Kaffee, Kuchen und queere Sexarbeit

Puffgeschichten sind komplex. Aber als unser Kolumnist einer Mutter davon erzählt, fühlt er sich verstanden.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Im Herbst 2017 erscheint seine erste Novelle „Fleisch mit weißer Soße" bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht
Ich bestelle Cappuccino mit Sojamilch und ein französisches Gebäck namens Financier. Das passt, da wir über Geld sprechen werden. Anja bestellt sich einen grünen Tee und einen Schokoladenkuchen und später sagt sie, das ist der beste Schokoladenkuchen, den sie jemals gegessen hat. Jeanne bestellt sich auch einen Cappuccino und dazu ein Sandwich. Anja ist ihre Mutter, wir haben uns vor etwa einem Jahr zum ersten Mal getroffen. Viele queere und trans Personen haben ein kompliziertes Verhältnis zu ihren Familien, vor allem zu den Eltern. Oft sind wir nicht out oder nur teilweise oder es gibt ein stilles Einverständnis, über bestimmte Dinge nicht zu reden. Ab und zu gibt es aber jene Eltern, die sich voller Neugierde und Offenheit in das queere Leben ihrer Kinder stürzen und deren Freund*innen und Lebensrealitäten kennenlernen möchten. Sie werden dann zu kurzzeitigen Ersatzeltern für die Friends ihrer queeren Kinder.
©Tine Fetz
Anja und ich kommen schnell in einen Gesprächsflow, Jeanne hört zu, sie lernt uns beide neu kennen. Mich aus der Perspektive ihrer Mama und ihre Mama aus meiner Perspektive. Ich erzähle, dass ich spät dran bin mit der Kolumne und so reden wir über Sexarbeit. Anja will alles wissen, was immer alle wissen wollen: Wie viel ich verdiene, ob ich Gleitgel benutze und ob ich auch Freier ablehnen darf. Sie sagt Freier, während ich vor Vanillas lieber von Gästen spreche. Vanillas sind die, die keine Sexarbeiter*innen sind. Freier ist so ein abwertender Begriff und jemand, der*die nie Sex für Geld hat, sollte über die Branche nicht moralisieren. Weder über uns Sexarbeiter*innen noch über jene, die unsere Dienste in Anspruch nehmen. Das Schwedische (oder Nordische) Modell, in dem per Gesetz diejenigen kriminalisiert werden, die Sex kaufen, arbeitet mit der Freier-Abwertung. Dass sie beispielsweise Lehrer, Familienväter, Politiker sind, erscheint dann als Gefahr für die Gesellschaft. Dass sie Perverse sind, die ausgefallene Fetische haben und auf BDSM oder Rollenspiele mit Schuluniform stehen, ebenfalls. Menschen, die keine cis Männer sind, kommen zwar im echten Leben als unsere Kund*innen vor, doch nicht in der Vorstellungswelt des Schwedischen Modells.
Die Freier sind angeblich ekelhaft und jeder Kontakt mit ihnen schadet uns Prostituierten, denn wir sind unschuldige (manchmal auch verdorbene), doch in jedem Fall Opfer. Angeblich haben wir ein falsches Bewusstsein für unsere eigene Ausbeutung, weil wir so arm oder so traumatisiert sind, dass wir die Wahrheit nicht erkennen können. Halten Armut und Trauma die Menschen davon ab, die Dinge so zu sehen, wie sie sind? Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Doch für die Verfechter*innen des Schwedischen Modells macht die Sexarbeit uns zu Unmündigen und dementsprechend unsere Kund*innen zu Monstern. Wie monströs und verfallen muss die Moral eines Menschen sein, der Unmündige ausnutzt!
Ich sage zu Anja, das Schwedische Modell kriminalisiert Kund*innen, aber dadurch kriminalisiert es die Arbeiter*innen und sie sagt: „Ja klar!“ Denn das leuchtet ihr ein. Man muss nicht von racial profiling betroffen oder bei der Antifa sein, um die Polizei zu hassen. Sie ist zu Besuch in Berlin und sagt: „Hier ist alles so viel.“ Auch mein Leben kommt ihr viel vor. So komplex und so voller Struggles. Sie sagt: „Für mich ist es eine Überwindung, aus meiner Komfortzone herauszukommen, und du bist niemals in deiner Komfortzone.“ Ich muss kurz überlegen, ob sie damit recht hat.
