Ein Netz aus Andeutungen

Unsere Kolumnistin schreibt über die antisemitische BDS-Kampagne gegen den diesjährigen ESC.

Von Stella Hindemith

Vor ungefähr 15 Jahren saß ich mit einer Bekannten zusammen, wir unterhielten uns über Antisemitismus. Sie verzog das Gesicht und äffte mit übertrieben lauter Stimme jemanden nach, den sie vor Kurzem getroffen hatte: „Deine Kette, ist das ein Davidstern? … Also bist du… Bist du also ähm? … Und was hältst du so von israelischer Politik?“ So war das vor 15 Jahren.

Die BDS-Kampagne produziert einen Nebel aus Symbolik, in dem alles unscharf wird. © Tine Fetz

Die Auseinandersetzung hat sich seitdem verändert. Inzwischen haben viele Leute verstanden, dass jüdisch sein nicht unbedingt bedeutet, israelisch zu sein. Nicht geändert hat sich die Frage nach israelischer Politik. Solche Fragen sind in Wirklichkeit keine Fragen, sie sind Angriffe, Tests für Zugehörigkeit, mit denen die Fragenden gute und schlechte Juden_Jüdinnen unterscheiden: Entweder, du bekennst dich dazu, „israelkritisch“ zu sein, oder du gehörst eben nicht dazu – dann bist du kein guter Jude.

Die ersten direkten Begegnungen mit Anhänger*innen von BDS hatte ich an der Uni während eines Tutoriums, in dem es um Lobbyismus in den USA ging. Sie knüpften ein Netz aus Andeutungen über Imperialismus, Krieg und Kapitalismus, das von den USA nach Israel die ganze Welt umspannte, sie sprachen mit jener Anspannung in der Stimme, die den von Antisemit*innen bei solchen Gelegenheiten stets behaupteten Tabubruch begleitet. Die unerschütterliche Gewissheit, auf der Seite der Wahrheit und Moral zu stehen, ließ sie wie Figuren aus einem Theaterstück der Aufklärung erscheinen, gleichzeitig wirkten sie mit ihrer gestelzten, ideologisch vereinfachenden Sprache wie alte Teenager, die zwar wissen, was sie als gerecht empfinden, aber sich noch nicht um die Komplexität politischer Prozesse bemühen. Ich kannte diese Art zu sprechen von diversen Demos, linken Veranstaltungen, Plenar in Wer-weiß-welchen-Gruppen, auch aus Zeitungen. Niemand sagte etwas, diese Menschen schienen ja so viel zu wissen, konnten sie doch in wenigen Sätzen die ganze Welt erklären. Man müsse „komplexe“ Narrative über Identität und Zugehörigkeit im Nahen Osten zulassen und  als Teil des Widerstands unterdrückte, palästinensische Narrative  sicht- und hörbar machen.

Widerstand gegen wen oder was? Glaubten meine Kommiliton*innen wirklich, dass es irgendeine finstere Macht in der Welt gab, die dafür sorgte, jene als komplex bezeichneten Narrative zu unterdrücken? Selbst Nachfragen waren verpönt, widersprach man direkt, war man gegen die Palästinenser*innen, sogar gegen die Menschenrechte allgemein oder für die Apartheid in Südafrika. Bis heute geht mir bei jedem „Free Palestine“ als Erstes durch den Kopf, was zur Hölle eigentlich damit gemeint ist. Bedeutet die Forderung von BDS nach der Beendigung der „Besatzung allen arabischen Landes“ den Stopp der Siedlungen im Westjordanland oder die Eliminierung des jüdischen Staates? Dieses Sprechen in Andeutungen, Metaphern, Ungenauigkeiten – israelbezogener Antisemitismus funktioniert oft wie das Lesen von Gedichten: Nur ein Teil der Botschaft wird ausgesprochen, der Rezipient*in bleibt überlassen, die Lücken zu füllen und Andeutungen zu interpretieren.

„Wir werden den Feind davon abhalten, das ESC-Festival zu veranstalten, dessen Zweck es ist, das palästinensische Narrativ zu unterminieren“, ließ der Islamische Djihad im Mai nach massiven Raketenbeschüssen von Gaza auf Israel verlauten. Da waren sie wieder, die Narrative, diesmal bloß in recht eindeutigem Zusammenhang. Die BDS-Bewegung, die zum Boykott des ESC aufgerufen hatte und diese Idee mit einem Logo bewarb, in dem sie den Davidstern der israelischen Flagge durch SS-Runen ersetzte, äußerte sich nicht öffentlich zum Raketenbeschuss. Dabei war deren Argumentation nicht unähnlich: „Artwashing“ beschreibt die von BDS-Anhänger*innen gepflegte und propagierte Fantasie, Israel wolle mit kulturellen Events von seiner „Besatzungspolitik“ ablenken. Und wie die zu bewerten ist, kann ja aus dem Logo geschlossen werden – wieder ist es die Rezipient*in, die interpretiert. Die Gleichsetzung Israels mit dem nationalsozialistischen Deutschland im BDS-Logo wurde von so manchen bemerkt, auch Medienberichterstattung gab es hierzu. Nur BDS äußerte sich nicht. Und hielt am Logo fest.

Es sind diese Uneindeutigkeiten, die den Erfolg von BDS ausmachen, denn so kann die Bewegung Menschen mit den unterschiedlichsten Positionen zum Nahostkonflikt ansprechen und so manche, die mit liberalen Positionen zur Bewegung dazukommen, antisemitisch sozialisieren. Die politische Auseinandersetzung mit BDS ist immer wieder schwierig, weil sie sich eben immer wieder einer genauen Beschreibung entzieht. Genau dies aber ist das Markenzeichen von Antisemitismus, der in der Regel eben dort besonders wirkmächtig ist, wo er mit Andeutungen spielt. Der berühmte Satz von Adorno, dass Antisemitismus das Gerücht über die Juden ist, benutzt nicht zufällig dieses Wort: Es ist ein Gerücht, eine Andeutung, sobald man es anspricht, will es niemand gewesen, gewusst, gesagt haben, es löst sich in Luft auf und kommt wieder, von hinten schleicht es sich an einen heran, immer von dort, wo man es nicht kommen sieht.

Vor Kurzem hat sich der Bundestag zu BDS geäußert: Die Fraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und weite Teile der Grünen verurteilen BDS als antisemitisch,  beschlossen, BDS nicht zu unterstützen und riefen Länder, Städte und öffentliche Akteur*innen dazu auf, sich ihrer Haltung anzuschließen. Der Beschluss ist schlecht für BDS und deshalb gut. Jürgen Trittin erklärte in der „taz“, viele Abgeordnete der Grünen Fraktion, die für den Antrag gewesen seien, hätten „nicht für den Inhalt des Antrags argumentiert (…). Ich glaube, dass die Zustimmung bei vielen von dem Motiv geleitet war, sich nicht selber dem unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen. Ich finde aber, wir sollten die Debatte austragen.“

Ja, unbedingt: Lasst uns die Debatte austragen. Aber dann hört auch endlich auf mit euren Andeutungen und sagt einfach, was Sache ist. Z. B. wer die Mächte sind, die sogar die Abgeordneten des Deutschen Bundestags so einschüchtern, dass sie deren Entscheidungen manipulieren.

 

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