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Am Fließband

In der deutschen Fleischindustrie werden Frauen aus Rumänien systematisch ausgebeutet. Eine Reportage.

13.09.19 > Arbeit

Von Alexandra Voivozeanu
Aus dem Englischen von Maren Goll

Wenn du als Frau in der deutschen Fleischindustrie anfängst, erkennst du gleich zu Beginn die Regeln“, erklärt Maria*. „Du liegst nie richtig, du verdienst keinen Respekt und du hast keine Möglichkeiten, dich zu verteidigen.“

Marias Arbeitsplatz liegt versteckt hinter den hohen Zäunen eines Schlachthofs in Deutschland und ist Teil einer Arbeitsmarktpolitik, die Arbeitnehmer*innen aus dem Ausland kaum Schutz bietet. Wie zahlreiche andere Frauen lässt auch Maria ihr persönliches Leben in ihrem Herkunftsland zurück. Ihr neues Leben in Deutschland dreht sich ausschließlich um Arbeit.

©Kondor83 /SHUTTERSTOCK, Missy Magazine 04/19, Reportage
©Kondor83 /SHUTTERSTOCK

„In einer Fleischfabrik zu arbeiten bedeutet, dass du kein Leben mehr hast. Es bedeutet, nicht mehr an sich selbst zu denken und sich als Person auszulöschen. Das machst du nicht, weil es dir gefällt, sondern weil dir nichts anderes übrig bleibt. Tust du es nicht, erhältst du nicht das Geld, um nach Hause zurückzukehren oder um deine Miete zu zahlen.“ Marias Gedanken sind geprägt von einer erneuten langen Arbeitsnacht in der Hackfleischabteilung eines der größten Fleischproduzenten Deutschlands.

Während die Stadt noch im Erwachen ist, kehrt sie zu ihrem Schlafplatz zurück. Zu ihrem Schlafplatz, nicht nach Hause. Zurück in ein düsteres, überbelegtes Gebäude am nahezu unbewohnten Rand der Stadt. In ein Bett, in dem eine andere Kollegin schläft, während sie arbeitet.

Sie wartet, bis sie an der Reihe ist, um in dem dreckigen Waschraum zu duschen, den sie mit bis zu dreißig anderen Personen teilt. Obwohl sie weiß, dass selbst das Duschen den Fleischgeruch auf ihrer Haut nicht verschwinden lässt, kann sie hier kurz durchatmen. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie alleine ist.

Maria ist seit 2014 hier. Bevor sie nach Deutschland kommt, lebt sie 13 Jahre in Italien. Mit 29 beschließt sie, nach Rumänien zurückzukehren, das Land, in dem sie sich zu Hause fühlt und wo sie nun einen Job finden will. Sie sendet ihren Lebenslauf u. a. an ein Unternehmen, das Menschen anwirbt, um im Ausland zu arbeiten. Das Unternehmen meldet sich und fragt an, ob sie Interesse an einer Beschäftigung in einer deutschen Fleischfabrik habe. Maria hat in der Zwischenzeit keinen anderen Job in Rumänien gefunden und beschließt, nach Deutschland zu gehen – als entsandte Beschäftigte.

Entsandte Beschäftigte sind offiziell in einem Unternehmen in ihrem jeweiligen Herkunftsland oder in einem anderen Land der Europäischen Union beschäftigt, verrichten ihre Arbeit aber für eine begrenzte Zeit im Ausland. Die Entsendung von Arbeitnehmer*innen ist in der Europäischen Union durch die „Richtlinien über die Entsendung von Arbeitnehmern“ und in Deutschland durch das „Arbeitnehmer-Entsendegesetz“ geregelt. Zu dem Zeitpunkt, als Maria in Deutschland eingestellt wird, haben entsandte Beschäftigte einen Anspruch auf Gehälter und Arbeitskonditionen, die gerade so den Minimalstandards in Deutschland gerecht werden. Eine Reihe von Rechtsfallentscheidungen zugunsten der Unternehmen macht es zudem für die Gewerkschaften schwer, kollektive Abkommen für entsandte Beschäftigte auszuhandeln.

