„Señor Bolsonaro, fuck you. Ich bin Pussy Riot!“

Bei Pussy Riots Tour durch Lateinamerika verbinden sich unterschiedliche feministische Kämpfe.

01.05.19 > Aktivismus, Musik

Von Julia Wasenmüller

Vermummt und in dunkelblauen Adiletten erscheint Pussy-Riot-Mitglied Nadya Tolokónnikova zur Pressekonferenz in Buenos Aires. Sie sitzt auf einem grell beleuchteten Podium und nippt lässig an einem Fernet Branca, pur und aus der Flasche, nicht wie sonst in Argentinien üblich mit Cola auf Eis. „Punk und Feminismus kommen dann zusammen, wenn man wenige Leute hat, aber viel Wut. Dann geht es darum, laut zu sein. Wir haben in Moskau zu dritt angefangen und sich Feministin zu nennen war damals noch echt out.“ Tolokónnikova erzählt davon, wie Pussy Riot 2011 entstand und wie sie bereits ein Jahr später im Knast landeten.

©Wikimedia Commons/Igor Mukhin/CC BY-SA 3.0

„Hier in Argentinien funktioniert es vielleicht auch ohne Punk, eure feministischen Mobilisierungen sind größer als alles, was ich bisher gesehen habe.“ Es ist die erste Lateinamerika-Tour des russischen Performancekollektivs und an der Pressekonferenz in Buenos Aires nehmen Vertreter*innen aller großen Medien teil. Im Publikum: hauptsächlich junge Frauen und Queers, die Tolokónnikovas punkige Attitüde abfeiern, sich anfangs aber vor allem über das Setting des Niceto Club und den übertriebenen Eintrittspreis von umgerechnet 17 Euro aufregen. Viel Geld in Zeiten der sogenannten Macrisis, der Fusion aus dem Wort „Krise“ mit dem Namen des argentinischen Präsidenten Mauricio Macri. Über der Bar blinken Logos von Red Bull und argentinischen Banken, die Drinks sind unbezahlbar. Ob Tolokónnikova sich das so vorgestellt hat? Die feministische Crowd von Buenos Aires ist trotzdem gekommen, um sich einen Eindruck von der politischen Situation in Russland zu verschaffen.

„Wir kommen aus der antifaschistischen Undergroundszene Moskaus. Masken zu tragen gehört zu unserem Selbstverständnis. Denn es geht um die Ideen hinter den Aktionen, nicht um die Einzelpersonen und ihre Gesichter.“ Tolokónnikova hat mittlerweile ihre Vermummung abgelegt. Als sie 2012 bei der Performance des sogenannten Punk Prayers in Moskau festgenommen wurde, verlor sie im darauffolgenden Gerichtsprozess ihre Anonymität. Ungewollt wurde sie so in den Medien zu einem der Gesichter von Pussy Riot. Jetzt nutzt sie diese Öffentlichkeit, um über die Situation in russischen Straflagern zu sprechen, über die vielen Stunden Zwangsarbeit, über die psychologischen Effekte des Prozesses, die Einschüchterungsversuche.
„Das Schwierigste ist, nie langfristige Pläne machen zu können. Ich lebe mit der Gewissheit, jederzeit wieder im Knast zu landen oder zumindest im Krankenhaus. Und die einzige Lösung ist, sich zu organisieren und kollektiv mit dieser Angst umzugehen.“ Noch immer fährt sie regelmäßig über 4000 Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau zum Straflager in Krasnojarsk, um ihre ehemaligen Mitinhaftierten zu unterstützen – und wird dabei manchmal an der Bahnstation von Sicherheitskräften mit Tränengas empfangen. Die sibirischen Straflager, Putin und der Kreml scheinen an diesem spätsommerlichen Sonntag in Buenos Aires zunächst ganz schön weit weg. Dennoch gelingt es, im Laufe des Abends die feministischen Kämpfe und unterschiedlichen Kontexte zu verbinden.

©Wikimedia Commons/Prensa Obrera; Ojo Obrero Fotografía; Bernardo Cornejo Malz/CC-BY-4.0

Nach der Pressekonferenz stürmen argentinische Aktivist*innen auf die Bühne. „Am 28. Mai werden wir den Gesetzesvorschlag zur Legalisierung von Abtreibungen erneut im Kongress einbringen. Und diesmal haben die konservativen alten Männer keine Chance mehr gegen die Massen in den Straßen!“ Das Publikum bricht in spontane Demosprechgesänge aus und die grünen Halstücher, die sogenannten pañuelos, werden in die Höhe gewirbelt. Das grüne Stofftuch ist das Symbol der Kampagne zur Legalisierung von Abtreibungen und seit den Mobilisierungen des letzten Jahres überall präsent, ums Handgelenk oder an den Rucksack gebunden, bei Demos, an den Schulen und Unis und eben auch beim Pussy-Riot-Konzert.
Dann betreten fünf vermummte Frauen die dunkle Bühne. Sie tragen orange Warnwesten und hören über zwei Stunden nicht mehr auf, die Menge in rasend schneller Abfolge mit Musik, Infos, Bildern und Lichteffekten zu beschallen. Darunter sind zum einen die alten selbstgedrehten Videoclips von Crewmitgliedern, die Guerillakonzerte auf Moskauer Trams geben. Aber auch viel bislang unveröffentlichtes Material. Musikalisch ist Pussy Riot mittlerweile mehr HipHop und Trap als Punk. Die Visuals sind professionell produziert, aber bleiben bei der gewohnten Ästhetik: brennende Autos und Polizisten mit Schlagstöcken, die auf Kinder in gestrickten Sturmhauben losgehen.

Für einen eingesprochenen Text wird es still, keine Specialeffekte, niemand auf der Bühne, nur die Übersetzung ins Englische läuft in weißer Schrift über die dunkle Leinwand: „Emanzipatorische Künstler*innen wandern in Russland in den Knast. Unsere Konzerte sind verboten, aber wir sind immer noch da. Mehr und mehr Menschen wollen Veränderung. Putins gang, fuck them!“
Eine Aktivistin in pinker Sturmhaube schafft die Verbindung zum lateinamerikanischen Kontext: „Señor Macri, Señor Bolsonaro, hört jetzt gut zu: Ich stehe hier für alle Frauen, die ihr ermordet habt. Sie sind präsenter als je zuvor. Ich bin Marielle Franco und die 30.000 Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur.“ Teilweise flüstert sie, teilweise schreit sie ins Mikrofon. Das Publikum jubelt bei jeder Line. „Señor Macri, Señor Bolsonaro: Fuck you. Ich bin Pussy Riot!“
Die russischen Pussy Riots tauchen mit einem schwarzen Banner auf: „Ni una Menos und keine mehr im Gefängnis!“ Hunderte Smartphones schnellen nach oben, um das Schlussbild festzuhalten, und Nadya Tolokónnikova verabschiedet sich: „Ich bin sicher, dass das Gesetz zur Legalisierung von Abtreibungen diesmal durchkommt!“ Ihre Vermummung: ein grünes pañuelo.
Draußen gibt es endlich billiges Dosenbier auf der Bordsteinkante. Punk in der Macrisis.

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