Purim ist nicht Fasching

Purim ist die Geschichte zweier starker Frauen!

19.03.19 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Esther und Waschti. Während Esther einigen wc-Deutschen vielleicht sogar noch etwas sagt, erscheint bei dem Namen Waschti vermutlich nur ein Fragezeichen in den meisten Gesichtern. Wc-Deutsche neigen dazu, alle Feste, die nicht ihre eigenen sind, in Relation zu christlichen Feiertagen zu setzen, weil sie sonst nicht klarkommen: Chanukka ist wie Weihnachten, Pesach wie Ostern und Purim eben wie Fasching. Zunächst einmal: Das Judentum ist knapp 2000 Jahre älter als das Christentum. Das bedeutet also, wenn überhaupt ist Weihnachten wie Chanukka, Ostern wie Pesach, Karneval wie Purim und Sonntag wie Samstag. Ganz abgesehen davon, dass die vermeintlichen Analogien absolut fragwürdig sind und ausschließlich dazu dienen, dass wc-Deutsche bloß nicht in die Bredouille kommen, irgendwas verstehen zu müssen, dass nicht ihres ist. Immer von der Dominanz aus zu denken, dann bleibt es einfach und verständlich und man selbst der Mittelpunkt der Welt. Bei Purim ist dies ganz besonders ärgerlich. Denn Fasching bzw. Karneval hat nicht den geringsten feministischen Charakter – Purim dagegen schon.

©Tine Fetz

Lasst mich euch erzählen, warum man Purim feiert, oder noch besser, wer Esther und Waschti waren:

Figuren:

Ahasveros – der persische König und ein Musterbeispiel an fragiler Masculinity

Waschti – die erste Frau des persischen Königs und Feminist Killjoy

Esther alias Hadassa – die zweite Frau des persischen Königs, Schwägerin von Mordechai, strategische Feministin und Heldin

Mordechai – Schwager von Esther alias Hadassa, Beamter am Hofe des persischen Königs

Haman – höchster Staatsmann und Berater des persischen Königs, vermutlich Minister für Hatespeech, Antisemit und Massenmörder in spe

Wir denken 2500 Jahre zurück. Das jüdische Volk im Persischen Reich. Die Erzählung beginnt mit der Verstoßung von unserer ersten Heldin Waschti, der persischen Königin.
König Ahasveros veranstaltet ein Fest oder eher ein Trinkgelage und fordert seine Frau Waschti auf, für seine Gäste zu tanzen. Waschti weigert sich jedoch à la „I’m not here for your entertainment“ und reagiert auf den Befehl des Königs mit Abwesenheit. Ahasveros reagiert daraufhin mit folgenden Worten: „Nicht den König allein hat die Königin Waschti beleidigt, sondern alle Fürsten […] Denn das Wort der Königin wird sich bei allen Frauen verbreiten und ihre Ehemänner in ihren Augen herabsetzen, indem es heissen wird, König Achaschwerosch hat befohlen, die Königin Waschti vor ihn zu bringen, und sie kam nicht“ (Esther 1. 16 f.) Waschti wird über die Jahrzehnte immer wieder als feministischer Charakter im Tanach wiederentdeckt. Bestärkt durch die Reaktion des Königs, der genau das befürchtet: Waschtis Verhalten könnte andere Frauen dazu empowern, das Gleiche zu tun …
Aber der König findet dieses feministische Gebaren eben nicht so super und verbannt Waschti, um sich direkt eine neue Frau zu suchen. Sie soll vor allem eins sein: schön!
Diese schöne Frau ist eine Jüdin – Esther. Und Esther ist nicht nur schön, sondern auch klug, wie die Geschichte zeigt (hätte ich was zu sagen, wären Waschti und Esther am Start und hätten den König verstoßen. Und wenn wir ehrlich sind: Bei zwei so coolen Frauen war es wahrscheinlich sogar so, aber das Patriarchat hat’s nicht ertragen und die Geschichte umgeschrieben).

