Ja heißt Nein

Was passiert, wenn auch in aufgeklärten BDSM-Beziehungen ein Nein einfach übergangen wird?

19.08.19 > Sex & Beziehung

Von Leona Stahlmann
Illustration: ZorZor

Und dann ist es trotz allem auch mir passiert: die eine Szene, in der nichts mehr passte. Und in der sich alles, was ich vorher in seinem Gelingen selbstverständlich gefunden hatte, gegeneinander verschob: der Schmerz. Die Ohnmacht. Und das kapitale NEIN in meinem Kopf, das ganz plötzlich kein Spiel mehr war, sondern bitterer Ernst. Bis zu dem Mann, mit dem es schiefging, war sexueller Konsens für mich ein so alter Hut, dass er nicht mal mehr unter Vintage gelabelt und überteuert in einem Kreuzberger Secondhandladen angepriesen hätte werden können: KonsensSchnonsens.

©ZorZor

Ich bewege mich seit 15 Jahren in der BDSM-Szene. Während meine Freund*innen ihre Sexualität nur in Fragen der Verhütung verbalisieren mussten und ansonsten froh waren, dass der ganze komplizierte, wunderbare Rest, der nach dem Aufreißen der Kondompackung über eine*n hereinbrach, einigermaßen lief, führte ich mit Sexualpartnern schon lange Gespräche über die Detailgestaltungen meiner und ihrer Wünsche. Ich hatte es von vorn bis hinten durchdekliniert, das Konsensalphabet: von B wie Betteln um Gnade über C wie Consensual Nonconsent bis S wie Safewort. Ich war die ungekrönte Königin der Kink-Kommunikation, die Endgegnerin auf Level 100 im Showdown um selbstbestimmte Sexualität. Für #MeToo hatte ich nur ein überlegenes Lächeln übrig. Das kannte ich alles schon. In den Städten ploppten Workshops auf zu Sex und Konsens. Einen davon besuchte ich und fühlte mich wie eine Uniabsolventin in einer Grundschulklasse.

Was wenig später mit einem Mann passierte, mit dem ich schon einige Jahre geschlafen hatte, hat keinen Namen, und jedes noch so konsensdiskursgeschärfte Bezeichnungsbesteck blieb stumpf. Vielleicht war es am ehesten eine Selbstvergewaltigung, in jedem Fall: ein Erweckungsmoment. Der Mann überging mein Nein. Im Rahmen unserer konsensuellen Aushandlungen miteinander wäre auch das in Ordnung gewesen: Wir praktizierten das, was man in der Szene „Consensual Nonconsent“ nennt. Und theoretisch wusste ich in diesem Moment, dass ich ihn trotzdem hätte stoppen können, notfalls mit einem Tritt zwischen die Beine. Aber ich tat es nicht. Weil ich mit vielem gerechnet hatte. Aber nicht mit meiner Selbstüberschätzung: Ich konnte mir einfach nicht eingestehen, dass ich mich verkalkuliert hatte: dass ich etwas, das ich mir doch selbst ausgesucht hatte, plötzlich nicht mehr wollte. Ich schwieg. Und biss die Zähne zusammen für eine endlose weitere halbe Stunde.

Meine Geschichte habe ich in vielen Variationen von anderen gehört, auch außerhalb meiner sexuellen Subkultur: dass Dinge ertragen und „durchgezogen“ werden, weil wir uns, in all unserem gefühlten Kommunikationsprofitum und immer in engem Kontakt mit unserer erotischen Bedürfnislage, keine Irrtümer mehr gönnen. Weil wir immer noch nicht verinnerlicht haben, dass wir jederzeit (!) Nein sagen und unsere Zustimmung zurückziehen dürfen.

Dass wir heute offen über Sexualität sprechen, Bedürfnisse klären und Konsens individuell aushandeln können, macht uns zu freieren Menschen. Es verwandelt uns aber nicht in unfehlbare Bedürfnisprophet*innen unserer selbst. Dass wir manchmal selbst nicht so genau wissen, was wir wollen, ist Teil einer lebendigen, menschlichen Sexualität, keine unreife Launenhaftigkeit. Und das Eingeständnis dessen ganz sicher keine Schwäche. Wenn feministische Sexualität etwas für mich bedeutet, dann das: dass wir uns irren dürfen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/19.

 

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