Schwestern von gestern

Züchtig bedeckende Prairie Dresses sind back – und werfen dabei so einige Fragen auf.

10.05.19 > Mode & Beauty

Von Diana Weis

Bei der letzten New York Fashion Week im Februar ließ die Designerin Batsheva Hay ihre Promi-Models – darunter die Schauspielerin und #MeToo-Mitinitiatorin Rose McGowan – Songzeilen aus dem legendären Hole-Album „Live Through This“ aus dem Jahr 1994 ins Mikro deklarieren, die sich auf zynische und wütende Art mit der Objektifizierung des weiblichen Körpers auseinandersetzten. „I am doll parts. Bad skin. Doll heart.“

Das musikalische Konzept zur Show stammte von Ex-Hole-Bassistin Melissa Auf der Maur, und auch Courtney Love selbst saß im Publikum. Sie blickte wohlwollend auf ihre Epigoninnen, die sich alle Mühe gaben, die bodenlangen Rüschen-und-Blümchen-Kleider, mit denen sie ausstaffiert waren, durch widerspenstiges Gebaren zu konterkarieren.
Es war ein schlauer Schachzug von Hay, den subversiven Gehalt ihrer Entwürfe in den Vordergrund zu spielen. Nur zwei Wochen zuvor hatte die Historikerin Peggy O’Donnell auf der feministischen Online-Plattform „Jezebel“ einen überaus kritischen Artikel veröffentlicht, der das modische Comeback von Prairie Dresses – Markenzeichen von Hay – als vestimentären Ausdruck der zutiefst rassistischen, kolonialistischen und bigotten US-

amerikanischen Siedlerkultur des 19. Jahrhunderts analysierte.

Dabei bezog sie sich hauptsächlich auf die Schriftstellerin Laura Ingalls Wilder, deren auto- biografische Bücher den Alltag einer Siedlerfamilie im amerikanischen Westen der 1880er-Jahre schildern und fest zum (weißen) Gründungsmythos der USA zählen. Auch in Europa war die TV-Serie „Unsere kleine Farm“, die auf Wilders Memoiren basiert, während ihrer Ausstrahlung in den 1980er-Jahren überaus populär. Bereits damals löste die Saga um den aufrechten Puritaner-Clan mit Marken wie Holly Hobbie, Sarah Kay oder Laura Ashley eine nostalgische Kitschwelle aus, die in Streublümchen und Rüschen schwelgte und zudem einen willkommenen Gegenpol zur gerade aufkommenden Power-Dressing-Silhouette bildete. In ihrem Artikel argumentiert O’Donnell, dass Wilders Mutter sich in den Büchern mehrfach offen rassistisch gegenüber Native Americans äußere. O’Donnell resümiert: Da die Siedlerinnen Rassistinnen waren, sind notwendigerweise auch ihre Kleider als rassistisch abzulehnen.

George Kraychyk; Hulu/2018 MGM Television Entertainment Inc. and Relentless Productions, LLC. THE HANDMAID’S TALE is a trademark of Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

Mit ihrem spektakulären Aufzug bei der New York Fashion Week machte Hay jedoch eine ganz andere Rechnung auf: In den 1990er-Jahren hatten Bands wie Hole oder Babes in Toyland einen Stil geprägt, der als „Kinderwhore“ bezeichnet wird. Dabei trugen die Musikerinnen mit Vorliebe romantische, viktorianisch umrüschte Vintagekleider, die sie mit Punk-Versatzstücken wie zerrissenen Netzstrümpfen oder Sexarbeiterinnen-Klischees wie verschmiertem Lippenstift kombinierten Die Kulturtheoretikerin Nadine Hartmann interpretiert den Look als emanzipatorische Praxis im Sinne des Postfeminismus: „Dort gilt es als Geste der Befreiung, sich als typisch weiblich geltende Symbole anzueignen und damit spielerisch umzugehen. Im Sinne von Parodie oder Pastiche werden hier verschiedene historische (oder fiktiv-historische) Frauenkostümierungen zitiert.“

