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Ein Akt der Revolution

In der neoliberalen, globalisierten Arbeitsgesellschaft stellt der Schlaf eine Anomalie dar.

09.05.19 >

Von Vina Yun

Was haben Hundewelpen, die Sperlingsvögel der Dachsammer und Obstfliegen gemeinsam? Sie alle wurden für wissenschaftliche Experimente eingesetzt, um die Auswirkungen eines dauerhaften Schlafentzugs zu erforschen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts untersuchte Marie de Manacéine, die als eine der ersten Frauen in Russland ein Medizinstudium absolvierte, die Hirnaktivität während des Schlafs und verfasste 1892 die erste „Schlafbibel“. Sie war es auch, die 1894 erstmals die tödlichen Folgen von Schlafmangel wissenschaftlich – und auf grausame Weise – dokumentierte, indem sie Hundebabys vom Schlafen abhielt. Nach fast sechs Tagen erzwungenen Wachseins verendete das letzte der vier Versuchstiere.

Ob ein Tier ohne Schlaf überleben kann, war auch die Frage, die sich kürzlich Forscher am Imperial College London stellten. Sie präsentierten im Februar 2019 neue Versuchsergebnisse mit der Obstfliege Drosophila melanogaster, die als „erfolgreichstes“

Labortier der Welt zu den bestuntersuchten Organismen überhaupt gehört: Demnach hatte ein ständiger Schlafentzug kaum Auswirkungen auf die Lebenserwartung der Fliegen, die bei rund vierzig Tagen liegt. Die Wissenschaftler schlussfolgerten: Schlaf dürfte nicht zwingend und universell lebensnotwendig sein, wie gemeinhin angenommen. Auch die Dachsammer kann auf ihren Wanderflügen ohne Schlaf auskommen – bis zu sieben Tage lang. Eine Fähigkeit, für die sich auch das US-amerikanische Verteidigungsministerium interessierte. Mit Regierungsgeldern gefördert, erforschten Wissenschaftler*innen die schlaflosen Perioden bei den Tieren, um daraus auf Menschen übertragbare Erkenntnisse zu gewinnen. Das Zukunftsbild: der schlafresistente Soldat. Schon in den Kriegen des 20. Jahrhunderts kamen Amphetamine zum Einsatz, um Soldaten wachzuhalten (wie etwa die berüchtigte „Panzerschokolade“, wie die Pervitin-Pillen der Wehrmacht genannt wurden) – doch nunmehr geht es weniger um das Wachbleiben als um die Reduktion des Bedürfnisses nach Schlaf an sich.

Bekanntermaßen schlagen sich militärische Innovationen auch in unserem zivilen Alltag nieder. In seinem Buch „24/7 – Schlaflos im Spätkapitalismus“, das 2014 auf Deutsch erschienen ist, denkt Jonathan Crary den schlaflosen Soldaten als Vorläufer der*des schlaflosen Arbeiter*in oder Verbraucher*in: „Der Schlaf in seiner tiefen Nutzlosigkeit und Passivität, mit den von ihm verursachten, unkalkulierbaren Verlusten in der Zeit der Produktion, Zirkulation und Konsumtion, wird mit den Ansprüchen einer 24/7-Welt stets kollidieren.“ Rund um die Uhr arbeiten und konsumieren – diesem neoliberalen kapitalistischen Traum steht bislang einzig der Schlaf entgegen.

„Schlaf ist was für Weicheier“, soll die einstige konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher gesagt haben, die angeblich nur vier Stunden täglich schlief. Zwischen der rigiden (Anti-)Schlafmoral und dem Abbau sozialer Sicherungssysteme, wie ihn Thatcher in den 1980er- Jahren gezielt vorantrieb, mag durchaus ein Zusammenhang bestehen. Erst kürzlich machte der österreichische ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz Stimmung gegen Arbeitslose und Sozialhilfebezieher*innen, als er meinte: „Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen.“ Wer lange schläft, gilt als faul, charakterschwach, undiszipliniert – wenig schlafen, viel leisten, lautet das Ideal. Fast zehn Jahre lang bemühte sich Sachsen-Anhalt, sein Image mit dem Slogan „Wir stehen früher auf“ aufzupolieren. Im „Land der Frühaufsteher“, so wollte die bundesweite Kampagne potenzielle Investoren locken, seien die Menschen besonders tüchtig und aufgeweckt. Dass die Menschen früh rausmüssen, weil sie gezwungen sind, zur Arbeit zu pendeln, blieb dabei Nebensache.

