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Der untere Teil des Eisbergs

Was haben Klima, Care und Degrowth miteinander zu tun?

02.09.19 > Aktivismus

Von Andrea Vetter

Wir sitzen gemeinsam in einem großen Zelt, etwa zwanzig Frauen, die meisten weiß, viele unter dreißig Jahre alt. Wir schwitzen in der heißen Sonne, die nur mäßig von den Zeltplanen abgehalten wird. Von fern dringt das Geräusch der Kohlebagger zu uns, monoton knatternd. Mia Smettan, die Workshop-Leiterin, lädt uns ein, in der nächsten Stunde über unsere Care-Biografien zu sprechen. Es ist interessant und aufregend, sich seine Lebensgeschichte über Sorgetätigkeiten zu erzählen, und nicht über Job oder Studium. Eine Person in unserer Kleingruppe spricht über die Krankheit ihres Vaters, die ausgebrochen ist, nachdem die Familie lange Jahre den Großvater gepflegt hatte, und wie sehr sie sich zerrissen fühlt zwischen dem Dasein für den todkranken Vater und ihrer eigenen Berufsausbildung zur Psychologin. Eine andere erzählt davon, dass sie sich in ihrer WG von ihren männlich sozialisierten Mitbewohnern immer in die Mutterrolle gedrängt sieht. Ich erzähle von der Zeit, die ich mit meiner Tochter verbringe, und wie schwer es mir fällt, das als Arbeit zu bezeichnen – ist eine notwendige Tätigkeit immer auch Arbeit?

© Annie Spratt on Unsplash

In der Feedback-Runde sprechen einige davon, dass sie sich in Bezug auf Care – also das Sichkümmern um junge, kranke oder ältere Menschen, das Kochen, Putzen, Waschen und ganz allgemein die alltäglichen lebensnotwendigen Tätigkeiten – ziemlich kompetent fühlen, aber jetzt statt putzen auch gerne mehr reparieren und handwerkliche Fähigkeiten lernen wollen. Sind das nicht auch Care-Tätigkeiten? Die Frage bleibt offen. „Für mich war es auch ein Experiment, diesen Workshop auf der Degrowth-Sommerschule anzubieten“, sagt Mia. „Ich glaube, dass solche Räume für einen persönlichen Austausch auch wichtig sind, um sich noch einmal anders mit politischen Themen zu verbinden.“ Sie ist Mitarbeiterin beim Konzeptwerk Neue Ökonomie, einem Verein in Leipzig, bei dem rund dreißig Menschen daran arbeiten, Wirtschaft anders zu denken, und dazu Bildungs- und Vernetzungsveranstaltungen organisieren.

Mia hat eigentlich Soziale Arbeit studiert und dann ein Jahr lang den Bauprozess in ihrer Hausprojekt-Gruppe in Leipzig koordiniert. Jetzt ist sie für ein Projekt tätig, das Debatten um Sorgearbeit mit Ansätzen für eine Postwachstumsgesellschaft verknüpfen will. Das Konzeptwerk ist auch Mitorganisator der Degrowth-Sommerschule, die 2019 zum vierten Mal auf einem Klimacamp stattfindet, dieses Mal wieder, wie beim oben geschilderten Workshop im vergangenen Jahr, in der Nähe von Leipzig im Dorf Pödelwitz, das von der Abbaggerung durch den näherrückenden Braunkohletagebau bedroht ist. „Was haben die Kohlegrube hier und die Geringschätzung von Care-Arbeit überall miteinander zu tun? Das sind Fragen, die uns interessieren“, erklärt Mia. Auf dem Klimacamp Leipziger Land ist auch Narlis Guzmán Angulo eingeladen, die sich in Kolumbien dagegen einsetzt, dass Steinkohle gefördert wird. Braunkohle hier, Steinkohle da – die Strukturen sind ähnlich, „Extraktivismus“ nennen das die Professor*innen, die dazu Artikel veröffentlichen. Deutschland ist Europas größter Braunkohleproduzent – und die Verbrennung der Kohle heizt den Klimawandel weiter an. „Leave cole in the hole and oil in the soil“, skandieren die Aktivist*innen dazu.

