Der Volksfeind Nr. 1: Latte Macchiato

Wie Annegret Kramp-Karrenbauer ein Milchgetränk zum Politikum machte.

12.03.19 > Sibel Schick
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Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Sie ist freie Autorin (taz), Social-Media-Managerin, arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation und ist Mitgründerin einer proaktiven, antisexistischen Online-Plattform. Sie provoziert gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter schreibt sie unter @sibelschick.

Von Sibel Schick

Karneval 2019 war wie ein Schlachtfeld – „WELT“ verharmloste sexuelle Belästigung, Bernd Stelter machte sich lustig, dass Annegret Kramp-Karrenbauer einen Doppelnamen hat, „BILD“ hetzte gegen eine KITA, deren Leitung die Eltern gebeten hatte, auf rassistische Kostüme zu verzichten, und Annegret Kramp-Karrenbauer diskriminierte inter*geschlechtliche Menschen.

Über Bernd Stelters Witz wurde tagelang teils heftig diskutiert. Eine Frau im Publikum hatte sich so sehr aufregte, dass sie zur Bühne ging und mit ihm diskutierte. Stelter sah sich gezwungen, sie daran zu erinnern, dass er nur Witze mache. Wenn ein Comedian jedoch betonen muss, dass das, was er sagt, witzig ist, ist die Performance nicht gelungen. Doch die Geschmacklosigkeit ist nicht das Hauptproblem. Man kann sich über einiges, was Annegret Kramp-Karrenbauer sagt und macht, lustig machen. Auch über ihren Namen, immerhin hört er sich an, als würde ein großer Hund die riesigen Brocken seines Trockenfutters kauen. Aber Stelter hat sich darüber lustig gemacht, dass sie bei der Eheschließung den Nachnamen ihres Mannes an ihren Geburtsnamen dranhing: „Hätte nicht irgendein Standesbeamter Frau Kramp-Karrenbauer warnen können?“

©Tine Fetz

Der Widerspruch daran ist, dass Kramp-Karrenbauer 1984 geheiratet hat. Sie durfte damals ihren Geburtsnamen nicht ganz behalten, das dürfen Frauen mit deutscher Staatsbürgerschaft erst seit 1991. Kramp-Karrenbauers Optionen damals waren: entweder ihren Geburtsnamen aufgeben oder den Namen ihres Mannes an den eigenen dranhängen. Sie hat sich offensichtlich dagegen entschieden, ihren Geburtsnamen aufzugeben. Man kann ihr einiges übelnehmen, aber das nicht.

Deutsche Staatsbürgerinnen müssen zwar keinen anderen Nachnamen mehr annehmen oder dranhängen, aber hierzulande leben auch Frauen, die keine deutschen Staatsbürgerinnen sind. Für viele ist dieser Zwang heute noch Realität. Es gibt übrigens keinen Staat, der Männer zwingt, ihren Namen aufzugeben, es handelt sich hierbei um eine institutionelle Diskriminierung der Frauen. Diese Regelung spiegelt das Besitzverständnis in heterosexuellen Zusammenhängen wider: Ab dem Zeitpunkt der Eheschließung gehört die Frau dem Mann und muss entsprechend heißen. Sie ist keine eigenständige Person mehr, sondern nur noch Teil einer Familie. Nicht wenige Frauen berichten von einer Identitätskrise als Folge der Namensänderung, ganz zu schweigen von dem bürokratischen Albtraum, der damit verknüpft ist und noch größer wird, wenn das Paar sich scheiden lässt und die Frau wieder zu ihrem Geburtsnamen wechseln muss.

Natürlich gibt es auch Männer, die sich für einen Doppelnamen oder den Namen der Frau entscheiden. Ihre Entscheidung ist jedoch freiwillig, in der Regel ein politischer Akt. Kramp-Karrenbauer musste den Namen ihres Mannes dranhängen, weil sie Frau ist. Sich über etwas lustig zu machen, wozu eine Frau aufgrund ihres Geschlechts gesetzlich gezwungen wurde, ist dasselbe, wie sich darüber lustig zu machen, dass sie Frau ist.

