Das kleine Monster, das mich auffrisst

Unsere Kolumnistin will sich mit Unterwäsche vor sexueller Belästigung schützen – doch der BH ist der Feind!

11.06.19 > Sibel Schick
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Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Sie ist freie Autorin (taz), Social-Media-Managerin, arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation und ist Mitgründerin einer proaktiven, antisexistischen Online-Plattform. Sie provoziert gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter schreibt sie unter @sibelschick.

Von Sibel Schick

Sobald die Temperaturen steigen und die Sonne öfter und länger scheint, bekomme ich gute Laune. Die Sonne tut gut – nicht den tätowierten Stellen meiner Haut, aber dem Rest meines Körpers schon. Das Sonnenlicht stillt mein Heimweh ein wenig, wärmt meine gefühlt eingefrorenen Knochen auf. Wenn das lustig klingt, kann ich das nachvollziehen, ich fand es nämlich auch lustig, als meine Oma das einst zu mir gesagt hat. Sie hat damals in Wickrath in einem Hotel geputzt. Als Schülerin flog ich in den Schulferien manchmal nach Deutschland und ab und zu holte ich sie von der Arbeit ab. Einmal war es Winter und sie hatte einen schweren Wollmantel an. Als wir zusammen nach Hause liefen, schien plötzlich die Sonne, und sie sagte: „Sie soll auf meinen Rücken scheinen, meine Knochen sind so eiskalt.“ Was ich damals lustig fand, verstehe ich heute ganz gut. In Antalya habe ich die Sonne und Wärme nie wertgeschätzt, mich immer über den Herbst und Winter gefreut. Jetzt aber: Frühliiiiing … Das Eis schmeckt besonders gut, Klamotten sehen schöner aus, sind leichter und bequemer. Fahrrad fahren macht endlich Spaß und ist kein Elend mehr. Ich mache Salate, Limonaden, trage Kleider, freue mich. Nur eines gefällt mir im Frühling nicht: die Erinnerung.

Zuerst ganz süß, aber irgendwann zeigt er sein wahres Gesicht ©Tine Fetz

Im Winter trage ich in der Regel keinen BH, es sei denn, ich mache Sport oder habe etwas an, das sich nicht ohne BH tragen lässt. Ich habe nicht sonderlich große Brüste und ohne BH finde ich es tatsächlich bequemer. Im Winter fällt das nicht auf, unter den dicken Pullis trage ich eh ein Tanktop und dann eine Jacke drüber, zack. Wenn die Kleidungsschichten aber immer weniger werden, kommt auch die BHlosigkeit zur Geltung. Das vergesse ich jeden Winter und in den ersten paar Wochen im Frühling kommt die Orientierungsphase. Ohne BH rumzulaufen heißt nämlich mehr sexuelle Belästigung von cis Männern auf der Straße.

Sie schauen dich an, sie schauen direkt deine Brüste an, als seien diese Personen. Manche cis Männer sind so eklig übergriffig, dass sie extra nicht aus dem Weg gehen, damit du sie beim Vorbeigehen am besten berühren musst. Sie sprechen dich an: „Hey Baby, schöne Frau, wie geht’s?“ Dieser Style. Du steigst aus der Bahn, da sind Männer, die dir auf die Brüste glotzen. Du gehst die Treppe hoch, auch dort sind Männer, die dich ansprechen. Du stehst an der Ampel, Autos hupen und rufen etwas Unverständliches heraus. Männer sind sowieso überall und sowieso übergriffig. Aber ohne BH im Frühling werden sie noch unerträglicher.

Letztes Jahr hatte ich einen Meltdown, bin spontan in ein Unterwäschegeschäft gelaufen und habe mir haufenweise BHs gekauft. Ich habe mir bewusst besonders schöne ausgesucht, damit es keine reine Qual ist, jeden verdammten Tag einen BH tragen zu müssen.

Irgendwann besuche ich meine Freund*innen in Köln, nach der Arbeit fahre ich mit meinem Koffer los. Ich soll irgendwo in Berlin meine Mitfahrgelegenheit treffen, habe ein Kleid an, Koffer dabei, alles tipptopp. Ich fahre los, hole mir einen Döner auf dem Weg, esse schnell auf einer Bank auf und laufe zum Treffpunkt. Ich habe einen der neuen BHs an, es ist ein Bustier mit Bügeln, blau und rosa mit Spitze und alles Mögliche an Schnickschnack. Das scheiß Ding ist ultra unbequem.

Ich treffe meinen netten Fahranbieter. Wir sind zu dritt, ich setze mich gleich hinten hin, damit ich mich nicht unterhalten muss, und schlafe gleich ein. Irgendwann werde ich mit Schmerzen in meinen Rippen geweckt: Alter, denke ich, was ist hier los? Es war der BH! Er versuchte mich langsam umzubringen, indem er meinen Oberkörper zerquetschte.

Ein unbequemer jedoch schöner BH ist wie ein Feind, der sich als dein Freund gibt. Du vertraust ihm, fühlst dich wohl bei ihm, er ist süß und schön und, Gott ist er sexy. Aber er agiert ständig gegen dich, gönnt dir nichts, reibt Salz auf deine Wunden, tut dir bewusst weh, manipuliert dich. Dennoch kannst du nicht ohne ihn. Ich glaube, das kennen hauptsächlich Frauen, die Männer daten, weil uns gelehrt wird, dass Gewalt eigentlich Liebe sei, und Männer von Natur aus Arschlöscher seien – das sind sie, aber nicht von Natur aus, sondern weil sie sich so entscheiden – und später als Erwachsene müssen wir uns selber beibringen, dass da, wo es Gewalt gibt, kein Platz mehr für Liebe übrig ist, um uns aus dieser Gewaltspirale herauszuretten. Mit einem Bügel-BH ist es ähnlich: Er ist wunderschön und am Anfang macht es Spaß mit ihm. Früher oder später aber hört der Spaß auf. Die Bügel machen deinen Tag unerträglich.

Viele fragen mich: Warum trägst du denn nicht BHs ohne Bügel, welche die nur aus Gummi und Baumwolle sind? Die Antwort ist einfach: weil sie potthässlich sind. Ich meine, ich trag ja keinen wegen der Funktionalität, sondern nur um mich vor sexueller Belästigung zu schützen. Wenn ich etwas unfreiwillig mache, dann möchte ich auch ein wenig Freude daran haben. Was für eine Freude kann mir ein Stück Baumwollstoff, gespannt mit Gummi, geben? Aber Spitze und Schleifen, gespannt mit Gummi? Jetzt verstehen wir uns.

Das Auto fährt Vollgas nach Köln, ich sitze hinten mit einem lebendigen BH an meinen Rippen, der mich umarmt und langsam aufisst wie ein kleines Monster. Ich sitze still und schaue aus dem Fenster und werde langsam und still aggressiv. Am nächsten Tag entdecke ich blaue Flecken auf meinem Oberkörper und klopfe den BH in die Tonne.


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