An einem Abend des einwöchigen Camps spielt Riadh Ben Ammar sein Ein-Personen-Theaterstück „Eldorado-Europa“ über die Selbstbestimmung von Menschen aus Nordafrika. Auch diese menschengemachte Grenze ist mit Kohle und Care verbunden, das ist hier Konsens. Die Verbindungslinie heißt Wachstumswirtschaft, und Wachstumswirtschaft heißt Kapitalismus. Und der ist der Motor einer Weltwirtschaft, die dabei ist, die größte ökologische Katastrophe des Planeten – Artensterben, Bodendegradation, Wetterextreme – zu verursachen. Wie aber funktioniert diese Verbindung zwischen Care und Klima genau? Feministische Ökonom*innen haben sich dazu seit vielen Jahrzehnten Gedanken gemacht. Eine wichtige Grundfigur dieses Nachdenkens ist das „Eisbergmodell“. Von einem Eisberg ist bekanntlich nur die Spitze sichtbar, neunzig Prozent eines Eisbergs befinden sich meist für uns unsichtbar unter Wasser. Das Eisbergmodell zeigt auf, dass das, was landläufig „die Wirtschaft“ genannt wird, nur die Spitze des Eisbergs ist: also geflossenes oder angelegtes Geld, in Fabriken hergestellte Produkte und für Geld erbrachte Arbeit. Sämtliche andere Tätigkeiten, die unter der Wasseroberfläche stattfinden, sind für die Wirtschaftswissenschaften unsichtbar: das unentlohnte Kümmern um junge, alte oder kranke Menschen, jede unentlohnte Haus- und Gartenarbeit, Nachbarschaftshilfe.

Dieser große, untere Teil des Eisbergs ist die Basis, ohne die die geldbasierte Produktion im sichtbaren oberen Teil nicht existieren kann. Der untere Teil wird dabei einfach kostenlos angeeignet. Gerechtfertigt wird diese Ausbeutung durch binäre Zuschreibungen, deren Grundlage eben der vermeintliche Gegensatz zwischen der „wertvollen“ Spitze des Eisbergs und dem „wertlosen“ Rest ist: Oben stehen „produktive“ Tätigkeiten, Lohnarbeit, Zentrum, Globaler Norden, Öffentlichkeit, Zivilisation und „Männlichkeit“ – und unten die Subsistenzarbeit, Kolonien, Globaler Süden, Privatheit, Natur und „Weiblichkeit“. Feministische Postwachstumsdenker*innen wollen diese Perspektive umkehren: Was würde passieren, wenn wir tatsächlich die Grundlage des Eisbergs, die lebensnotwendigen Tätigkeiten, als Zentrum des Wirtschaftens verstehen würden? Daraus würde sich eine grundlegende Neubewertung von Arbeit ergeben, eine Anerkennung menschlicher Sorgetätigkeiten und der Produktivität von Apfelbäumen, Mikroorganismen und anderen nicht menschlichen Wesen. Und das würde ein Ende des heutigen, extraktivistischen Wirtschaftsmodells bedeuten: Denn die massenhafte Verbrennung von Öl und Kohle, die verschwenderische Nutzung seltener Erden und mineralischer Düngestoffe, alle diese Schmiermittel der globalen Weltwirtschaft, die so viele ökologische Schäden verursachen, würden an den Rand gedrängt.

So schön das klingt, so arbeitsintensiv ist der Weg dorthin, denn die Wertschätzung der Eisbergspitze ist tief eingelassen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen. Wie lässt sich daran rütteln? Ein erster Schritt dahin, so das queerfeministische Autor*innenkollektiv J.K. Gibson-Graham, ist eine Verschiebung der Perspektive: weg vom „Kapitalozentrismus“, der die Eigenlogik der anderen Wirtschaftsformen – Schenken, Tauschen, Leihen, Sammeln etc. – unsichtbar macht und damit „den Kapitalismus“ als alles beherrschende Macht immer wieder stabilisiert. Hin zu einer „community economy“, die sich stärker der Förderung der nicht kapitalistischen Wirtschaftsformen unterhalb der Wasseroberfläche zuwendet. Das bedeutet bspw. ein Umdenken gesellschaftlicher Subventionen: Warum werden Milliardengelder des EU-Strukturfonds in Unternehmen gesteckt statt in zivilgesellschaftliche Initiativen, in Nachbarschaftsnetzwerke, in selbstorganisierte Infrastrukturen? Warum werden auf allen politischen Ebenen fossile Industrien gefördert und unterstützt, in denen vor allem Männer umweltschädliche und häufig wenig nützliche Technik produzieren? Wie könnten gemeinschaftsgetragene, kollektive Betriebe, wie solche Pflege- und Sorgenetze aussehen? Dafür gibt es viele Ansatzpunkte: Kinderläden und Food Coops, solidarische Landwirtschaft, Pflegekollektive oder Senior*innen-WGs.