Entsandte Beschäftigung macht nur rund ein Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung in Europa aus. Für wirtschaftliche Sektoren, die aufgrund eines katastrophalen Arbeitsrhythmus, unregelmäßiger Arbeitszeiten und niedriger Löhne unattraktiv für binnenländische Beschäftigte sind, sind entsandte Beschäftigte eine begehrte Arbeitskraft. Das gilt auch für die deutsche Fleischindustrie. Laut Zahlen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten waren 2014 in den vier größten deutschen Fleischunternehmen 16.452 Arbeiter*innen angestellt. Der Anteil entsandter Beschäftigter, die durch Subunternehmer*innen beschäftigt wurden, lag dabei bei fast siebzig Prozent.

©El Nariz /SHUTTERSTOCK,Missy Magazine 04/19, Reportage
©El Nariz /SHUTTERSTOCK

Als Maria nach Deutschland aufbricht, erwartet sie einen angemessenen Arbeitsplatz. Was sie allerdings gleich zu Beginn lernt: Hier wird ihr nichts geschenkt. Um die Anstellung im Ausland überhaupt erst antreten zu können, muss sie 750 Euro Vermittlungsgebühr zahlen: 350 Euro vor ihrer Abreise und 400 Euro nach Eingang der ersten Gehaltszahlung. Rechnet sie das Busticket nach Deutschland hinzu, liegen ihre Kosten bei rund 1000 Euro. Das Geld dafür borgt sich Maria in Rumänien. Denn zahlen muss sie, obwohl rechtlich gesehen ihr Arbeitgeber für ihre Reise- und Unterbringungskosten aufkommen müsste.

Nach ihren ersten Monaten in Deutschland wird von Maria verlangt, dass sie eine Zuzahlung für ihre Unterkunft leisten soll. Der Betrag variiert: „Je nachdem wie viele Personen im Raum schlafen, je nachdem wie viele im gleichen Bett schlafen. Für 300 Euro pro Person schlafen nur zwei Personen in einem Bett, für 200 Euro sind es drei.“ Die Arbeit selbst findet Maria in Ordnung. Teil eines Algorithmus zu sein, allerdings nicht. Bei der Arbeit kommt es auf Geschwindigkeit an. Pausen gibt es fast keine. 260, 280 oder sogar 300 Arbeitsstunden pro Monat sind normal. Die Tage verlaufen ähnlich. Von der Arbeit kommen. Zum Supermarkt gehen. Sauber machen. Zu Hause in Rumänien anrufen. Schlafen gehen. Und alles wieder von vorne. Dazwischen passiert nicht viel. Am Ende des Monats erhält Maria ein Gehalt von 950 bis 1000 Euro. Es werden Abzüge gemacht: Für die Unterbringung, Nebenkosten, Krankenkasse, Arbeitsausrüstung, Fahrtkosten zur Arbeit und zurück. Manchmal selbst für Krankentage.

Nach sechs Monaten Arbeit auf dem Schlachthof – in einem absurden Rhythmus – bekommt sie eine Infektion: „Meine Schuhe waren nicht neu, eine andere Person hatte sie vor mir benutzt.“ Da sie sich nicht krankmelden möchte, schiebt sie den Besuch bei einer*m Ärzt*in so lange auf, bis sie nicht mehr laufen kann. Ihr wird gesagt, dass sie operiert werden muss. Für ihre*n Arbeitgeber*in bedeutet das, dass sie fehlen wird. Eine fehlende Arbeiterin ist eine wertlose Arbeiterin. Sie wird gefeuert.

In einem ihrer Artikel erklärt Ursula Mense-Petermann, Professorin an der Universität Bielefeld, dass die größten deutschen Fleischproduzent*innen im Laufe der Zeit ein System entwickelt haben, das auf osteuropäische Fremdunternehmen angewiesen ist. Indem sie ihre Arbeitnehmer*innen durch Fremdunternehmen einstellen, haben sie ihnen gegenüber keine Verpflichtungen wie bei regulär Beschäftigten. Auf der anderen Seite stehen all die Arbeiter*innen, die bereit sind, solche intensive Arbeitsrhythmen und schlechte Konditionen zu akzeptieren. Dieses System erlaubt Produzent*innen Kosten bei ihren Arbeitskräften einzusparen. Ein ganzes Schwein zu schlachten kostet nur 1,50 Euro. Fleischproduktion erfolgt bei wettbewerbsfähigen Preisen. Währenddessen machen zehn der größten Unternehmen in Deutschland jedes Jahr rund zwanzig Billionen Euro Gewinn.

