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Echt künstlich

Die Komponistin Holly Herndon entwirft mit ihrem neuen Album „Proto“ Ideen für ein demokratisches Internet.

07.06.19 > Musik

Von Sonja Eismann

Woher kommt deine Faszination für die menschliche Stimme, die auf „Proto“ noch deutlicher als bisher zutage tritt?
Ich bin im US-amerikanischen Süden aufgewachsen, wo ich in der Kirche gesungen habe. Das war meine erste und zugleich eine nachhaltig prägende Erfahrung mit gemeinschaftlicher Musikproduktion. Die Faszination kommt sicherlich auch daher, dass ich irgendwann angefangen habe, mich für Technologie und Computermusik zu interessieren, gleichzeitig aber sicherstellen wollte, dass die gesamten Kompositions- und Performanceprozesse auch im und durch den Körper stattfinden. Dafür ist die Stimme das perfekte Werkzeug.

Für „Proto“ hast du nicht nur mit einem Stimmensemble gearbeitet, sondern auch mit einer künstlichen Intelligenz namens Spawn, die du selbst trainiert hast. Wie menschlich kann eine Computerstimme sein?
Für mich sind Mensch und Maschine keine Gegensätze, sondern eher Geschwister oder Teile eines Spektrums. Die Stimme ist ein gutes Beispiel, um die Fluidität der menschlichen Existenz in einem höchst mediatisierten, digitalen Umfeld zu illustrieren: Sie kommt aus

dem Inneren des Körpers heraus und verflüchtigt sich in seinem Außen dann in die Luft.

Warum ist Spawn eine „Sie“?
Das wurde ich schon oft gefragt! Manche Leute vermuteten ein feministisches Statement dahinter, andere fragten, ob es eine Gegenreaktion auf die Abwertung der meist mit weiblichen Stimmen ausgestatteten Digitalassistenten sei. Aber ehrlich gesagt ist die Antwort etwas banaler: Meine Stimme war die erste, mit der ich Spawn trainiert habe, sodass sie zunächst wie ich klang. Daher fühlte es sich wie eine andere Version von mir selbst an. Akkurater wäre es aber , wenn ihr Pronomen they wäre, denn sie ist nun eine Kombination aus vielen verschiedenen Stimmen.

War es dir wichtig, Einteilungen in „weibliche“ und „männliche“ Stimmen zu hinterfragen?
Es war keine bewusste Entscheidung, aber das ist wohl so sehr Teil meines Lebens, dass es automatisch passiert ist. Unser Ensemble hat bspw. ein trans Mitglied oder eine männlich identifizierte Person…

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