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Das Internet dekolonialisieren

Auch der virtuelle Raum ist von Hegemonien geprägt. Wie
lässt sich die Kritik an einem „digitalen Kolonialismus“ mit einer intersektional-feministischen Perspektive verbinden?

14.03.19 >

Von Ina Holev

Tief im Meer liegen transatlantische Glasfaserkabel. Sie übermitteln alles, von Bankdaten bis hin zu Instagram-Likes. Doch in diesen Wegen ist Geschichte eingeschrieben. Die Routen der transatlantischen Glasfaserkabel liegen dort, wo einst mit Schiffen Menschen aus Afrika in die Sklaverei verschleppt wurden. Die Videoarbeit „Deep Down Tidal“ von Tabita Rezaire zeigt diese verstörende Kontinuität. Über den Bildschirm springen Symbole für Internetempfang und es greifen Cyborg-Hände ins Meer, doch der Informationsfluss im Wasser entgleitet ihnen. Ein Flow, dann abrupte Glitches. Haie, die Schiffen auf ihren Handelswegen folgen und in die Kabel beißen. „Gleiche Wege, gleiche Geschichten, gleicher Schmerz“ – die französisch-guyanisch-dänische Künstlerin greift diese Verbindung von Kolonialisierung und Digitalisierung in ihrer Kunst auf. Afrofuturismus trifft in „Deep Down Tidal“ auf die ironische und grelle Internetästhetik der frühen Nullerjahre. Zukunft und Vergangenheit wirken zugleich. Rezaire zeigt: Spuren des Kolonialismus finden sich auch heute im Cyberspace.
Rezaires Arbeit ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem sogenannten „digitalen Kolonialismus“, manchmal auch als „elektro- nischer Kolonialismus“ bezeichnet. Nach wessen Regeln funktioniert das Internet? Wer darf dort sprechen und was wird gesagt? Wessen Wissen finden wir dort? Im „Internet Health Report“ der (offiziell als gemeinnützig geführten) Mozilla Foundation gibt die guatemaltekische

Menschenrechtsanwältin und Netzaktivistin Renata Avila eine Definition. Sie beschreibt digitalen Kolonialismus als „eine neue, quasi imperiale Machtstruktur“ durch zentralisierte Machtakteur*innen, die mit „Da- tenschürfung und der Aushöhlung grundlegender Menschenrechte“ arbeiten. Suchalgorithmen und künstliche Intelligenz orientieren sich meist an bestimmten Maßstäben – oft weiß, männlich, heterosexuell. Diese Standards sind in die Technik eingespeist.

Die ersten Formen des heutigen Internets kommen aus den Denkfabriken des US-Militärs. Auch in der Gegenwart stammen die großen Akteur*innen im Netz meist aus den USA, vereinzelt aus Europa. Ebenso entstehen in Asien, etwa in China, durch Technik ähnliche Bewegungen. Die Kritik befasst sich jedoch meist mit westlichen Strukturen. An ihnen orientieren sich die Normen im Internet, dessen Gesetze und vorherrschende Sprachen. Länder aus dem Globalen Norden exportieren Software, Hardware und auch eine große Menge an elektronischem Abfall in ehema…


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