Konversion ist ein schwieriges Pflaster

Tricky.

16.07.19 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Zu Anfang meines Texts möchte ich ein paar Dinge klarstellen:
1. Dieser Text stellt Konversion nicht allgemein infrage, aber er stellt durchaus ein paar Fragen zur Konversion.
2. Mit nicht-jüdischen Menschen oder Konvertit*innen meine ich NICHT Menschen, die zwar nach der Halacha vermeintlich nicht jüdisch sind, aber jüdisch aufgewachsen sind und/oder ein oder mehrere jüdische Eltern- oder Großelternteile haben, mit einer jüdischen Familiengeschichte, denn diese Menschen sind für mich keine Konvertit*innen, sondern Jüd*innen – egal ob halachisch anerkannt oder nicht. Egal ob aus diesem Grund die Konversion durchlaufen wurde oder nicht. Mit Konvertit*innen meine ich nicht-jüdische Deutsche, meine ich wc-Deutsche ohne jüdische Familiengeschichte.
3. Mir ist klar, dass ich mich mit dem Text in schwieriges Gewässer begebe.
4. Die Analogien zu Räumen und Communitys von Schwarzen Menschen und Personen of Color werden nicht gemacht, um Rassismuserfahrungen zu relativieren. Die Analogien sind wichtig, um gegen die Relativierungen von Antisemitismuserfahrungen zu wirken.
5. Auch wenn ich mich mit dem Begriff „Faschismushintergrund“ ganz klar auf eine Periode in deutscher und europäischer Geschichte beziehe, ist Antisemitismus ein sehr viel älteres und globaleres Problem, welches wegen seiner langen Geschichte, wegen seines historischen und gegenwertigen Wirkens anhaltend Einfluss auf die Entwicklung von Weltgeschehen hat und damit in großen Teilen intergenerational internalisiert und nicht bewusst ist.

©Tine Fetz

Nun der eigentliche Text:
Konversion zum Judentum ist entgegen dem Halbwissen vieler wc-Deutscher möglich. Und gerade in Berlin gibt es sogar EINIGE Konvertit*innen. Ich höre von vielen, die nach einer Konversion in die jüdischen Gemeinden kommen, wie schwer es für sie dort ist. Dabei teilt sich mein Verständnis für diese Beschwerde in zwei Lager: Bei jenen, die eigentlich keine Konvertit*innen, sondern Jüd*innen sind, die aber die Konversion antreten müssen, weil die Halacha sie nicht als jüdisch anerkennt, oder bei jenen, die zur Konversion gezwungen sind, weil beim Versuch, im Nationalsozialismus zu überleben, jegliche Beweise für das Jüdischsein der Familie vernichtet werden musste, blutet mir das Herz. Für mich ohne Frage Jüd*innen werden sie in vielen Gemeinden zu DEN Konvertit*innen, zu „Neu-Juden“, und werden oft behandelt wie Kuckuckskinder im jüdischen Nest. Dabei wissen wir alle: Jüdischsein funktioniert nicht wie ein On- und Off-Schalter. Die jüdische Erziehung, der jüdische Einfluss, das jüdische Wissen in unseren Familien prallt nicht einfach an uns ab, nur weil sie vonseiten des einen und nicht des anderen Elternteils kommen. Oder es keine Belege mehr für unsere jüdischen Erfahrungen gibt. Die Frage, wer eigentlich jüdisch ist, ist knifflig und gerade in Deutschland ein zweischneidiges Schwert. Wollten es die Deutschen in der Vergangenheit doch immer ganz genau wissen. Und auch heute noch wiegt das deutsche Urteil, wer richtig jüdisch ist und wer nicht, schwer. Ich habe Glück, wenn ich sage: „Ich bin Jüdin“ und darauf die prüfende Frage (vor allem von wc-Deutschen) kommt, ob meine Mutter jüdisch sei, kann ich mit „ja“ antworten und erhalte das wc-deutsche Prüfsiegel als „echte“ Jüdin. Wie gesagt, wc-Deutsche waren schon immer gut darin zu entscheiden, wer wie jüdisch ist. Das Erbe des Faschismushintergrunds! 
So viel zu jenen „Konvertit*innen“ die eigentlich keine sind, sondern Jüd*innen, die den Prozess der Konversion mitmachen müssen, weil sie im konservativen Sinne angeblich nicht jüdisch (genug) sind. Das sind jene, von denen ich eigentlich niemals als Konvertit*innen sprechen würde. Eher von (tragischerweise) nicht anerkannten Jüd*innen. Die Gemeinden sehen das leider manchmal anders.

