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Lila High Heels

Prince erfand neue Register für die Performance von Männlichkeit und Begehren.

06.08.19 > Musik

Von Arno Raffeiner

Mein Emanzipationserlebnis hatte ich mit 13. Es war Sommer, S. hatte sich die Kassette von „Lovesexy“ besorgt, wir hörten zusammen auf dem Walkman mit geteilten Kopfhörern. Wie verboten dieses zarte Männlein auf dem Kassettencover aussah, hüllenlos auf riesigen Blumenkelchen thronend! Wie unglaublich es klang, wenn diese Stimme einfach nur „yeah, yeah, yeah, yeeeeeah“ machte! Ich hab es heute noch im Ohr. Dieses Männlein war Prince, und es hatte die Macht, mit einem Foto und vier Yeahs alles umzuwerfen, was ich mir bis dahin über Geschlechterrollen ausgemalt hatte. „I’m not a woman / I’m not a man / I am something that you’ll never understand“, sang es.

©Virginia Turbett

Am 21. April 2016 starb Prince an einer Überdosis Fentanyl. Danach wurde der Tresorraum in seinen Paisley Park Studios mit unzähligen unveröffentlichten Aufnahmen zum Ansturm freigegeben. Es wird noch viele Prince-Alben geben, von denen er selbst kein Einziges so veröffentlicht hätte. Jetzt erscheint „Originals“, eine Sammlung mit 15 Songs, die von anderen weltberühmt gemacht wurden: „Nothing Compares 2 U“ von Sinéad O’Connor, „Manic Monday“ von The Bangles, „The Glamorous Life“ von Sheila E. In seinen ursprünglichen Versionen, teilweise rohe Demos, verkörpert Prince die Originale mit den 1001 Facetten seiner Stimme. Er haucht, jault, kiekst, faucht.

Die meisten der Songs entstanden in der Inkubationsphase von „Purple Rain“, dem Album und Film, mit dem Prince zum Superstar wurde. Die Spitzenhandschuhe und den lila Mantel mit „Rude Boy“-Button trug er da noch, die Strapse aus der „Dirty Mind“-Phase hatte er schon abgestreift, er war noch nicht so entblättert wie später bei „Lovesexy“. Warum Prince von uns ging, kann niemand genau beantworten. Existenzialistisch gesehen ist die Frage sinnlos. Aber es gibt die Theorie, dass er starb, weil er sein Leben auf High Heels verbrachte, aus dem Stand in den Spagat und wieder zurücksprang. Jahrzehnte dieses Extremsports auf der Bühne bedingten eine Hüftoperation, die chronischen Schmerzen bekämpfte er mit jenen Opioiden, die mittlerweile große Teile der US-Bevölkerung zu Junkies gemacht haben. Wenn ich jetzt höre, wie diese verbotene Stimme stöhnt: „Come on, honey, let’s go make some noise!“, dann heule ich wieder mit.

Prince „Originals“ Warner

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/19.

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