Erica Fischer: „In meiner Jugend gab es nur wenige öffentliche Personen, die als Vorbilder getaugt hätten.“

Now and then: Die Autorin und Feministin Erica Fischer über Simone de Beauvoir.

Protokoll: Anna Mayrhauser

In meiner Kindheit und Jugend gab es, außer Popsängern und Filmschauspielerinnen, nur wenige öffentliche Personen, die als Vorbilder getaugt hätten. Ich bin auch nicht gerade eine, die vor Berühmtheiten in Ehrerbietung zerfließt. Aber meine Mutter verehrte Marie Curie, die große Chemikerin, und hat sie mir als Role Model angeboten. Sie hätte gerne gehabt, dass ich einen technischen Beruf ergreife, aber leider stand mir der Sinn nicht danach, und so blieb Madame Curie immer ein Vorbild, das mir von meiner Mutter auferlegt wurde, aber keine Person, der ich hätte nacheifern können.

Simone de Beauvoir habe ich Anfang der 1970er- Jahre zu Beginn der Frauenbewegung entdeckt. Damals haben wir ganz hektisch nach Vorbildern gesucht. Das waren dann meist gleichaltrige Frauen wie Kate Millett oder Shulamith Firestone. Gerade erst

habe ich „Das andere Geschlecht“ neu gekauft, es ist irgendwie aus meinem Buchbestand verschwunden. Aber das ist ein Grundlagentext, den man im Haus haben muss, so wie „Das Kapital“ von Karl Marx.

Kollage Missy/Jerry Bauer; Massimo Cortini

Was mich bis heute prägt, ist das Bild vom Mann als das Subjekt und das der Frau als das „Andere“; als diejenige, die in Abhängigkeit vom Mann, sei es wirtschaftlich oder kulturell, lebt und ständig gegen diese Abhängigkeit kämpfen muss. Das stimmt ja eigentlich immer noch. Wir sind zwar weiter als damals, aber grundsätzlich ist unsere Kultur nach wie vor männlich geprägt. Außerdem hat mir an Simone de Beauvoir gut gefallen, dass sie kinderlos geblieben ist, dass sie eine intellektuelle Frau war, die ihr Leben mi…

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