Wenn ICH von Konvertit*innen spreche, meine ich jene ohne jüdische Familiengeschichte. Ich meine wc-Deutsche, die sich dem Prozess der Konversion unterziehen, um sich dann jüdisch nennen zu dürfen. Und da fangen meine Zweifel an: So wie Jüdischsein nicht über einen On- und Off-Schalter beim einen oder anderen Elternteil funktioniert, funktioniert es auch nicht wie ein System-Update bei der Konversion. Mit der Konversion folgt kein Erleben eines jüdischen Aufwachsens mit Alltagsantisemitismus, der gegen eine*n gerichtet ist. Keine Neuinstallation von langer komplizierter (jüdischer!) Familiengeschichte. Die Erfahrung des privilegierten Aufwachsens als Teil einer christlichen Dominanzkultur löscht sich nicht einfach, wird nicht überschrieben im Prozess der Konversion. Ein Beispiel: Wir sind uns bei Fällen wie bei Rachel Dolezal einig, dass sein Äußeres zu verändern, sich einen anderen Namen zu geben und sich (in ihrem Fall auch noch schlecht) mit Geschichte auseinanderzusetzen, die nicht unsere ist, nicht dafür sorgt, dass eine weiße Person plötzlich Schwarz ist oder sein kann. Egal wie sehr Rachel Dolezal versucht, es nicht zu sein, wir sind uns einig, dass sie weiß ist und bleibt. Darüber hinaus wissen wir, dass sie sich deswegen Dinge aneignet und aneignen kann, WEIL sie weiß ist, und das im Grunde die Fortführung kolonialer, weißer Gewalt ist.

Warum glauben wir aber, dass es vollkommen legitim ist, wenn wc-deutsche Menschen zum Judentum konvertieren? Sie bleiben in ihren Erfahrungen, ihrem Habitus, ihren Selbstverständlichkeiten wc-deutsch – inklusive den Vorteilen von Dominanzkultur und internalisiertem Antisemitismus. Jüd*innen wird vorgeworfen, sich (deutschen) Konvertit*innen gegenüber unfair zu verhalten. Aber, warum sollten wir/Jüd*innen Menschen, die strukturell betrachtet Gewinner*innen von Antisemitismus sind, ohne Vorbehalt in unseren Communitys begrüßen? Communitys waren schon von jeher das, was Safer Spaces am nächsten kommt. Sie sind Orte des Regenerierens und des Heilens und nun mal oft geschlossene Gesellschaften gegenüber jenen, die den Rest der Gesellschaft für uns (oft) schwer zugänglich machen. Wir führen zumindest in bestimmten Kontexten diese Debatten, wenn es um Rassismus geht, um die Wichtigkeit von EXKLUSIVEN Räume von und für PoCs und Schwarze Menschen und das ist wichtig. Gleichzeitig kommen wir jedoch nicht auf die Idee, den Akt der Konversion von wc-Deutschen zu kritisieren, die sich damit sehr selbstverständlich Zutritt zu unseren/jüdischen Räumen und Communitys verschaffen (wollen). Und das, obwohl wir eh schon kaum Communitys jenseits von Gemeinde haben.