Allerdings lauern auf diesem Weg auch einige Fallen: Es könnte sein, dass sich die Menschen an der Spitze des Eisbergs durchaus freuen, wenn die Tätigkeiten unterhalb selbstorganisiert und weiterhin prekär oder unbezahlt erledigt werden, denn dann bleibt oben noch mehr Profit übrig. Deshalb weisen viele Degrowth-Denker*innen darauf hin, dass selbstverwaltete Strukturen Veränderungen zwar sichtbar und erlebbar machen und damit auch Raum für Selbstveränderung schaffen, dass solche Initiativen aber nur ein kleiner Schritt hin zu veränderten Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen sind, in denen ein gutes Leben für alle Menschen möglich wäre. Viele Vorschläge aus einer Degrowth-Perspektive gehen daher einen Schritt weiter und fragen sich, wie Arbeit insgesamt – die oberhalb und die unterhalb der Wasseroberfläche – anders verteilt werden kann. Eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf zwanzig Stunden pro Woche, ohne dass die unteren Gehaltsgruppen Einkommen einbüßen, Zugang für alle zu guter, nicht entfremdeter und sinnvoller kurzer Vollzeit, kollektive Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, eine Aufwertung von Sorgetätigkeiten und die geschlechtergerechte Umverteilung dieser Arbeiten auf alle, eine Anerkennung der Rechte von Nicht- Staatsbürger*innen und schließlich die Stärkung der Unabhängigkeit von Erwerbsarbeit durch eine arbeitsunabhängige Grundversorgung – das sind große Ziele. Außerdem ein Um- und Rückbau von Infrastrukturen, die nicht nachhaltig sind und den Klimawandel befeuern, so wie der Braunkohletagebau. Dafür braucht es breite gesellschaftliche Bündnisse, die das erkämpfen – derzeit ist nicht in Sicht, dass sich bspw. die Gewerkschaften für eine radikale Arbeitszeitverkürzung starkmachen oder für die Rechte papierloser Hausarbeiter*innen kämpfen würden.

Mia arbeitet gemeinsam mit ihren Kolleg*innen deshalb zunächst an Begegnungsmöglichkeiten der noch jungen Degrowth-Bewegung und Aktiven des Netzwerks Care Revolution. Das Netzwerk Care Revolution ist ein Zusammenschluss von Menschen, die selbst in Sorgeberufen tätig sind, unbezahlt Sorgearbeit leisten oder auch Sorge empfangen. Grundgedanke des Netzwerks ist es, dass nur in einem anderen Wirtschaftssystem Sorgetätigkeiten wirklich zufriedenstellend für alle Beteiligten erbracht werden können – daher braucht es eine Care-Revolution.

In Freiburg hat sich bspw. ein Care-Rat gegründet, der verschiedene kommunale Akteur*innen an einen Tisch bringt und gemeinsam Strategien entwickelt, wie Care vor Ort anders aussehen kann. Die Degrowth-Bewegung versammelt Menschen, die sich mit der Idee, dass eine soziale, gerechte und ökologische Wirtschaft jenseits des Wirtschaftswachstums möglich ist, verbinden. Das sind Aktivist*innen, die schon mal gegen Kohle in die Grube steigen und den Bagger blockieren, aber auch Menschen, die urbane Gärten bewirtschaften, als Ökonom*innen wissenschaftliche Artikel schreiben oder auch all diese Dinge parallel tun.

Aus dem Zusammendenken dieser Perspektiven sind nicht nur Formate wie Mias Workshop entstanden, sondern auch der Themenstrang zu sozial-ökologischer Transformation beim Festival „Feminist Futures“ von 12. bis 15. September 2019 in Essen. Über tausend Menschen werden erwartet, um über die Zukunft eines linken Feminismus nachzudenken. Dort wird das Netzwerk Care Revolution auch sein fünfjähriges Bestehen feiern. Es gibt, wie immer, noch viel zu tun.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/19.

 


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