Aber zurück zu Esther, die übrigens eigentlich Hadassa heißt. Ihr Vetter Mordechai rät ihr jedoch, ihre Herkunft zu verheimlichen, und sie nennt sich stattdessen Esther. Dieser Vetter, also Mordechai, arbeitet als Beamter am Tor des königlichen Palasts in Susa. Zufällig belauscht er einen Plan zur Ermordung von König Ahasveros und warnt mit Esthers Hilfe den König.

Szenenwechsel: Mordechai verbeugt sich nicht.

Die Zeit verstreicht und Mordechai arbeitet weiterhin in hoher Position am Hofe des Königs. Das dies für einen Juden überhaupt möglich ist, hängt vor allem damit zusammen, dass Mordechai assimilierter Jude ist. Die Möglichkeiten jüdischer Assimilation erreichen jedoch in dem Moment ihre Grenzen, als Haman (der nächste Typ, der in der ganzen Geschichte nicht klarkommt) durch Förderung des Königs Ahasveros zum zweiten Mann im Staat gewählt wird. Er fordert von allen öffentliche Unterwerfung ein.  Das jüdische Gesetz sagt jedoch klar, dass man sich vor niemandem – außer Gott – verbeugen soll und so weigert sich Mordechai, vor Haman niederzuknien. Als Haman daraufhin feststellt, dass Mordechai sich das erlauben kann, weil der König wegen dem vereitelten Mord in seiner Schuld steht, dreht Haman vollends ab. Er beschließt, nicht nur Mordechai töten zu lassen, sondern dass direkt alle Jüd*innen im persischen Reich umgebracht werden sollen.

Hadassa alias Esther erfährt davon und beschließt zu handeln. Sie geht auf eigene Faust zum König (was allein schon beeindruckend ist, weil es mit dem Tod bestraft wird, sich dem König unerlaubt zu nähern) und tut nix weiter, als ihn traurig anzuschauen. Ahasveros hält das irgendwann nicht mehr aus und sagt zu Hadassa alias Esther, dass er es nicht ertrage, sie so unglücklich zu sehen, und er alles tun würde, um sie wieder glücklich zu machen (Esther versteht es, das Patriarchat mit den eigenen Waffen zu schlagen). Esther alias Hadassa sagt daraufhin zu ihm, dass er Haman (den Typ, der nicht klarkommt) rufen lassen soll und sie ihm dann erkläre, warum sie so niedergeschlagen ist. Der König ruft, Haman kommt, Hadassa alias Esther spricht: „Ahasveros, es gibt einen Mann, der mein ganzes Volk töten will.“ Ahasveros muss natürlich den Helden spielen und fragt aufgebracht, wer das ist und dass er die Person bestrafen wird, die das dem Volk SEINER Königin antun will, und Hadassa/Esther antwortet: „Er steht hier vor dir. Es ist Haman.“ So zumindest in der Kindergeschichte. In der Erwachsenenversion spielt Esther die beiden Männer auf zwei Festen (die eine Anspielung auf das erste Fest mit bzw. eben ohne Waschtis sind) kompliziert und ausgesprochen clever gegeneinander aus und überzeugt den König am Ende, dass Haman mit der Ermordung ihres Volks auch sie und somit den König bedrohe. Der König folgt verunsichert dieser Logik und beschließt, Haman loszuwerden.

Haman wirft sich daraufhin vor Hadassa alias Esther auf den Boden und bettelt um (ihre) Gnade. Das hilft Haman leider nichts und er wird daraufhin an dem Galgen gehängt, den er hatte für Mordechai aufstellen lassen, und die Jüd*innen im persischen Reich überleben.

1.Was lernen wir daraus? Typen kommen nicht klar! Und am allerwenigsten mit starken, intelligenten, autonomen Frauen.

2. Fasching ist nicht wie Purim und schon gar nicht ist Purim wie Fasching, sondern eher wie der 08. März – denn es wird gestreikt und protestiert und der eine oder andere Mann (zumindest emotional) gestürzt.


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