Warum morphe ich mich freiwillig in eine marginalisierte Gruppe rein? WEIL ICH ES KANN!
Egal wie reflektiert, wc-Deutsche haben einen Faschismushintergrund, der so internalisiert ist, dass eine Konversion den nicht einfach ausradiert. Jüdische Struggles sind real und zum Judentum zu konvertieren hilft nicht dabei, den Schmerz, die Gewalt und die Diskriminierung sichtbar zu machen, es relativiert sie. Damit sage ich nicht, dass nicht jede Person, die zum Judentum konvertiert, individuell bestimmt gute Gründe hat, aber strukturell bleibt es ein Problem. Vor allem dann, wenn wir sehen, wer oft gehört wird, wer sich in die Öffentlichkeit stellt und eine breite Zuhörer*innenschaft innerhalb der Dominanzgesellschaft findet: oft Konvertit*innen, weil von wc-Deutschen keine Transferleistung nötig ist. Weil die Sprache, das Sprechen, der Blick der gleiche wc-deutsche bleibt, nur das Etikett hat sich geändert. Wurst in Käseverpackung und plötzlich soll es vegetarisch sein.
Ich werde wütend, wenn wc-deutsche Konvertit*innen Plattformen gründen, um die Gemeinden zu kritisieren oder zu vertreten. Mit welchem Recht? In etwa dem gleichen, mit dem Rachel Dolezal auch Präsidentin der NAACP war …
Genauso wie mich wc-Deutsche (Konvertit*innen und Nicht-Konvertit*innen) rasend machen, die glauben, sie wüssten, wie sich Antisemitismus anfühlt, weil sie schon vor der Konversion einen jüdischen Namen hatten. Es reicht nicht mal mehr eine Hand um zu zählen, wie oft ich diesen Unsinn (von Konvertit*innen) gehört habe. Meine Mutter hieß Situtunga und hat trotzdem keinen Rassismus am eigenen Leib erfahren … So schwer ist Strukturverständnis ja nun wirklich nicht!

Und auch nach der Konversion machen Konvertit*innen völlig andere Erfahrungen im Alltag als Jüd*innen, die jüdisch aufgewachsen sind/jüdische Familiengeschichte haben: Sprache, Sprechen, Habitus, Selbstverständlichkeiten, Performance. Alles wc-deutsch geprägt, mit der Möglichkeit, dass sich wc-Deutsche darin wiederfinden können. Eine jüdische Erscheinung, die die Differenz so klein hält, wie es nicht mal „hervorragend assimilierten“ (sic!) Jüd*innen möglich ist, weil es eigentlich keine Differenz gibt – nur ein neues Label und einen neuen Namen vielleicht. Da wundert es auch nicht, das einige von ihnen so erfolgreich sind, können wc-Deutsche doch weiterhin nur sich selbst betrachten, statt sich dem „anderen“ zu widmen.

Konversion war schon immer ein schwieriges Pflaster … Es gibt die Möglichkeit zu konvertieren, also wird sie auch genutzt. Das leuchtet mir schon ein. Für mich ist Konversion jedoch eigentlich die Möglichkeit für Jüd*innen, die nach den konservativen halachischen Gesetzen angeblich keine sind, und für Jüd*innen, die durch Verfolgung gezwungen waren, nicht (mehr) jüdisch zu sein, wieder einen offiziellen Status in den jüdischen Gemeinden zu erlangen. Eine Krücke gegen die Engstirnigkeit der Halacha. Konversion ist aber keine Einladung zur kulturellen Aneignung, keine Eintrittskarte für wc-Deutsche in marginalisierte Communitys. Konversion ist nicht für jede wc-deutsche Gisela, die sich halt so hingezogen fühlt zum Judentum. Das ist die Schwester von der wc-deutschen Gisela, die sich von Afrika so angezogen fühlt. Historisch anders gewachsen, aber genauso problematisch. Konversion ist nicht für euch. Marginalisierte Communitys sind keine Selbstbedienungsläden. Und das ist nicht unfair. Es ist wichtig. Um heilen, uns empowern, uns schützen und stärken zu können. Es mag für jede*n Konvertit*in gute Gründe zur Konversion geben und der Text dient nicht dazu, diese individuell infrage zu stellen, jedoch strukturell schon. Mit allem Nachdruck. Und dem Appell an wc-Deutsche: Nehmt euch nicht immer alles, worauf ihr Lust habt, nur weil ihr es könnt! Ihr könnt euren Judentumfetisch auch ausleben, ohne dass ihr in unsere Communitys eindringt. Und für die vielen von euch, für die der Hinweis zu spät kommt: Fragt euch, ob ihr die lautesten Stimmen der Repräsentanz oder Kritik sein solltet.


Beitragsnavigation