Und so leben sie vergnügt bis zur nächsten Herausforderung

So fühlt sich Kita-Eingewöhnung an. Ein Lob an das Berliner Modell.

05.09.19 > Jacinta Nandi
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Missy Redaktion

Von Jacinta Nandi

Du kommst dir vor wie eine schöne Prinzessin oder vielleicht ein sehr schönes aber armes Mädchen aus einem alten Märchen. Jahre über Jahre über Jahre warst du eingesperrt in einem Verließ namens Elternzeit. Eines Tages hat man dir dann erzählt, dass wenn du sehr weit läufst, weiter als jemals ein Mensch in der Geschichte der Menschheit gelaufen ist (bis zum Jugendamt in Lichtenberg, okay, du darfst auch die Straßenbahn nehmen) du eine sehr alte weise Dame, die vielleicht eine Fee ist, oder eine gute Hexe (die Tante vom Amt), in einer Höhle (Kindertagesaustattungskostenübernahmehilfeprozessstelleabteilung) besuchen kannst  und sie dir einen sehr wertvollen Edelstein (Kitagutschein) gibt und dann wirst du aus deinem Verließ befreit!

Aber wie es in Märchen dann immer so geschieht: Bevor man befreit wird, muss man noch eine letzte Hürde überstehen. Und diese letzte Hürde heißt: Eingewöhnung. “Für dreißig Tage noch musst du leiden, mein Kleines”, sagt dir die nette Hexe. “Du musst dieses Leid einfach akzeptieren, ohne jemandem zu offenbaren, dass du genervt bist. Weil dann wird es möglicherweise länger dauern…und länger….und länger……diese letzte Hürde musst du ganz allein schaffen. Und du musst deine Last in Schweigen tragen.”

©Dakota Corbin/unsplash

Mein Sohn wird eingewöhnt! Ich werde mich nie wieder über irgendetwas in Deutschland jemals beklagen, versprochen, denn das hier ist ein Paradies für die Mütter, wenn es überhaupt so etwas wie ein Paradies für uns gibt. Jeden Tag eine Stunde länger, und ich lächele und nicke, und tue so, als ob er eingewöhnt werden müsse. Heimlich denke ich, dass mein jüngstes Kind zu dem einen Prozent der Kinder gehört, die auch mit einem britischen/amerikanischen/russischen Eingewöhnungssystem klar kommen würde: Zur Kitatür bringen, Tschüss sagen und schnell abhauen. Der hat bis jetzt nicht ein einziges Mal geheult, das kleine Arschloch (ich liebe ihn mehr als ihr, deswegen darf ich ihn Arschloch nennen und ihr nicht). Wenn ich ihn abhole, jeden Tag ein bisschen später, ist er nicht glücklich mich zu sehen, sondern überrascht. „Mamie?“, sagt er, neugierig und ein bisschen verwirrt, so wie wenn du als Berliner jemanden aus Berlin in New York oder London auf der Straße siehst. Und ich will nicht unsolidarisch sein mit den armen Müttern, deren Kinder nicht leicht einzugewöhnen sind (auch ich gehörte zu euch – vor 13 Jahren) oder die unter Druck wegen ihres fest zugesagten Arbeitseinstiegs langsam panisch werden: aber zur Zeit tanze, schwebe, fliege ich, ich fliege durch die Stadt wie eine Prinzessin, die gerade von einem Fluch befreit worden ist.

Die Wahrheit ist, und ich weiß, wie mühsam die Eingewöhnung sein kann, aber die Wahrheit ist: ich finde das Berliner-Modell eigentlich sinnvoll und total befreiend. Ich weiß, es fühlt sich nicht befreiend an – besonders nicht für Ausländerinnen, Alleinerziehende oder alleinerziehende Ausländerinnen, die mit angehaltenem Atem gewartet haben, auf den Gutschein, auf den Platz, auf den Vetragsabschluss. Die Befreiung können sie riechen – dürfen aber doch nicht in den Paradiesgarten reinlaufen. Sondern immer wieder fünf Minuten in der Garderobe warten, und vielleicht zuhören, wie ihr Baby oder Kleinkind heult, schreit, verzweifelt.

Jedoch finde ich unser System hier in Berlin das bestmögliche. Es ist eine Umstellung, wenn das Kind nicht mehr immer mit dir alleine sein wird. Es ist besser für das Kind – und eigentlich auch besser für die Mamas – wenn diese Umstellung so sanft wie möglich gestaltet wird. Und ein Vorteil von dieser sanften Eingewöhnungsprozedur ist, dass das Konzept Kita dadurch nicht so stigmatisiert wird. Hier ist es nicht wie in den Staaten oder in Großbritannien, wo Mamas, die ihre Kinder vor dem 3. Geburtstag zur Kita schicken wollen, sich oft Vorträge sich anhören müssen etwa über Gehirnschäden durch den Kitabesuch und so weiter. Gähn. Wir müssen uns diese Schuldgefühle nicht einreden lassen. Unsere Kinder sind eingewöhnt. Unsere Kinder sind geborgen.

An alle Mamas, die jetzt mit der Eingewöhnung leiden, besonders die ausländische Alleinerziehende: Ich liebe euch, bleibt stark! Ihr schafft das! Bald laufen wir zusammen im Paradies. In Freiheit. Wir lieben unsere Kinder, aber wir lieben auch unsere Freiheit. Komm mit mir, wir machen einen Ausflüg ins Paradies….. Na ja. Bis zur ersten Grippenwelle, meine ich.


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