2011, mit Ende zwanzig, beschließt auch Iulia*, ihren Job im Hotelgewerbe in Rumänien aufzugeben. Ihr damaliges Einkommen ist kaum ausreichend, um die Lebenskosten zu decken, und eine Aussicht auf Verbesserung gibt es nicht. Sie spricht kein Deutsch, also wendet sie sich an ein rumänisches Vermittlungsunternehmen. Nach ihrer Kündigung im Hotel arbeitet sie zunächst unbezahlt in dem Unternehmen, bis sie dort für einsetzbar in der deutschen Fleischindustrie befunden wird. Im Ausland ist es hart für Iulia. Sie beginnt ihre Schichten um ein Uhr nachts und beendet sie 12, 13 oder sogar 14 Stunden später. Die Kälte in der Fabrik setzt ihr zu. Ihr ganzer Körper ist geschafft, ihre Lungen schmerzen. Am Fließband müssen ihre Bewegungen schnell sein. Dabei steht stets eine Person hinter ihr und passt auf, alles wird überprüft. Ihr Vorarbeiter wird schnell wütend. Dann schreit er und wirft Dinge nach ihr. „Er war sehr aggressiv“, erinnert sich Iulia, „sowohl verbal als auch körperlich. Aber er war auch sehr gut in seinem Job. Der Job war seine Leiden- schaft.“ Iulias Vorarbeiter steigert den Umsatz, Grund genug für die Fabrikleitung, sein Verhalten durchgehen zu lassen.

Die Probleme mit dem Vorarbeiter beschränken sich nicht nur auf die Arbeit in der Fabrik. Obwohl die Unterkünfte geschlechtergetrennt sind, schläft er immer wieder im Wohnbereich der Frauen. Eines Tages findet Iulia heraus, dass er in den Raum ihrer Kollegin eindringt und sie belästigt: „Er hat sie angefasst und geschlagen. Sie sollte sich für ihn ausziehen.“ Ihre Kollegin fühlt sich ausgeliefert. Als alleinerziehende Mutter hängen ihre Kinder von dem Einkommen ab, das sie nach Hause schickt. „Meine Kolleginnen mussten diese Dinge irgendwie akzeptieren, weil sie, wie soll ich es sagen“, Iulia stockt, „weil sie einfach verzweifelt waren.“ Eine andere Kollegin macht ähnliche Erfahrungen und zeigt den Vorarbeiter bei der Fabrikleitung an. Wegen mangelnder Beweislage wird der Sache allerdings nicht weiter nachgegangen. Der Vorarbeiter behält seine Anstellung.

Die Probleme auf der Arbeit und in der Unterkunft werden für Iulia zu viel. Sie kündigt, gibt aber ihren Plan von einem Arbeitsverhältnis im Ausland nicht auf. Mit dem Vorsatz, mit einer besseren Anstellung bald wieder im Ausland zu sein, kehrt Iulia nach Rumänien zurück. Für ihren Plan braucht Iulia eine rumänische Vermittlung, ein Unternehmen in Rumänien, ein Unternehmen in Polen (wo ihr Vertrag offiziell registriert wird) und ein Fremdunternehmen in Deutschland. Von ihrer Arbeit profitieren vier Vermittler*innen aus drei Staaten – alle mit ihrem eigenen Anteil.

