Tipps für privilegierte cis Frauen

Babybücher sind oft unzeitgemäß, findet unsere Kolumnistin. Ein Gespräch mit ihrer Kollegin Jule Bönkost.

23.07.19 > Josephine Apraku
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Josephine Apraku ist neues Elternteil. Zusammen mit Jule Bönkost leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Josephine Apraku:
Ich bin so froh, dass wir uns endlich mal in Ruhe unterhalten können, die Babys sind versorgt und wir mit der Bahn nach Hamburg unterwegs für einen Workshop. Ich find’s immer noch abgefahren, dass wir unsere Babymenschen mit drei Monaten Abstand in diesem Jahr geboren haben – als hätten wir es geplant! Ich hatte so oft das Bedürfnis, mit dir zu sprechen, vor allem über Babybücher, die ich aus diskriminierungskritischer Perspektive echt unsäglich finde.

©Tine Fetz

Jule Bönkost:
Das stimmt. Ich habe einige Bücher geschenkt bekommen, schon während der Schwangerschaft, und blättere grundsätzlich gerne in Babybüchern rum. Sie greifen ja meine neue Lebenssituation auf. Ich bin für viele der Informationen dankbar, finde das Lesen aber auch anstrengend. Irgendwann, das mag erst auf Seite 100 sein oder zum Ende des Buches, kommen häufig die „Papatipps“. Dann offenbart sich ganz unvermittelt, dass sich all das zuvor Geschriebene ausschließlich an Mütter, und zwar cis-Mütter, nur an mich und nicht an meinen Partner richtet. Während es im Abschnitt davor um Überlebensgrundlagen wie Pflege, Schlaf und Beikost geht, gibt es anschließend z. B. als „Hinweise für den Papa“ verpackt Empfehlungen an den gewordenen Vater wie „Unterstützen Sie Ihre Frau, indem Sie ihr im Haushalt helfen und Besorgungen übernehmen“ oder „Nehmen Sie sich nach der Arbeit Zeit, um eine gute Bindung zum Kind aufzubauen“. Dabei sind die Bücher keine expliziten „Mama-Handbücher“ mit dem Zusatz „für Mütter“ im Titel – als Pendant zum „Papa-Handbuch“. Das kommt schon mal als „Betriebsanleitung“ daher, damit auch Vätern die ihnen offenbar so fremden Aufgaben rund um Babys gelingen. Beim Lesen schlägt mir so mit voller Wucht die Zuweisung von Sorgearbeit entgegen. Nicht wenige Bücher, die ich eigentlich so weit spannend und interessant fand, haben so plötzlich ihren Reiz verloren.

Josephine Apraku:
Ich weiß manchmal gar nicht, was mich mehr nervt: Die Tatsache, dass sich alles an biologische cis-Mütter richtet oder dass eigentlich immer nur heterosexuelle Paare als Eltern gedacht werden. Dabei gibt es so viele unterschiedliche Familienkonstellationen!
Was mir auch auffällt, gerade in Büchern, die alternativ sein wollen, ist, dass sie oft ziemlich rassistische Afrika-Vergleiche anbringen. In diesen Büchern wird der afrikanische Kontinent als der vermeintlich ursprüngliche und natürliche, weil unterentwickelte Ort dargestellt, an dem alles noch so gemacht wird, wie es schon immer gemacht wurde, wie es gemacht werden sollte: Es wird ausschließlich gestillt, mit den Babys ein Schlafplatz geteilt und Babys werden getragen – immer. Was dabei gar nicht reflektiert wird, weil es uns so normal vorkommt, ist das Modernitätsnarrativ, das dieser verkürzten Vorstellung zugrunde liegt. Ich finde das, wie du es ja auch beschreibst, superschade. Teilweise sind die Überthemen einiger Bücher nämlich gut und wichtig!

JB:
Aus diskriminierungskritischer Perspektive ist es ja wenig erstaunlich, dass sich diskriminierungsrelevante Zuweisungen und Ausschlüsse auch in Babybüchern finden lassen. Warum sollten dominante Vorstellungen von Mutterschaft, die sexistische Verhältnisse maßgeblich mitbestimmen, hier auch nicht auftauchen? Letztendlich wiederholt sich in den Büchern, was wir z. B. in der Babykleiderabteilung mit dem Body mit der Aufschrift „Du schaffst das, Papa!“ vorfinden. Die Bücher lassen uns wissen, was in der Fernsehwerbung u. a. mit dem überforderten Vater, der bei der alltäglichen Kinderbetreuung von seiner Frau über einen Smart Speaker Erinnerungen erhält, kommuniziert wird: Kindererziehung und -pflege ist Frauensache. Wenig hilfreich finde ich auch Tipps, die davon ausgehen, dass Eltern über finanzielle Freiheit verfügen. Neulich las ich einen Ratschlag, um sich „das Leben mit Baby leichter zu machen“: Falls es keine Unterstützung durch andere vor Ort gebe, solle doch dahin umgezogen werden, wo es Unterstützung gebe. Dass hierfür mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens ein Elternteil seinen Arbeitsplatz aufgeben muss und damit neue Probleme entstehen können, scheint der Autorin nicht bedeutungsvoll.

JA:
Das ist so richtig Marie-Antoinette-mäßig, frei nach dem Motto: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ Als Untertitel könnte auf einem großen Teil solcher Babybücher stehen „wohlfeile Tipps für privilegierte cis-Frauen, die weiß sind, die viel Kohle und noch mehr Zeit haben“. Ich habe z. B. ein Buch, das sich mit Zero Waste und Babys beschäftigt. Viele der Tipps sind gar nicht schlecht, aber die grundsätzliche Logik ist: „Mach doch einfach alles selber.“ Dabei ist das in vielen Lebenssituationen nicht realistisch – sogar völlig realitätsfern. Ich bin zwischenzeitlich schon hart am Kämpfen und ich habe nur ein Kind, genügend Einkommen, einen Partner, der ohne Diskussion Teile des Haushalts macht, und ich habe Zeit.

JB:
Und dabei gibt es so viel Wissen, das diskriminierungskritische Babybücher füllen kann! Wir sollten einen Sammelband zu diesem Thema planen!

Dr. phil. Jule Bönkost ist Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin. Gemeinsam mit Josephine Apraku gründete sie das IDB | Institut für diskriminierungsfreie Bildung in Berlin. Sie ist Herausgeberin des Sammelbandes Unteilbar – Bündnisse gegen Rassismus (Unrast, 2019). Außerdem Mitinitiatorin und seit 2016 Leitung des Bildungsprojektes »Hier und jetzt! Kolonialismus und Kolonialrassismus im Schulunterricht« beim Antirassistisch-Interkulturellen Informationszentrum ARiC Berlin e. V.


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