Dass „Nichttätigkeit“ – und damit auch Schlafsuspekt erscheint, ist freilich nicht neu. „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“, äußerte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001 gegenüber der „Bild“-Zeitung und trat damit eine heiße Medien- debatte über „faule Arbeitslose“ los. Im selben Jahr analysierten Wissenschaftler*innen vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung öffentliche „Faulheitsdebatten“ in Deutschland seit 1975 und stellten dabei eine Reihe von Gemeinsamkeiten fest: Derartige Diskussionen würden u. a. vor allem dann initiiert, wenn Wahlen bevorstehen oder eine Rezession droht. In den meisten Fällen waren die Debatten zudem mit verschärften Sanktionen gegen Arbeitsuchende verbunden – schon in den 1970ern wurde etwa der „Leistungsmissbrauch“ im Arbeitsförderungsgesetz beklagt.

Mehr denn je wird Schlaf heute als zentrale Ressource für (Arbeits-)Leistung wahrgenommen (nicht umsonst heißt das Nickerchen zwischendurch „Power Nap“). Länger schlafen ist legitim, wenn es der Erholung von der Arbeit dient – andernfalls gilt es als Leistungsverweigerung. Doch Schlaf, so Jonathan Crary, bedeute „die Idee eines menschlichen Bedürfnisses und Zeitintervalls, das sich nicht von einer gewaltigen Profitmaschinerie vereinnahmen oder einspannen lässt, das eine sperrige Anomalie bleibt, ein Krisenherd in der globalen Gegenwart“. In einer entgrenzten Nonstop-Gesellschaft, in der Märkte und Informationssysteme niemals stillstehen, gerät der Schlaf in Bedrängnis, ist beeinträchtigt. „Nichts ist mehr richtig ,aus‘“, schreibt Crary. So wie der „Sleep Modus“ bei technischen Geräten lediglich einen energiesparenden Bereitschaftsmodus darstelle, sei Schlaf ein verminderter, verzögerter Zustand der Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit. „Bioderegulierung“ nennt die feministische Theoretikerin Teresa Brennan den Umstand, dass mit den gegenwärtigen, von Profitstreben getriebenen Beschleunigungsdynamiken eine drastisch verkürzte Zeit für individuelle Regeneration und Reproduktion einhergeht. Tatsächlich hat sich die Schlafdauer in unserer Gesellschaft reduziert: Wir schlafen heute weniger als noch vor einem Jahrzehnt, wie Statistiken belegen. Zugleich ist „gesunder Schlaf“ heutzutage ebenso essenziell wie „gesundes Essen“ und „Fitness“ und Teil eines „bewussten, gesunden Lebensstils“. Und er ist käuflich geworden – mittels Tabletten, Tees, Matratzen, Schlafbrillen, Ratgeber, Therapien und Schlafkursen.

Heba Khamis fotografierte für die Bildserie
„Black Birds“

Schon im 19. Jahrhundert erkannten Fabrikmanager, dass es profitabler ist, Arbeiter*innen Ruhezeiten zu gewähren: Ausgeschlafen brachten diese längerfristig bessere Leistung. Wie gesellschaftliche Veränderungen unser Schlafdenken und unsere Schlafpraxis im Lauf der Geschichte geformt haben, zeigt Hannah Ahlheim in ihrem faszinierenden Buch „Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert“ auf, das sie letztes Jahr veröffentlichte. „Eine Geschichte des Schlafs (…) ist stets auch eine Geschichte der Arbeit und der Alltagskultur, eine Geschichte sozialer Konflikte, ökonomischer Abhängigkeiten und neuer Techniken, eine Geschichte der Wissenschaft, des Glaubens und populärer Debatten um die ‚Werte‘ einer Gesellschaft“, so die Historikerin.