©”Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung", Missy Magazine 04/19, Reportage
©”Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung“

Neben den Gewinnen, die die Frauen den Fleischproduzent*innen bescheren, sind sie vor allem für die Vermittlungsunternehmen eine Profitquelle – für die Vermittler*innen und Vermittlungsagentur in den Herkunftsländern gleichermaßen wie für die deutschen Unternehmen, die die Verträge mit den Fleischproduzent*innen aushandeln. Für Arbeiter*innen ohne Verbindungen in ihr Zielland und ohne lokale Sprachkenntnisse bleibt oft nur der Weg über die Vermittlungsunternehmen. Obwohl es Risiken für sie birgt, ist es eine gängige Möglichkeit, eine Anstellung in Deutschland zu finden. Iulia hat ihren Vermittler im Internet gefunden und ihm im Voraus 350 Euro für die Organisation der Dokumente und für die Reise bezahlt. Im Austausch dafür bekommt sie weder eine Rechnung noch eine Garantie. Für Iulia ist es in diesem Fall noch mal gut gegangen. Andere Menschen geraten dagegen in Situationen, die sie sich vorher nicht vorstellen konnten:„Viele ehemalige Arbeiter*innen[…]heuern heute neue Arbeiter*innen an […]. Und viele von ihnen sind Schweinehunde. Sie ziehen Gebühren von Menschen ein, die sie dann nie wiedersehen. Oder sie versprechen ihnen vorher ein Gehalt, das nicht im Entferntesten mit dem übereinstimmt, was sie dann im Ausland erhalten“, erzählt Iulia. Iulia arbeitet drei Jahre in der zweiten Fleischfabrik. Zu Beginn sind die Konditionen in Ordnung, aber sie verschlechtern sich, als ein neues Unternehmen die Fabrik übernimmt. Es gibt weniger Geld für mehr Arbeit, wieder zusätzliche Gebühren für die Unterbringung und eine erhöhte Anzahl von Personen, die sich ein Zimmer teilen. Lungenprobleme bewegen sie schließlich dazu, ihre Arbeit in der Fleischfabrik zu beenden.

In den letzten Jahren hat sich die Rechtslage für die Angestellten in der deutschen Fleischindustrie etwas verbessert: Seit 2016 müssen alle Arbeiter*innen durch ein deutsches Subunternehmen beschäftigt werden. Doch in der Realität zeigt sich das nur bedingt. Zwar sind sie jetzt in Deutschland registriert, aber es sind die gleichen osteuropäischen Unternehmen wie zuvor. 2018 hat der Europarat eine Überarbeitung der Richtlinie über die Entsendung von Arbeitnehmer*innen verabschiedet. Die Veränderungen ermöglichen den Arbeitnehmer*innen aus dem Ausland nun wie binnen- ländisch Beschäftigten Zugang zu Sonderzahlungen und Freibeträgen. Teilweise verbessert der neue, offizielle Entsendungsrahmen die Situation der entsandten Beschäftigten. Nichtsdestotrotz ist der Spielraum für Arbeitsmissbrauch hinter den geschlossenen Türen der Fabriken nach wie vor groß.

Auf ihrer Jagd nach Profit erschaffen Großunternehmen transnationale Systeme, in denen Arbeiter*innen sehr verwundbar werden. Maria und Iulia haben sich auf den Weg ins Ausland gemacht, um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Anstelle der erhofften angemessenen Lebensbedingungen finden sie sich aber in einer extrem prekären Lage wieder. Aufgrund mangelnder rechtlicher Rahmenbedingungen und eines fehlenden Unterstützungssystems bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf sich selbst zu verlassen. Als Maria gekündigt wird, nutzt sie ihre knappen Ersparnisse, um zusammen mit zwei Kolleginnen eine Wohnung zu mieten. Durch diese Sicherheit findet sie eine geregelte Anstellung in der Reinigungsindustrie. Auch Iulia lässt nach Jahren in verschiedenen Fleischfabriken in Deutschland und in den Niederlanden diese Arbeit hinter sich. Mithilfe ihrer Cousine findet sie eine neue Anstellung, wieder in einer Fabrik – diesmal in der Versandabteilung. Beide hatten die Stärke, in einem unsicheren Arbeitsmarkt nicht unterzugehen – vorerst.

* Die Protagonistinnen der Reportage werden auf ihren Wunsch nur beim Vornamen genannt. Die Namen wurden geändert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/19.

 

 


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