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Binegativität macht krank

Die Gesundheitslage von LGBTIQ-Personen ist noch immer schlecht erforscht – jene von bisexuellen Frauen ganz besonders, weiß die Expertin Renate Baumgartner.

29.03.19 > Gesundheit,

Interview: Bettina Enzenhofer
Illustration: Katja Grosskinsky

LGBTIQ-Personen sind in puncto Gesundheit auf vielen Ebenen mit Ungleichheiten konfrontiert. Sie erleben Barrieren beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, z. B. durch Diskriminierung seitens des Gesundheitspersonals, das wenig über die spezifischen Bedürfnisse von LGBTIQs weiß. Du hast dich in einer Studie mit Binegativität beschäftigt, also Diskriminierung, der bisexuelle Frauen ausgesetzt sind.
Lange Zeit wurde angenommen, dass lesbische Frauen gesundheitlich schlechter gestellt wären als heterosexuelle und dass bisexuelle Frauen sich irgendwo dazwischen befinden. Erst als man sich die Gruppen einzeln angesehen hat, wurde klar, dass bisexuelle Frauen in einigen Bereichen am schlechtesten dastehen – z. B. haben laut einer aktuellen US-Studie 46 Prozent der bisexuellen Frauen mittelschwere bis schwere psychische Belastungen. Bisexuelle Frauen sind vor allem mit binegativen Zuschreibungen der Untreue, Unzuverlässigkeit und Hypersexualisierung konfrontiert. Außerdem wird Bisexualität von vielen nicht als sexuelle Orientierung ernst genommen, à la: „Das ist nur eine Phase, irgendwann musst du dich entscheiden.“ Bisexuelle gelten innerhalb der LGBTIQ-Communitys als privilegiert, weil sie vermeintlich auch als heterosexuell durchgehen können. Bisexualität ist durch unsere monosexuelle Norm – man hat entweder heterosexuell oder homosexuell zu sein – vie- len schwer verständlich. Da viele Wissenschaftler*innen ähnliche Vorurteile haben, wurde die Gesundheit bisexueller Frauen lange Zeit nicht erforscht. All dies führt dazu, dass bi-sexuelle Menschen wenige Orte haben, wo sie sich willkommen und verstanden fühlen, aber auch Wissen austauschen können. Sie trauen sich oft nicht in die LGBTIQ-Communitys, aber auch der Hetero-Mainstream ist, wie wir wissen, kein sicherer Ort für sie. Die generelle Unsichtbarmachung von Bisexualität macht es auch schwieriger, sich zu vernetzen. Es gibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch nur wenige dezidierte Bi*Communitys. All dies wirkt sich auch auf die Gesundheit bisexueller Frauen aus.

Sie haben u. a. ein höheres Risiko für Gebärmutterhalskrebs, Sucht- und psychische Erkrankungen als heterosexuelle und lesbische Frauen. Wie lässt sich das erklären?
Die meisten Studien mutmaßen, dass bisexuelle Frauen von mehreren Seiten Diskriminierung und Marginalisierung erfahren – was Stress verursacht, der sich negativ auf die Gesundheit aus- wirkt – und auf wenig Rückhalt zurückgreifen können. Dass sie seltener geoutet sind, erschwert es zusätzlich, dass sie sich vernetzen. Das ist ein Nachteil, denn psychischer Stress könnte mit einem unterstützenden Netzwerk bzw. eigenen Bewältigungsmechanismen abgefangen werden. Es ist auch bekannt, dass sexuelle Minderheiten im Allgemeinen weniger oft zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Dies erhöht z. B. die Wahrscheinlichkeit, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken.


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