War der vorindustrielle Schlaf im Westeuropa des 17. und 18. Jahrhunderts noch zwei- bzw. mehrphasisch – die Menschen schliefen nicht die Nacht durch, sondern waren zwischendurch wach und nutzten die Schlafpause für Essen, soziale Kontakte, Sex u. Ä. –, wurde der monophasische Schlaf von acht Stunden, der heute als „Normal-“ oder „Standardschlaf“ gilt, erst im Zuge der Industrialisierung und durch die fortschreitende Elektrifizierung etabliert. Mit der Erfindung der Glühbirne durch Thomas Edison 1879 wurde die Grenze zwischen Tag und Nacht aufgehoben. Nunmehr gab es mehr Zeit für Arbeit, und durch günstiges Licht wurde die Nacht- und Schichtarbeit auch auf breiter Ebene möglich (dass vor allem Schichtarbeit Schlafprobleme mit sich bringt, ist bis heute prävalent). Passenderweise hielt Edison selbst wenig vom Schlafen: „Schlaf ist eine kriminelle Zeitverschwendung und ein Überbleibsel aus unserer Zeit als Höhlenmenschen“, so ein überlieferter Ausspruch. Auch Henry Ford, der 1913 die Fließbandarbeit als neues Produktionsprinzip – dauerhaft, schneller – für die Automobilindustrie einführte, hielt Schlaf für überflüssig. Da mag es schon ironisch anmuten, dass eine der ältesten Einrichtungen zur Behandlung von Schlafstörungen in den USA, das Henry Ford Sleep Disorders Center, seinen Namen trägt.

Zirka ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Schlaf. Die Frage, warum wir überhaupt schlafen, wie Schlaf entsteht und wodurch er gelenkt wird, bleibt auch nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Forschung ungeklärt. Tatsache ist hingegen, dass unsere Art zu schlafen nicht natürlich, sondern vielmehr kulturell geprägt ist. „Geschlafen wird nicht, um sich vorübergehend aus dem Arbeitsprozess auszuklinken, sondern um ihn besser zu bestehen“, zitiert Ahlheim aus dem Begleitband zur Ausstellung „Schlaf und Traum“ im Deutschen Hygiene-Museum von 2007 und fasst damit den Status quo in Sachen gegenwärtiger Schlafmentalität zusammen. Mit der Verknüpfung von Arbeit, Leistung und Schlaf erodieren aber auch die Grenzen zwischen privatem und gesellschaftlichem Leben. Denn aller Flexibilisierung, Mehr- und Schichtarbeit zum Trotz sind Müdigkeit und Erschöpfungs- zustände in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen. Rekreation und Schlaf finden im Privaten statt – wo allerdings im Bett erneut „Schlafdisziplin“ gefragt ist, um wieder „fit“ zu werden für Arbeit und soziales Leben.

Doch Schlaf ist nicht einfach die Kehrseite der Betriebsamkeit, nicht bloß ein scheinbar unproduktiver, bewusstseinsloser Zustand. Im Schlaf verfügen wir über unsere ganz eigene Zeit: „Schlafen kann in der Gesellschaft des Spätkapitalismus gar als ,revolutionärer Akt‘ verstanden werden, der der dauernden Forderung nach Aktivität, Effizienz und Rationalität im Wege steht“, schreibt Hannah Ahlheim. Indem wir im Schlaf aus dem Alltag heraustreten, eröffnen sich „neue, ganz persönliche und für andere unzugängliche Räume des Fühlens, des Phantasierens, des Erinnerns“.

Ähnlich formuliert es der britische Autor Tom Hodgkinson in seiner „Anleitung zum Müßiggang“ (2004): „Das Land der Träume ist der Ur-Cyberspace, unsere eigene angeborene geistige virtuelle Realität. Unsere Träume bringen uns in andere Welten, alternative Wirklichkeiten, die uns helfen, unser tägliches Leben zu verstehen.“ Seinen Träumen zu folgen, bedeutet im übertragenen Sinn, Visionen eines idealen Lebens, einer besseren Welt zu entwickeln. Einer Welt, in der nicht Lohnarbeit und Leistungsdenken den Ton angeben und die außerhalb der kommerziellen Welt liegt. „Dreaming is free“, singt Debbie Harry alias Blondie in ihrem Song „Dreaming“ von 1979. Wenn das kein Grund zum Liegenbleiben ist.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/19.


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