Meine Oma im Inklusionsparadies

Ein Date. Ein Satz. Und unsere Kolumnistin stellt fest: Auch Deutschland ist Parallelgesellschaft.

03.09.19 > Sibel Schick
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Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Sie ist freie Autorin (taz), Social-Media-Managerin, arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation und ist Mitgründerin einer proaktiven, antisexistischen Online-Plattform. Sie provoziert gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter schreibt sie unter @sibelschick.

Von Sibel Schick

Auf seinem T-Shirt steht: „No borders, No nations“. Wir essen Burger, es ist unser zweites Date. Wir unterhalten uns, alles ist super. Dann sagt er: „Du kannst so gut Deutsch! Es gibt Leute, die seit 40 Jahren hier leben und nicht so gut Deutsch sprechen wie du!“

Eigentlich höre ich das oft, wenn ich sage, dass ich seit zehn Jahren in Deutschland wohne. Diesmal bin ich überrascht, und es liegt an seinem T-Shirt. Er weiß es nicht, aber er redet von meiner Oma. Sie gehört zu jenen, die nicht gut Deutsch sprechen, obwohl sie lange hier leben. Zwischen ihrer Biografie und meiner liegen Welten.

©Tine Fetz

Meine Oma ging nie zur Schule, sie kann nicht lesen und schreiben. Sie kam in den 70ern nach Deutschland und hatte gleichzeitig mehrere Putz- und Spüljobs. Es gab damals weder Deutsch- noch Alphabetisierungskurse, „diese Integrationskurse sind neu“, sagt sie. Das stimmt, die wurden erst 2004 eingeführt. Sie erzählt, dass es Frauen unter den Gastarbeiter*innen besonders schwerfiel, Deutsch zu lernen: „Sie mussten sich noch um den Haushalt und die Kinder kümmern.“ Männer hatten es leichter.

Ich wuchs bei meiner Mutter in der Türkei auf. Als ich nach Deutschland zog, hatte ich rote Haare, Piercings, war tätowiert. Viele sagten: „Du siehst nicht aus wie eine Türkin.“ Als Kurdin wusste ich nicht, was ich damit anfangen soll. Außerdem, wie sieht eine Türkin aus? Jedenfalls wurde ich offenbar nicht gleich als Ausländerin eingeordnet. Wenn Menschen es erfuhren, waren sie oft „positiv überrascht“, das ermöglichte mir, mich selbstbewusst zu bewegen.

Ich habe zwar nicht studiert, aber immerhin die Schule abgeschlossen. Auch ich musste kurz nach meiner Ankunft in Deutschland arbeiten und fand einen Job bei einem Kiosk. Im Gegensatz zu meiner Oma konnte ich nebenbei einen Deutschkurs besuchen. Ich wohnte im hippen Köln-Ehrenfeld, meine Oma wohnte in einem Gastarbeiter*innenviertel. 2011 fing ich an zu kellnern und hatte nur noch mit deutschen Muttersprachler*innen zu tun.

Das Kompliment „Es gibt Leute, die seit 40 Jahren hier leben und nicht so gut Deutsch sprechen wie du!“ funktioniert nur, weil im selben Atemzug die „Integrationsverweigerer“ erwähnt werden. Ganz so als wäre Deutschland ein Inklusionsparadies, und die blöden Kanax hätten nur kein Interesse teilzunehmen. Als ich beim Date von meiner Oma erzähle, sagt er: „Ich wusste nicht, dass es Analphabeten unter den Gastarbeitern gab.“

Der Duden beschreibt Parallelgesellschaft als „in einem Land neben der Gesellschaft der Mehrheit existierende Gesellschaft“. Das ist falsch. Parallelgesellschaft ist der ständige Wechsel zwischen unangenehmer Sichtbarkeit und kompletter Unsichtbarkeit. Parallelgesellschaft heißt nicht nur, dass Minderheiten lieber untereinander bleiben, sondern auch, dass sich die Mehrheitsgesellschaft für sie und ihre Probleme nicht interessiert, egal, welche linken Sprüche auf ihren T-Shirts stehen. Parallelgesellschaft ist Alltag für Minderheiten in Deutschland. Parallelgesellschaft ist Deutschland.

 


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