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„Man ist keine bessere Künstlerin, nur weil man Brüste hat“

Natasha Khan alias Bat For Lashes über ihr Leben in L.A. , die Musikszene und ihr neues Album „Lost Girls“.

12.09.19 > Musik

Natasha Khan alias Bat For Lashes begibt sich mit ihrem neuen Album „Lost Girls“ auf Zeitreise in die Achtziger: Inspiriert von Teenage-Movies wie „The Goonies“ oder „Lost Boys“ entwirft sie eine dunkelromantische Geschichte um die Vampirin Nikki Pink, die sie in den bereits veröffentlichten Videos selbst verkörpert – unterstützt von einer eindrucksvollen Vampirinnen-Gang aus befreundeten Tänzerinnen aus Los Angeles. Warum sie eigentlich gar nicht vorhatte, eine neue Platte zu machen, und wie es sich so in L.A. lebt, erzählt Natasha hier.

©Logan White

Kürzlich hatte ich gelesen, dass du gar kein neues Album mehr aufnehmen wolltest. Warum?
Es war einiges zusammengekommen: Ich hatte meinen letzten Plattenvertrag gekündigt und war aus London weggezogen, wo ich viele Jahre gelebt habe. Meine Wahl fiel auf Los Angeles, weil ich mich aufs Drehbuchschreiben und die Komposition von Filmmusik konzentrieren wollte. „Kids in the Dark“, die erste Single von „Lost Girls“, war ursprünglich als Titelmelodie für eine Fernsehserie geplant, aber dann überzeugte mich der Producer, dass ich ein paar Songs mehr schreiben soll – die schließlich ein ganzes Album ergaben. Aber es stimmt schon, ich wollte keine Platten mehr machen. Ich wollte alles hinter mir lassen und mich anderen Sachen widmen. Dass ich doch an einem neuen Album arbeite, habe ich ziemlich lange geheim gehalten.

War es schwer für dich, als Britin in Los Angeles Fuß zu fassen? Wie ist das Leben dort?
Am Anfang war es schwierig. Ich bin schon sehr stark von England und London geprägt, ich vermisse das Wetter (ja!) und den britischen Humor … aber die Sonnenauf- und -untergänge in Los Angeles sind spektakulär! Ich verstehe jetzt die Faszination, die die Westküste auf so viele Menschen ausübt. Und die Menschen sind total positiv drauf, alle sind so ambitioniert, wollen ihre Träume verwirklichen – und auch dir dabei helfen, deinen Traum umzusetzen. Man bekommt viel Unterstützung.
Ich wohne in einem Vorort von L.A., dort gibt es eine kleine, kreative Künstler-Connection, eine sehr lebendige Musikszene, besser als in London! Julianna Barwick lebt z. B. hier, und viele andere Künstler*innen. Aber – anders als in Berlin oder London – trifft man sich nicht einfach auf der Straße, weil selbst der Vorort ziemlich groß ist. Man muss die Leute schon einladen und kochen!

Findest du, dass wir gerade gute Zeiten für Musikerinnen erleben? Konkret meine ich, dass sich scheinbar endlich etwas zu tun scheint, mehr Frauen für Festivals gebucht werden oder Musikerinnen bei Awards abräumen …
Ach, ich weiß nicht, das würde ich so nicht unterschreiben. Es hat schon immer fantastische Musik von großartigen Musikerinnen gegeben – meine Lieblinge und Vorbilder sind überwiegend Frauen: Joni Mitchell, Aretha Franklin, Kate Bush, Nina Simone, Patti Smith … Es stimmt natürlich, dass Musikerinnen gerade sehr im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stehen, was ja auch toll ist, und schließlich profitiere ich auch davon. Aber man ist keine bessere Künstlerin, nur weil man Brüste hat – weißt du, was ich meine? 
Und klar, das Modell des männlichen Rockquartetts scheint zurzeit wirklich etwas outdated zu sein (lacht).

