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Das Märchen vom Trauma

Jens Spahn investiert fünf Millionen Euro in eine Studie zum „Post-Abortion-Syndrome“- das es gar nicht gibt.

15.07.19 > Körper

Von Mithu Sanyal

Eines der größten Probleme mit Jens Spahns Studie – und das will etwas heißen, denn es gibt damit so viele Probleme, dass die Entscheidung schwerfällt – ist, dass man, um darüber zu schreiben, ihren Forschungsgegenstand benennen muss. Und wenn man die Worte „Abtreibung“ und „Trauma“ oft genug in einem Atemzug erwähnt, bleibt „Abtreibungstrauma“ übrig. Oder auf Englisch: Post-Abortion-Syndrome. Ein psychologisches Krankheitsbild, das es so schlicht nicht gibt, wenn man der Weltgesundheitsorganisation glaubt.

Doch das tut unser Gesundheitsminister nicht und investiert mehr Geld als für jeden anderen Forschungsauftrag seines Ministeriums in der letzten Dekade, um doch noch Folgen von Abtreibungen zu finden. Das bedeutet: negative Folgen. Sonst könnte er ja einfach die hochgelobte Langzeitstudie von M. Antonia Biggs, Ushma D. Upadhyay und Charles E. McCulloch lesen, die belegt, dass nicht nur 95 Prozent aller Menschen, die eine Schwangerschaft beenden, fünf Jahre später noch sicher sind, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sondern auch, dass die Verweigerung einer Abtreibung deutlich negativere psychische Folgen hat.

© Julia Kluge

Geld zum Fenster rausgeworfen? Keineswegs! Denn wenn Spahns Studie 2023 abgeschlossen sein wird, sind ihre Ergebnisse beinahe egal. Bis dahin haben wir alle das Wort Post-Abortion-Syndrome gelernt. Und das reicht aus, um damit Politik zu machen. So sind Ärzt*innen in South Dakota etwa gesetzlich dazu verpflichtet, ungewollt Schwangere zu informieren, dass ein Abbruch die Wahrscheinlichkeit erhöht, Depressionen zu bekommen und Suizid zu begehen. Nun haben wir zum Glück noch keine US-amerikanischen Verhältnisse, aber Jens Spahns Reproduktionspolitik ist ein beunruhigender Schritt in eine solche Richtung.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich diesen Artikel schreiben will: objektiv, subjektiv? Ich, du, er, sie, es? Und bin zum Entschluss gekommen, dass es höchste Zeit für eine neue „Ich habe abgetrieben“- Kampagne ist. Nur in diesem Fall: „Ich habe abgetrieben und mir ging es damit wie folgt …“, um zu zeigen, dass es eine Bandbreite an Reaktionen auf einen Schwangerschaftsabbruch gibt und nicht nur ein dräuendes Syndrom, das eine*n früher oder später doch noch erwischt, auch wenn man sich sicher war, zu wissen, was man wollte. Allein diese Unterstellung ist dermaßen paternalistisch, dass ich sofort den Impuls hatte zu schreiben: Abtreibungen sind überhaupt kein Problem, Schnauze! Aber das ist ja Unsinn.

Natürlich kann eine freiwillige Abtreibung traumatisch sein und darüber müssen wir reden. Bloß liegt das in den seltensten Fällen an der Entscheidung, eine Schwangerschaft zu terminieren, sondern an den Umständen der Abtreibung. Denn eine Abtreibung ist kein Ereignis an und für sich, das von allen Schwangeren gleich empfunden wird, sondern – und das ist das gesicherte Ergebnis aller Studien – Stigmatisierung, Druck und vor allem Kriminalisierung haben massive Einflüsse auf die psychischen Langzeitfolgen. Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland noch immer ein Verbrechen und werden im Strafrecht geregelt. Und weil das so ist, reden wir nicht darüber, und weil wir nicht darüber reden, können wir diesen Eingriff nicht produktiv verarbeiten. Nicht weil er so traumatisierend ist, sondern weil wir ihn nicht als Teil unseres Lebens begreifen dürfen.

Mein Lieblingstext zu Abbrüchen stammt von der Autorin Jacinta Nandi aus diesem M…

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