn im Arbeitsalltag? Lässt sich da euer feministischer, queerer, diverser, antirassistischer Ansatz gut umsetzen? Unser Job hängt sehr von den Kund*innen ab. Rassistische Kund*innen würden aber natürlich nicht unbedingt zu mir kommen. Ich tätowiere auch nicht hauptsächlich Frauen oder so. Mein Kundenstamm ist komplett gemischt. Alter, Herkunft – das ist alles sehr abwechslungsreich.

Haben Frauen eigentlich einen anderen Umgang mit dem Tätowieren? Nein. Ich bemerke nur, dass Männer zu hundert Prozent schmerzempfindlicher sind. Frauen sind echt die Toughsten, die können viel mehr Schmerzen ab! Das ist der einzige Unterschied. Alles andere hat mit Gender nichts zu tun.

©Hanadis Garage

Aber als Frau mit Tattoos wurde man früher ja schnell stigmatisiert. Du bist selbst sichtbar tätowiert, was machst du für Erfahrungen mit gesellschaftlicher Akzeptanz? Ich bin jetzt nicht am Hals tätowiert oder so, aber auf der Hand. In kleineren Orten kann es da schon vorkommen, dass man ein bisschen mehr angeglotzt wird. Wie das bei Männern ist, weiß ich ja nicht, vielleicht würde man sie dort genauso anglotzen. Bei ihnen könnte es jedoch eher heißen: Das sind Männer, die dürfen das. Bei Frauen gilt es schneller mal als zu viel. Aber hier in Hamburg ist das alles kein Thema.

Und wie sieht das kulturell aus? Dein Weg hat dich ja von Syrien über die USA nach Deutschland geführt. Klar, es gibt große kulturelle Unterschiede, was die Akzeptanz angeht! In meiner Kultur bin ich natürlich ein totaler Freak, die Verrückte, da geht das gar nicht. Wenn man in Deutschland geboren ist, hat man nicht so viel zu kämpfen, wenn man sich ein Tattoo wünscht. Da sagen Eltern vielleicht höchstens: „Ich mag eigentlich keine Tätowierungen. Aber du bist erwachsen, also mach, was du willst.“

Von dieser Perspektive aus gesehen: Findest du Tattoos sollten mehr mit politischer oder persönlicher Bedeutung verbunden sein? Oder ist es völlig ok, wenn jemand einfach nur aus ästhetischen Gründen ein Tattoo will? Da muss einfach eine schöne Mischung her. Ein paar Sachen findet man nur schön, mit anderen macht man eine Ansage. Ich glaube, anfangs macht man sich da noch viel mehr Gedanken. Das bemerke ich auch bei vielen Kund*innen, die wollen die Bedeutung der ganzen Welt in einem Tattoo. Die Katze muss noch mit und die Eltern und die Stadt, wo sie herkommen – alles soll ins erste Tattoo. Ich sag dann immer: Leute, ihr habt noch Zeit. Ihr habt viel Platz. Ihr könnt euch erst mal nur ein Tattoo aussuchen. Die anderen Themen kommen danach. Nach dem vierten Tattoo sagst du dir dann vielleicht einfach: Das Motiv ist voll schön, das mach ich mir jetzt einfach.

Weil wir gerade von Bedeutung sprechen, eine Frage aus persönlichem Interesse: Ich hätte gern ein Mama-Tattoo, das die Liebe zu meinem Kind ausdrückt. Findest du so was total cheesy? Du bist ja auch Mutter, hast du selbst eins? Ich will auch unbedingt ein Mama-Tattoo! Ich werde mir eine Zeichnung meiner Tochter tätowieren. So eine tolle Kinderzeichnung, das gefällt mir. Bevor ich selbst ein Kind hatte, dachte ich auch noch: Alter, was soll das denn? Aber inzwischen finde ich es cool und will es selbst unbedingt.

Gibt es denn gerade feministische Tattootrends? Das eine feministische Symbol fällt mir da nicht ein. Es gibt aber immer mal Modemotive. Eine Weile waren z. B. Eulen sehr beliebt. Auf den Conventions gibt es auch oft ein Wannado, das alle haben wollen. Lasst euch überraschen, was wir für die „Ink about it!“ alles gezaubert haben. Das ist jetzt nicht so in your face wie ein kaputtes Hakenkreuz oder sowas. Wir sind alle eher künstlerisch und ziemlich kreativ. Bei unseren Motiven muss man manchmal auch zweimal nachdenken.

Gibt es eigentlich auch Motive, die du ablehnen würdest? Klar, wenn jetzt jemand kommt und sagt, ich will ein Tribal oder so was, dann mache ich das natürlich nicht. Wir machen einfach nur unsere Kunst – damit sind wir sehr speziell. Das finde ich auch cool: Jeder hat seine Nische, jeder macht sein Ding – da muss man jetzt nicht alles machen, ne.

Das Maskottchen der „Ink About It“ ©Hanadis Garage

Hast du Tipps für Einsteigerinnen, die tätowieren wollen? Tätowieren lernen ist heutzutage viel einfacher geworden, aber ich empfehle immer noch den alten Weg. Sucht euch ein Studio und lernt das von Grund auf. Und zuallererst die Hygienevorschriften beachten! Viele Leute kaufen sich einfach auf Ebay eine Maschine und fangen da in ihrem Keller an. Aber leider fehlen dabei grundlegende Informationen zur Hygiene. Ein Tattoo zu stechen ist eigentlich wie eine kleine OP. Daher sollten Anfänger*innen schon immer ins Studio gehen.

Und als Frau kann man sich da auch gut durchsetzen? Man findet so viele unglaublich tolle female artists auf der Welt. Wie hoch genau der Anteil ist, weiß ich gar nicht, aber über Social Media findet man mittlerweile ebenso viele berühmte weibliche Tätowiererinnen wie männliche Tätowierer. Die Szene an sich ist nicht mehr komplett männerdominiert, aber auf den Conventions ist es leider immer noch so.

Das Motiv eurer Messe ist so eine kleine weibliche Figur, die den Stinkefinger zeigt. Was steckt dahinter? Davon gibt es auch Klebetattoos als Flyer für die Convention. Diese Frau ist mein Markenzeichen. Seit über 25 Jahren zeichne ich diesen Charakter. Immer wenn irgendwas passiert auf der Welt, macht sie irgendwas. Ihre Message hat aber meist ein bisschen Humor, so wie ich – Humor hilft immer.

Die feministisch-antirassistische Tattoo Convention „Ink About It!“ findet vom 07. bis 09.03. im Rahmen von Kampnagels Veranstaltung „Gender Mainstreaming“ statt.


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