Dein letztes Album „The Bride“ hatte eine verbindende Geschichte und auch „Lost Girls“ ist einem Oberthema – Vampire – gewidmet: Ist das deine Methode, dem Streaming-Syndrom entgegenzuhalten, also dass man nur einzelne Songs statt kompletter Alben hört?
Ich habe schon als Schülerin gern Mixtapes gemacht, Kassetten für Freund*innen aufgenommen. Da waren meistens nur einzelne Songs einer Band drauf, weil ich hauptsächlich Singles besaß und wenige Alben. Aber diese Mixtapes hatten immer ein übergreifendes Thema, das sich durch die Songs ergab (meistens sehr romantisch, wenn man in jemanden verliebt war …). So gehe ich auch an meine eigenen Platten heran, ich mag es, wenn man ein Album wie ein Buch lesen bzw. hören kann: Die einzelnen Songs oder Kapitel ergeben das Ganze – und manchmal hat man nur Lust auf eine Short Story und nicht auf einen langen Roman, dann hört man sich eben nur einen Song an. Das funktioniert ja auch.

Auf dem neuen Album schlüpfst du in die Rolle der Vampirin Nikki Pink, du hast aber auch früher schon Charaktere erfunden, die durch die Platte führen wie z. B. Pearl von „Two Suns“. Warum machst du das?
Auch deswegen, weil es den romanhaften Charakter eines Albums unterstützt – ich würde nicht so weit gehen, von Konzeptalben zu sprechen, aber ich mag es, wenn es eine durchgehende Story und eine Hauptfigur gibt. Nicht zuletzt sind Pearl oder Nikki so etwas wie Avatare oder schlichtweg bessere Versionen meiner selbst.

Liest du Reviews und Kritiken über dich?
Selten. Eigentlich nicht, und wenn, dann nur die positiven! Mein Management stellt eine Pressemappe zusammen und sagt mir dann, welches die guten Kritiken sind (lacht). Ich mache Musik zunächst für mich selbst, ich denke nicht darüber nach, was andere denken könnten. Das war früher ganz anders: Ich kam ja von der Kunstschule, aus einem Punk-DIY-Umfeld – ich hatte anfangs immer das Gefühl, dass meine „dancy“ Songs nicht cool genug wären.

Ich finde das Instrumental „Vampires“ vom neuen Album sehr interessant, weil es Sounds verbindet, die in den Achtzigern nie zusammen zu hören waren: die Cure-Gitarre und ein Saxofon, das ein bisschen an Spandau Ballet erinnert …
Genau, ich wollte nämlich kein reines Eighties-Pastiche aufnehmen, sondern mit verschiedenen Elementen spielen. Auf „Lost Girls“ sind nur moderne Technik und Instrumente im Einsatz, es ging mir eher um eine bestimmte Atmosphäre.

Welchen Song magst du denn am liebsten?
Oh, das ist schwer – wie wenn du mehrere Kinder hättest und nun sagen sollst, welches du am meisten magst … aber tatsächlich gefällt mir „Vampires“ am besten, vielleicht weil ich nicht singe (lacht).

„Lost Girls“ ist von Teenager- und vor allem Vampirfilmen aus den Achtzigern inspiriert wie z. B. „The Goonies“ oder eben „Lost Boys“. Gibt es aktuelle Vampirfilme oder -serien, die dir gefallen?
Oh ja! Ich liebe Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ mit Tilda Swinton oder „A Girl Walks Home Alone At Night“ von der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour: Dieser Film hat einen ganz neuen, interessanten Umgang mit dem Vampirgenre. Die Vampirin trägt einen Tschador und gleitet auf einem Skateboard durch die Stadt … sehr ungewöhnlich und feministisch. Und ich gucke sehr gern schwedische Thriller auf Netflix!

Bat For Lashes „Lost Girls“ AWAL/Rough Trade

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