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Ein Instrument der Bewegung

Die Musikerin Petra Nachtmanova hat sich auf Spurensuche nach der traditionsreichen Saz begeben.

10.04.19 > Kunst

Von Merve Namlı

Zum Festival #disPlaced-#rePlaced im Radialsystem in Berlin werden im April türkeistämmige Künstler*innen vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage in ihrer Heimat präsentiert. Der Fokus ist dabei auf jene gerichtet, die in der Türkei „entortet“ wurden und sich in Berlin „neu verortet“ haben. Außerdem werden in Istanbul lebende Kreativschaffende eingeladen, die ihre Kunst mit kulturpolitischem Aktivismus vereinen.

Was es für Kulturschaffende heißt, „disPlaced“ zu sein und zwischen den Gesellschaften zu leben, erklärt İpek İpekçioğlu, die Kuratorin des Festivals: „Es bedeutet, dass man seinen Boden verliert, was einem hilft, als Künstler*innen zu wachsen. Und dass man einen neuen Boden sucht, um sich ausdrücken zu können.“ Die queere Musikerin und DJane organisiert dieses Festival nun zum zweiten Mal. Zur Eröffnung in diesem Jahr wird Stephan Talneaus neuer Dokumentarfilm über die Berliner Saz-Musikerin Petra Nachtmanova gezeigt. Ich bin schon lange mit ihr befreundet und wollte wissen, wie es zu diesem Roadmovie kam.

©Sazfilm

Zuerst einmal danke für deine Zeit, Petra. Ich weiß, du bist gerade viel unterwegs – auch beim Istanbul Film Festival wurde dein Film gezeigt. Wie entstand denn die Idee zu diesem Film und wie kamst du eigentlich zur Saz?
Vor zehn Jahren ist mir die Saz erstmals auf der Straße in Kreuzberg begegnet. Vor allem sonntags sieht man dort viele Kinder zum Saz-Kurs gehen, das habe ich dann auch gemacht. Schnell habe ich bemerkt, dass hinter dem Instrument viele Geschichten stecken. Ich studierte zu der Zeit Geschichte Zentralasiens, interessierte mich also sowieso dafür. Ich wollte mehr wissen: Was erzählen diese Lieder, diese Gedichte? Als ich erfuhr, dass die Saz aus Khorassan kam, wollte ich mich auf Spurensuche begeben. Stephan Talneau, ein Regisseur und Freund von mir, hatte die Idee, einen Dokumentarfilm darüber zu drehen.

Eine umgekehrte Migration also, oder? Viele Menschen, die aus Anatolien nach Deutschland kamen, brachten auch ihre Saz mit.
Ja, der Film ist sozusagen eine Hommage nicht nur an die Saz, sondern auch an die Orte, aus denen viele Menschen nach Deutschland kamen.

Wie lange wart ihr denn unterwegs und wie habt ihr die verschiedenen Saz-Spieler*innen getroffen?
Wir waren über 5000 Kilometer unterwegs, insgesamt drei Monate lang. Wir waren zu dritt: Florent Chaintiou, der Tonmeister, Stephan Talneau, der Regisseur, und ich. In jedem Land gab es Assistent*innen, die bei der Suche nach den richtigen Leuten und der Kommunikation halfen. Wir haben so ungefähr 80 Musiker*innen getroffen, zehn Prozent davon waren Frauen. Manche Treffen kamen zufällig zustande, andere hatten wir vorab bereits geplant. Aber egal, wen wir trafen, alle waren immer total freundlich und wir wurden gefüttert, bis wir nichts mehr essen konnten.

©Sazfilm

Der Film wurde zur Eröffnung des Istanbul Film Festivals gezeigt und es gab weitere Vorführungen dort. Warum wolltet ihr die Deutschland-Premiere beim #disPlaced-#rePlaced Festival machen?
Wie du schon sagtest, anatolische Gastarbeiter kamen oft mit ihrer Saz nach Deutschland. Das Instrument ist insofern selber displaced-replaced. Und auch die Ursprünge der Saz reichen von nomadischen Turkvölkern aus Zentralasien über kurdische Völker von Mesopotamien bis Iran bis hin nach Indien. Dieses Instrument hat eine Geschichte der Bewegung.
Und ich selbst bin ja auch ein Kind von Immigrant*innen, wurde in Österreich als Tochter einer polnischen Mutter und eines tschechischen Vaters geboren. Ich bin displaced von der osteuropäischen Kultur nach Österreich und replaced in der in Berlin verhangenen anatolischen Kultur. Als Stammgast sozusagen. Ich fühle mich europäisch, aber fühle mich auch nicht fremd gegenüber der anatolischen Kultur.

Du sagst, Heimat ist, wo ich Saz spielen kann. Ein schöner Gedanke, aber meinst du, es können auch Schwierigkeiten entstehen, wenn wir „rePlaced“ sind?
Meiner Erfahrung nach gibt es in jedem Kulturkreis viele politische und soziale Schichten. Man muss aufpassen, dass man nicht automatisch in irgendeine Schicht fällt. Die Menschen aus der Türkei, die in Berlin leben, haben z. B. oft eine politische oder soziale Zuordnung. Da gibt es klar definierte Gruppen. Das ist manchmal gefährlich.

Denkst du, die Saz als Instrument ist auch ein Symbol des Widerstands der Menschen, die aus Anatolien kamen und nun in Deutschland oder Europa leben?
Momentan nicht. In den 70er-Jahren war die Saz Ausdruck des Widerstands in der Türkei. Die Menschen spielten Saz, um Kritik an der Regierung zu üben. In Deutschland ist die Saz eher ein Stück Heimat, die man mitgenommen hat. Manche beten damit, manche feiern damit. Und die Saz ist definitiv ein Instrument, das die Menschen zusammenbringt, die in den Texten ihre Erfahrungen und Geschichten teilen, begleitet von der Saz.

Wie hast du dich gefühlt während deiner Reise von Berlin bis ins legendäre Khorassan im Grenzgebiet von Afghanistan und dem Iran?
Für mich war es sehr interessant und hat mir Augen und Ohren geöffnet. Mittlerweile ist die Saz ja auch sehr präsent in Europa. 2013 wurde sie z. B. in Berlin zum Instrument des Jahres gewählt. Es war sehr spannend, in ein Dorf in Anatolien zu fahren und zu wissen, dass die Großeltern meiner Freunde in Berlin aus diesem Dorf kommen.

Vielen Dank für deine Zeit und das nette Gespräch, Petra.
Danke dir auch.

„Saz“ wird am 11.04. im Rahmen des Festivals #disPlaced-#rePlaced 2 im Radialsystem gezeigt. Der Film wird um 18:00 Uhr auf Türkisch und um 20:30 Uhr auf Deutsch gezeigt, jeweils mit englischen Untertiteln. Im Anschluss an das Filmscreening präsentiert Petra Nachtmanova zwei Stücke auf der Saz.

 

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