Hatte O’Donnell Hays Beweggründe also lediglich falsch verstanden oder stellte im Gegenteil das Riot-Grrrl-Cosplay ihrer Show nur den nachträglichen Versuch einer Ehrenrettung dar? Auch bei näherer Betrachtung bleibt das Bild unscharf. Zumindest die zeitliche Nähe des Erscheinens von O’Donnells Artikel zur New Yorker Fashion Week legt nahe, dass es sich bei der Laufsteginszenierung nicht um eine kalkulierte Reaktion handelte. Fest steht aber auch, dass die Designerin, die mit einem orthodoxen Juden verheiratet ist, sich in früheren Interviews noch nicht auf Courtney Loves Kinderwhore-Look als Hauptinspirationsquelle ihrer Ästhetik berufen hatte. Dafür schwärmte sie vom Bekleidungsstil chassidischer Frauen in New York. Somit müssen ihre Entwürfe in einem weiteren Zusammenhang gelesen werden, der in der Riot-Grrrl-Bewegung noch keinen Platz hatte: dem seit einigen Jahren anhaltenden Trend zu Modest Fashion.

Auch hier tun sich wiederum eine ganze Reihe teils widersprüchlicher Zuschreibungen auf: Der abendländische Diskurs um körperverhüllende Bekleidung wird zumeist über (und explizit nicht mit) Muslimas geführt, die der aufgebrachten Volksseele als lebendige Mahnmale unwestlicher, patriarchaler Unterdrückung der Frau herhalten müssen. Feminist*innen jeglicher Konfession (oder auch ohne) argumentieren dagegen, es sei ein Ausdruck von Selbstbestimmung und Ermächtigung, den weiblichen Körper qua Kleidung einer sexualisierten Gewalt zu entziehen, die bereits beim männlichen Blick beginnen kann. Der französische Stylist Christopher Niquet bezeichnete Prairie Dresses in einem Interview mit dem „New Yorker“ folgerichtig als „Don’t fuck me dresses“, was man auch so interpretieren könnte, dass sich die sexuelle Autonomie der Frau auf die Verweigerungsgeste zu beschränken habe.

Vielleicht ist Modest Fashion auch nur die zwangsläufig folgende Gegenreaktion auf die visuelle Übermacht der Kurvenästhetik der Kardashians. Die Autorin Naomi Fry bezeichnete Modest Fashion in einem Artikel für die „New York Times“ als „humblebragging“: eine elitäre Form der sozialen Selbstpositionierung, die damit hausieren gehe, es nicht nötig zu haben, konventionellen Schönheitsnormen Folge zu leisten.

Nun gibt es viele verschiedene Arten, sich keusch zu kleiden. Gemeinsam ist ihnen lediglich, dass die Kleidung locker sitzen soll und Brust sowie Oberarme und Beine bis mindestens knapp unters Knie bedecken sollte. Das von zwei orthodox-jüdischen New Yorkerinnen betriebene Label Mimu Maxi hat sich bspw. auf minimalistische Oversize-Teile spezialisiert, die auch von „säkularen Fashionistas“ gerne getragen werden, wie die Gender- und Religionswissenschaftlerin Márcia Elisa Moser in einem Text für „10 nach 8“ auf „Zeit Online“ schreibt. Ausgerechnet auf die bereits mit historischer Bedeutung aufgeladene Form der Prairie Dresses zurückzugreifen, ruft gerade im Kontext von Feminismus und Religion einige problematische Assoziationen auf. So werden diese Kleider in den USA auch bei den Amischen, Mennoniten und Quakern getragen – allesamt streng christliche, patriarchal organisierte Glaubensgemeinschaften, denen allein die Vorstellung weiblicher Selbstentfaltung jenseits von Mutterschaft, Küche und Kirche als familienzersetzendes Teufelswerk gilt.

Im medialen Figurenkatalog werden Prairie Dresses jedoch am stärksten mit den Sister Wifes identifiziert, den Ehefrauen polygamer Mormonen. Im Frühjahr 2008 räumte eine schwer bewaffnete Spezialeinheit der texanischen Polizei das abgeschottete Gelände einer solchen Community, nachdem Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Kindern eingegangen waren.Der Prophet der Gruppe, ein Mann namens Warren Jeffs, war mit 78 Frauen verheiratet und saß zu diesem Zeitpunkt schon wegen Vergewaltigung zweier Minderjähriger in Untersuchungshaft. Der sowieso schon recht hohe Gruselfaktor der Geschichte fand seinen perfekten visuellen Ausdruck im Aussehen der Frauen, deren Bilder in der Folge um die Welt gingen: Sie trugen alle das gleiche Kleid.