Vielleicht stimmt es. Sobald ich das Haus verlasse, bin ich ich im Abwehrmodus. Wenn ich das nicht kann, bleibe ich zu Hause. Im Laufe des Gesprächs merke ich, welches Wissen, welche Fähigkeiten ich habe, ohne die ich keine Sexarbeit machen könnte. Wie sicher ich mir selbst werden musste, wie reflektiert und selbstbewusst. Wie ich die Kontrolle über jede Situation behalte, ohne dass die anderen das merken. Wie schnell ich meine Grenzen wahrnehme und noch schneller, dass jemand anders gerade versucht, sie zu überschreiten. Wie ich lernen musste, mich von Übergriffen zu erholen, trotz der Scham, des Stigmas, dem Druck, immer ein glücklicher Sexarbeiter zu sein. Ich merke aber auch, wie viele Fragen, trotz aller Reflektion, offenbleiben.
Wie verhalte ich mich bei Diskriminierung im Puff? Eine Kollegin wird gemobbt wegen ihrer Mental Health Probleme. Ich sage: „Solange sie euch in Ruhe lässt, könnt ihr sie doch auch in Ruhe lassen.“ „Aber sie ist verrückt!“ Ich sage: „Ich bin auch verrückt, aber das merkt ihr nicht, weil ich an solchen Tagen zu Hause bleibe.“ Eine andere Kollegin wird gemobbt, weil sie sich manchmal ohne Slip bei den Gästen vorstellt und diese somit ihre Genitalien sehen können. „Sie hat sich sogar nackt vor unseren Chef gestellt, das ist doch respektlos!“ Muss eine Nutte wirklich die Ehre eines Bordellbetreibers verteidigen? Ich glaube nicht, aber dennoch fühlt sie sich dazu berufen. Ich sage: „Mir macht es nichts aus, wenn sie so rumläuft“, denn mehr fällt sogar mir nicht dazu ein. Eine nicht-weiße Arbeiterin hat auf dem Flur ein bisschen zu laut einen rassistischen Slur gesagt, und die weißen Bitches beschweren sich, dass sie damit die Gäste vergrault. Ungeachtet dessen, dass diese tagtäglich diese rassistische Sprache benutzen und damit nicht mal auf ihre eigenen, von Rassismus betroffenen Kolleginnen Rücksicht nehmen. Oder wenn man für das „lesbische Duett“ gerne extra kassiert, aber echte Lesben, oder wer dafür gehalten wird, meidet oder fürchtet. Als hätten wir Queers im Puff nicht mehr Angst vor der Gewalt der Heten als sie vor unserem Begehren. Dass ich nicht einmal versuche, als trans Mann in diesem Umfeld vorzukommen, ist Selbstschutz.
Ein Outing hab ich noch nie in Erwägung gezogen. All diese Vorkommnisse und Gedanken in einer einzigen Schicht, während man gleichzeitig versucht, sieben, acht, neun Typen wegzuficken. Uff.
Fragen, auf die ich keine Antworten kenne, stelle ich mir auch außerhalb des Puffs, wenn einige der wenigen geouteten Sexarbeitsaktivistinnen neoliberalen Scheiß erzählen oder für problematische Performances bekannt sind. Soll ich sie konfrontieren und damit meine Verbindung zu Ressourcen und Community aufs Spiel setzen? Soll ich sie outcallen und damit den Vanillas einen Vorwand geben, wie gewohnt auf Sexarbeiter*innen rumzuhacken? Der Job ist ein Rabbithole, voller Widersprüche, von innen wie von außen.
Anja sagt, ich sei so viel weiter als sie, obwohl sie 18 Jahre älter ist als ich. Doch stimmt das? Jeanne sagt: „In unserer queeren und linken Szene gibt es eine solche Leistungsideologie, dass wir uns ständig weiterentwickeln, immer an uns arbeiten müssen.“ Vielleicht liegt das daran. Es ist schwer, mich selbst als jemand zu sehen, der einfach gut so ist, wie er ist. Ich denke, vielleicht ist es Anja, die so viel weiter ist. Sie wohnt in einer random Kleinstadt, führt ein geordnetes Leben, doch ist in der Lage, sich voll und ganz auf meine Puffgeschichten einzulassen, in all ihrer Komplexität. Es ist schön, wenn man sich für eine Person, die meine eigene Mutter sein könnte, nicht schmälern muss, nicht vereinfachen, nicht reduzieren, um verstanden zu werden. Sie fragt mich, ob meine Mutter weiß, was ich mache, ich sage: Nein. Sie fragt, warum? Ich sage, aus Scham und weil ich sie vor mir beschützen will. So ist das Leben ohne Komfortzone.

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