Kritische Stimmen wurden selbst von denen laut, die sich mit der Politik Kramp-Karrenbauers nicht identifizieren können. Und dann kam die Karnevalssendung, in der sie als „Putzfrau Gretl“ auftrat. Ihr Auftritt überbot den „Witz“ über ihren Nachnamen nicht nur an Geschmacklosigkeit, sondern auch in Sachen Diskriminierung. Kramp-Karrenbauer arbeitete sich an Männern in Berlin ab und erklärte inter*geschlechtliche Menschen zu Männern: „Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten fürs dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder sitzen müssen.“

Ihre Aussage hat drei Ebenen, denen mit Vorsicht zu begegnen ist.

Latte Macchiato und Männlichkeit: Warum so gehässig? Das ist doch einfach nur ein Glas warme Milch mit einem Schuss Espresso – was ist schlimm daran, wenn Männer ein Milchgetränk trinken? Die Antwort lautet: weil das Getränk nicht mit toxischer Männlichkeit vereinbar ist. Ein echter Mann, nach dem sich Kramp-Karrenbauer und die CDU sehnen und den sie am liebsten wieder so einführen würden, denn früher war ja alles besser, trinkt kein Milchgetränk – er ist doch kein Bub. Nein, er trinkt Schweiß, Tränen von Frauen, die er schlägt, und Sockensaft nach einem anstrengenden Tag auf der Arbeit. Dann ist man Mann. Vor allem sollten sich cis Männer an diesem „Witz“ stören – immerhin werden sie diskriminiert, weil sie in eine für sie bestimmte Rolle nicht hineinpassen. Es geht aber um noch etwas anderes bei diesem Getränk, etwas, das man zwar spürt, aber nicht gleich beschreiben kann. Es geht um …

Latte Macchiato und Klasse: Das Getränk steht für Ungerechtigkeit. Es soll die Diskriminierung ansprechen, der „das Volk“ ausgesetzt sei. Wer sich von Latte Macchiato distanziert, positioniert sich weit weg von der Elite. Ja, auch wenn man wie im Falle Kramp-Karrenbauer und eigentlich aller Rechtspopulist*innen der Elite angehört. Lippenbekenntnisse sind ausreichend. Sich an Latte Macchiato abzuarbeiten ist das neue „Wir sind das Volk“. Ohne überhaupt das Wort „Ungerechtigkeit“ in den Mund zu nehmen, drückt Kramp-Karrenbauer aus: „Ich bin auf eurer Seite und die da drüben in den Berliner Cafes mit Toiletten fürs dritte Geschlecht sind für euer Elend verantwortlich.“ Man kann davon ausgehen, dass sie versucht, die AfD-Wähler*innen für die CDU zurückzugewinnen. Sie liefert keine Witze, sondern politische Botschaften. Ihr Auftritt ist keine Comedy-Show, sondern eine Wahlkampfveranstaltung.

Diskriminierung aufgrund der Identität: Der dritte Geschlechtseintrag wurde eingeführt für Menschen, die weder Männer noch Frauen sind. Kramp-Karrenbauer spricht inter*geschlechtlichen Menschen die Existenz ab, indem sie sie für cis Männer erklärt. Im Anschluss wertet sie sie ab, indem sie sagt, dass sie nicht wüssten, wie sie zu pinkeln haben. Kramp-Karrenbauer ist die Vorsitzende der bisher stärksten politischen Partei Deutschlands und es besteht eine starke Wahrscheinlichkeit, dass sie Kanzlerin wird. Die Politikerin, die sich klar gegen Ehe für alle positioniert, liefert mit der betroffenen Performance die unmissverständliche Botschaft, dass sie keine Existenzen annimmt, die außerhalb von Zweigeschlechtlichkeit liegen. Ja, man kann Witze über Menschen machen. Diskriminierte Gruppen wollen nicht so behandelt werden, als wären sie zerbrechlich. Inter*geschlechtlichen Menschen die Existenz und die Identität abzusprechen ist jedoch kein Witz. Mit ihrer Performance untermauert Kramp-Karrenbauer die Diskriminierung einer ohnehin marginalisierten Gruppe. Es ist keine Gleichberechtigung, sondern eine weitere, und zwar schwere Diskriminierung der betroffenen Gruppe.

Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: „Furzt der Imam, so kackt die Gemeinde.“ Das heißt, wenn Menschen mit Macht oder Vorbildfunktion etwas Unanständiges machen, nimmt das der Rest der Gesellschaft auf und haut einen drauf. Den Wind, den Annegret Kramp-Karrenbauer sät, werden marginalisierte Menschen als Sturm ernten müssen.


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