Den Missing Link zwischen Polygamistinnen-Style und Popkultur stellte schließlich die Serie „Big Love“ dar, die zwischen 2006 und 2011 vom Sender HBO ausgestrahlt wurde. Darin spielte Stilikone Chloë Sevigny eine Sister Wife und sah dabei genauso aus wie ihre texanischen Real-Life-Vorbilder – nur schicker. Sicher ist: Prairie Dresses werden in diesem Sommer auch auf den Kleiderstangen der Fast-Fashion-Dealer*innen in unserer Nähe hängen. Aber macht es uns zu Rebellinnen, zu Chauvinistinnen oder sogar zu Rassistinnen, wenn wir diese dann auch kaufen und anziehen? Können Kleider überhaupt an und für sich gut oder böse sein, oder kommt es darauf an, wer drinsteckt? Es gibt unterschiedliche Arten, die Welt zu sortieren, und Mode ist eine davon. Wenn man annimmt, dass Kleider nicht nur eine austauschbare Hülle für den Körper sind, sondern auf das Gefühl ihrer Träger*innen zurückwirken, auf ihr In-der-Welt-Sein, dann ist klar, dass Trends weder zufällig entstehen noch in einer Sphäre existieren, die von Politik, Kultur und Gesellschaft getrennt werden kann.

Peggy O’Donnell hatte Recht damit, dass Kleider eine Geschichte erzählen, die über den eigenen, individualisierten Bedeutungsrahmen hinausgeht. Dass Ästhetiken fest mit historischen Bedeutungen verknüpft sind, die auch dann mitschwingen, wenn das nicht beabsichtigt ist. Die Grundform der Prairie Dresses stammt aus einer Zeit, als ein Kleid zu tragen eigentlich eine Strafe war. Weil es bedeutete, nicht mitreden zu dürfen. Es ist kein Zufall, dass auch die Protagonistinnen der in einer dystopischen Zukunft spielenden Serie „The Handmaid’s Tale“ eine gewisse Familienähnlichkeit zu den Sister Wifes ebenso wie zu den Frauenfiguren aus „Unsere kleine Farm“ aufweisen: Schutenhauben werden zu Scheuklappen und die scharlachroten Prairie Dresses markieren die Körper ihrer Träge- rinnen als machtlos und ohne Einwilligung sexuell verfügbar.

Aber was soll man tun, wenn man Prairie Dresses, z. B. von Batsheva Hay, einfach schön findet? Reicht es schon aus, die Kleider – wie Hay es empfiehlt – mit Combat-Boots zu kombinieren, um den Akt des Tragens als ironische Umdeutung im Sinne der Riot Grrrls sichtbar zu machen? Nadine Hartmann weist in ihrem Essay über den Kinderwhore-Look darauf hin, dass diese Praxis auch zu Missverständnissen führen könne. So sei etwa die gesellschaftspolitische Kritik der Bewegung außerhalb des Underground-Kontextes kaum rezipiert worden, stattdessen reduzierte die Mainstream-Presse die Künstlerinnen auf ihre sexy und provokativen Outfits.

Ein gewisses Restrisiko bleibt eben immer. Und Mode wäre nicht Mode, würde ihr nicht eine transformierende Kraft innewohnen. Deshalb irrt O’Donnell, wenn sie annimmt, dass die Geschichte der Prairie Dresses mit der Besiedlung des US-amerikanischen Westens beginnt und endet. Wie es scheint, wird gerade ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nur: Wenn praktisch jeder einzelne Artikel in der Mainstream- Modepresse von der „Femininität“ dieser Kleider schwärmt, lohnt es sich zumindest mal nachzufragen, was das eigentlich genau sein soll.

Dieser Text erschien zuerst in 02/19.

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